Titel: Ueber den Verfall des neuen englischen Parlamentspalastes in Westminster.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164, Nr. LXXVI. (S. 283–286)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/ar164076

LXXVI. Auszug aus dem Comitébericht über den Verfall des neuen englischen Parlamentspalastes in Westminster.

Aus dem Civil Engineer and Architect's Journal, November 1861, S. 337.

Obwohl aus den Berichten des betreffenden Comité's und des Specialcomité's44) sich weder eine mit Sicherheit erwiesene bestimmte Erklärung, noch eine verläßliche Abhülfe für den so viel Aufsehen erregenden, allgemein bemerkten Verfall der erst seit 7–8 Jahren im Bau vollendeten Parlamentshäuser ergeben hat, so sind doch mehrere in dem Bericht enthaltene Thatsachen und Schlüsse von solchem Interesse, daß wir diese hier in kurzem Auszuge mittheilen wollen, wobei wir nur die als unbestreitbar feststehenden Thatsache berücksichtigt haben.

1) Es ist sehr schwer, eine genaue Uebersicht über die Ausdehnung und den gegenwärtigen Zustand des Verfalls zu geben.

2) Im Allgemeinen scheint es, daß der angewandte Stein – Bitterkalk, hauptsächlich aus den Steinbrüchen von Anston45) – viel eher an feuchten und geschützten Stellen verwittert, als da, wo er der freien Einwirkung der Atmosphäre ausgesetzt ist. Namentlich scheint die Feuchtigkeit |284| an den den herabfallenden Tropfen ausgesetzten Stellen und die capillare Ansaugung der Feuchtigkeit am gefährlichsten zu seyn.

3) Es scheint nicht, daß der Verfall dem Umstande zugeschrieben werden kann, daß die Steine am Baue nicht dieselbe horizontale Lage eingenommen haben, wie an ihrem ursprünglichen Platze im Steinbruche, indem sich vielmehr manche offenbar ganz anders gelegte Steine gerade am besten erhalten haben.

4) Die Ausdehnung des Verfalls über die ganze Oberfläche ist nicht annähernd zu schätzen; sie ist ohne Zweifel in Betracht des Alters des Baues sehr beträchtlich, allein man muß annehmen, daß noch mehr Unheil unter der bis jetzt unversehrten Oberfläche verborgen liegt.

5) Bis jetzt erscheint der Verfall am meisten an den platten Flächen; die fein geschnitzten und ausgehauenen Theile haben weniger gelitten; auch ist der Verfall noch von keinem Einfluß auf die Festigkeit des Gebäudes gewesen.

6) Die Steine sind nicht aus dem Bruch zu Bolsover genommen, welcher ursprünglich dazu bestimmt war; auch später wurde wieder der Bruch zu Mansfield Woodhouse verlassen, welcher anerkannt vorzügliche Steine liefert. In beiden Fällen war der Grund der, daß die Steine nicht in hinlänglicher Menge und Größe zu erhalten waren.

7) Was die Auswahl der Steine betrifft, so ist zu bedauern, daß dieselbe nicht in den einzelnen Fällen mit der erforderlichen Sorgfalt von Sachverständigen getroffen wurde. Ein solcher hatte sich erboten, gegen einen Gehalt von jährlich 150 Pfd. Sterl. diese Auswahl, welche er vermöge seiner Erfahrung wohl zu leiten geeignet war, zu übernehmen; doch wurde aus sehr untergeordneten Gründen dem Anerbieten keine Folge gegeben.

8) Es erscheint auf keinen Fall gerathen, zu Verhütung weiteren Verfalls ein Verfahren anzunehmen, das eine allgemeine Ueberkleidung, Bestreichung, oder ein Oelen oder Abwaschen des ganzen Gebäudes zur Folge hätte. Ein großer Theil der Steine ist durchaus unversehrt, und wird es noch lange bleiben; aber da, wo der Verfall beginnt, muß ihm auf irgend eine Weise Einhalt gethan werden.

9) Wo das Herabfallen von Regentropfen etc. die Ursache der Zerstörung des Steines ist, kann leicht locale Abhülfe durch Ueberdachung etc. geboten werden.

Ein verläßliches Mittel, die Steine wirsam zu conserviren, ist aber bis jetzt noch nicht ermittelt worden. Indessen ist es nur dann möglich, ein bestimmtes Urtheil über die einzelnen Vorschläge zu fällen, wenn dieselben bei der betreffenden Probe sich in längerer Zeit bewährt haben.

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Es kann in dieser Beziehung nur sehr gewünscht werden, daß eine größere Reihe von speciellen Experimenten begonnen werden möge.

10) Bei diesen Experimenten müssen die verschiedenen Verhältnisse der Höhe, der Lage, der Exposition etc. berücksichtigt werden; es müssen dabei die verschiedensten Arten chemischer Agentien versucht und vor Allem der Schutz gegen fortwährende Feuchtigkeit an den betreffenden Stellen ins Auge gefaßt werden. Ferner erscheint es wünschenswerth, überall auf die erste Anzeige eines Verfalls zu achten und gleich Mittel dagegen anzuwenden. Ein großer Theil der verwendeten Steine ist von guter und dauerhafter Natur, und es wird daher ohne Zweifel gelingen, dem Verfall gänzlich Einhalt zu thun.

11) Von den vorgeschlagenen Schutzmitteln ist ein Theil nur vor der Verwendung der Steine zum Bau anwendbar, ein anderer Theil beruht auf gänzlich falschen Ansichten und Ideen, und kann ebenso wenig ins Bereich der Versuche gezogen werden, wie die vielfach angepriesenen Geheimmittel. Diejenigen Mittel, deren Anwendung wirklich in Betracht kommen kann, sind vorzugsweise: Kali- oder Natron-Wasserglaslösungen von verschiedener Concentration, mit oder ohne Zusatz von anderen Salzen; Flußsäure und deren Verbindungen; Phosphorsäure und deren Verbindungen; Lösungen der alkalischen Erden oder ihrer Bicarbonate.

Die zum Theil bereits begonnenen Versuche mit einzelnen dieser Substanzen können erst im Verlauf von ein paar Jahren ein sicheres Urtheil über den Erfolg begründen helfen. Doch erscheint es wünschenswerth, auch einige organische Substanzen, wie Leinöl, Paraffin, Wachs und einige Gummiarten und Harze im Vergleich mit jenen unorgani-Verbindungen zu den Versuchen hinzuzunehmen.

12) Der an den Parlamentshäusern benutzte Stein gehört als ein Magnesia enthaltender Kalkstein derjenigen Classe von Bausteinen an, welche für die zersetzende Einwirkung von Säuren sehr empfänglich sind. Bei der Beurtheilung dieser Einwirkung ist jedoch nicht zu vergessen, daß sie nicht für alle Substanzen von gleicher chemischer Natur dieselbe ist, sondern daß sie auch wesentlich von deren Aggregatzustande bedingt wird, und sich daher nicht a priori feststellen läßt. Dieß ist auch gewiß die Ursache, weßhalb verschiedene Stellen an dem in Rede stehenden Bau so verschieden erhalten sind, obgleich ein Unterschied zwischen denselben in chemischer Hinsicht nicht zu entdecken ist.

13) Von denjenigen Agentien, welche eine chemische Einwirkung auf die Steine geübt haben können, sind jedenfalls Kohlensäure und Wasser die wichtigsten; die Reactionen derselben sind hinlänglich bekannt und erklärt.

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Dasselbe gilt für die mehr mechanische Wirkung des Wassers durch bloßes Eindringen und späteres Gefrieren.

14) Nach neueren Untersuchungen bildet die Salpetersäure einen steten Bestandtheil der Atmosphäre; auch die Schwefelsäure kommt in der Luft volkreicher Städte, wo große Mengen Steinkohlen verbrannt werden, in solchem Verhältnisse vor, daß man wohl eine schädliche Einwirkung derselben auf das Material der Gebäude annehmen kann. So enthält z.B. nach den Bestimmungen von Dr. Angus Smith die Luft von Manchester 1 Thl. Schwefelsäure in 100000 Thln. Luft, in der Mitte der Stadt sogar 25 Thle. in 100000. Ohne Zweifel ist aber die Londoner Luft ebenso beladen mit Säure und daher für kalkige Gesteine sehr schädlich.

15) Die Schwefelsäure, wenn sie auf den Magnesiagehalt der Steine wirkt, veranlaßt in denselben durch Bildung einer krystallisirten Verbindung auch noch eine ähnliche zerstörende Wirkung, wie das in den Poren des Steines gefrierende Wasser. Hat ja doch ein französischer Chemiker den Vorschlag gemacht, die durch Gefrieren des Wassers zu zerbröckelnden Gesteine dadurch zu prüfen und zu erkennen, daß man sie mit Glaubersalzlösung durchdringen und diese darin krystallisiren läßt. In der That haben sich auch in anderen Fällen, wie z.B. an den irdenen Vasen im British Museum Abblätterungen in Folge der Entstehung und Krystallisation von salpetersaurem Kalk im Innern der Masse herausgestellt. Ebenso ist die Krystallisation von Bittersalz nach mancherlei Erfahrungen im Stande, Gewebe u.s.w., welche mit diesem Salze getränkt wurden, in hohem Grade zu schwächen und mürbe zu machen. Und so sind denn auch wirklich am Parlamentspalaste Efflorescirungen von schwefelsaurer Magnesia an verwitternden Stellen der Steine aufgefunden worden, wodurch also die ausgesprochene Theorie einen experimentellen directen Beleg erhält.

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Das Specialcomité bestand aus den Chemikern: A. W. Hofmann, E. Frankland und F. A. Abel.

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Nach der Analyse von Ransome und Cooper hat dieser Bitterkalk folgende Zusammensetzung:

kohlensaurer Kalk54,80
kohlensaure Magnesia42,07
Eisenoxydul0,49
Eisenoxyd0,24
ManganoxydulSpur
Kieselerde0,56
Wasser0,51
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