Titel: Die Herstellung der Webepatrone durch Photographie, erfunden vom Civilingenieur Friedrich Schäfer, ausgeführt vom Photographen Wilhelm Rupp in Prag.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 5 (S. 73–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi01_5

Die Herstellung der Webepatrone durch Photographie, erfunden vom Civilingenieur Friedrich Schäfer, ausgeführt vom Photographen Wilhelm Rupp in Prag.

Aus einem im Gewerbeverein zu Prag am 17. März 1862 gehaltenen Vortrage des Ingenieur Schäfer.

„Als ich in dem im April 1858 hier gehaltenen Vortrage über Weberei meine schon im October 1852 gemachten Versuche über elektrische Weberei mittheilte, welche vor jenen des Hrn. Bonelli, der im Juli 1853 damit auftrat, angestellt wurden, sagte ich am Schlusse, daß die Zukunfts-Weberei in einer Weberei mit Naturkräften bestehen werde; man werde mit Dampf den Stuhl betreiben, mit Elektricität vom Muster weben, und mittelst der Photographie sich die Muster bilden. Letzteres trifft nun schon vollständig ein, denn ich lege heute die vergrößerten photographischen Bilder vor, welche von dem hier als Künstler rühmlich bekannten Photographen Rupp nach meiner Angabe gefertigt sind und zur Londoner Ausstellung gesandt werden; diese Bilder zeigen mit aller Naturtreue das im Stoffe kleine Muster der Blume in Seide gewebt. Die Vortheile dieser Erfindung theile ich nun in Kürze mit.

Wollte man bisher ein Muster nachahmen, so mußte man das Muster decomponiren und dann componiren; es ist dieß, insbesondere bei feinen Seidenmustern, eine mühselige und kostspielige Arbeit, denn die Herstellung der Patrone erfordert viel Zeit. Dagegen braucht man jetzt nur ein Negativbild auf Glas in gleicher Große des Musters zu fertigen, und dieses dann durch den Vergrößerungsapparat in der Größe der gewünschten Patrone photographisch herzustellen; die Gelungenheit der einen vorgelegten Blume, welche von einem neuen weiß seidenen Kleide mit bunten Blumen aus Paris hergestellt ist, beweist den vollkommenen Erfolg dieses Verfahrens, während das erste vorgezeigte Bild, wegen schon beschädigter Flottfäden des Musters, weniger gut erscheint, aber doch genügt, um danach, wie dieß hier auf Pausleinwand von mir ausgeführt ist, die colorirte Patrone zu bilden.

Dieser nicht unbedeutende Fortschritt in der Weberei, wird sich ohne Zweifel schnell Bahn brechen.

Diese Erfindung ist aber nicht nur wichtig beim Nachahmen bestehender Muster, sondern sie gewährt auch großen Vortheil bei Bildung neuer Muster. Man arrangirt sich die Blumen und Arabesken, welche das Dessin geben sollen, und nimmt sich dasselbe als photographisches Bild in solcher Größe, als es im Gewebe erscheinen soll; man kann |74| sich also auf einem Bogen Papier, das Gewebe repräsentirend, die Blumen (in kleinem Maaßstabe ausgeführt) vertheilen, sie coloriren, und sich das Zukunftsbild des fertigen Stoffes schon getreu vor Augen führen, und nachdem man mit seinem Arrangement sich geeinigt hat, vergrößert man die Blume oder das Muster so, daß aus der Vergrößerung die Patrone sich fertig darstellt. Wählt man zur Vergrößerung Papier, welches ähnlich dem jetzt gebräuchlichen Patronenpapier statt der gedruckten Linien in Carreaux, diese Linien als Wasserzeichen enthält, so ist die Patrone sofort bis zum Coloriren fertig, und in zahlreichen Fällen sogleich zu benützen. – Für verzerrte Musterpatronen bietet dieses Verfahren gleichfalls eine sehr große Hülfe bei Darstellung der gezerrten Patrone. – Bei der Darstellung solcher vergrößerter Muster sind natürlich manche Umstände zu berücksichtigen, z.B. die nothwendige Veränderung solcher Farben, welche sich (wie Carmesinroth) nicht gut wiedergeben lassen, ferner daß die den Abband bezeichnenden Punkte, mit hellblauer Farbe dargestellt, sich deutlicher anzeichnen etc.

Aber auch für die Photographen selbst ist diese Erfindung von Wichtigkeit, indem sie ihnen ein neues, auf die Unterstützung der Industrie basirtes, lohnendes Feld eröffnet.

Was nun das Ablesen der Jacquardkartenschlägerin betrifft, wenn sie solche photographische Patronen vor sich hat, so sey noch bemerkt, daß sich beim vorliegenden Muster, dem vom neuen noch platten Stoffe so vortrefflich abgenommenen Bilde, der Abband sehr genau, ebenso die Schußfäden in horizontaler Linie abgezeichnet haben; minder deutlich sind die Kettfäden zu sehen, und ich schlage daher zur Vermeidung der langweiligen verticalen Linienziehung ein Instrument vor, welches leicht herstellbar ist und diesen Zweck erfüllt. Man bilde sich aus zwei von einander entfernt stehenden geraden dünnen Linealen eine Art Rietblatt, an welchem indessen das Rohr oder Metall aus Pferdehaaren besteht, und lege das Lineal, wie bisher beim Schlagen, an die Länge des Schußfadens, so bilden die verticalen Pferdehaare mit den im Bilde sichtbaren Schußfäden jene Vierecke (Carreaux), welche dem Mädchen beim Ablesen nothwendig sind; und da die Jacquardkarten 5, 6, 8, auch 10 Loch hoch sind, so bringe man in diesem Rietblatte aus Pferdehaaren je nach der Kartenhöhe stets auf 5, 6, 8 oder 10 Fäden der, am besten schwarzen Pferdehaare, ein braunes oder weißes an, damit das Karten schlagende Mädchen beim Einlesen vollkommen orientirt wird, also weiß, wenn sie die Karte weiter rückt.

Wenn ich für diese Erfindung mir die Priorität gesichert wünsche, so kann ich doch nicht unterlassen anzuerkennen, daß dem Hrn. Rupp wegen seiner großen Bereitwilligkeit, meine Erfindung im Interesse der Industrie auszuführen, ein nicht minder großer Verdienstantheil gebührt, da er weder Zeit noch Kosten scheute, meine Idee ins Leben zu führen; er stimmte auch mit mir darin überein, daß wir ohne Entgelt oder Patentnachsuchung diesen Fortschritt zur allgemeinen Anwendung der Oeffentlichkeit übergeben; ich stelle daher den Antrag, der Gewerbe-Verein möge Hrn. Rupp seine Anerkennung ausdrücken.“ (Diesem Wunsche wurde allseitig Folge gegeben.)

Fabrikanten können durch postfreie Einsendung von ganz gut erhaltenen Mustern dieselben gegen mäßige Entschädigung als photographische Patrone beziehen, und sich dadurch am ehesten vom Werthe dieser Erfindung überzeugen; Hr. Rupp ist im Stande 12 Fuß hohe und 12 Fuß breite Flächen zu photographiren, also große Patronen herzustellen.

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