Titel: Die Schußproben, welche in Shoeburyneß mit ungezogenen Armstrongkanonen und Zielscheiben aus Eisenplatten angestellt wurden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 4 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi03_4

Die Schußproben, welche in Shoeburyneß mit ungezogenen Armstrongkanonen und Zielscheiben aus Eisenplatten angestellt wurden.

Den Artikel der Times in diesem Betreff lassen wir hier nach der Allgemeinen Zeitung vom 15. April d. J. folgen:

Während ganz Europa mit Staunen über das Ergebniß des Kampfes zwischen „Merrimac“ und „Monitor“ erfüllt ist, haben wir über neue Experimente zu berichten, welche ganz entgegengesetzte Resultate als das Zusammentreffen jener beiden Eisenschiffe zu Tage förderten. Es sind nämlich am 8. April in Shoeburyneß Versuche mit einer neuen Kanone großen Kalibers angestellt, und mit derselben die allerstärksten bisher fabricirten Eisenplatten so leicht durchlöchert worden, als wären sie bloßes Holz gewesen. In den letzten zwei oder drei Jahren bestand ein unausgesetzter sehr löblicher Wetteifer zwischen dem Kriegsministerium und der Admiralität: ersteres bemühte sich unwiderstehliche Artilleriestücke, letztere unverwundbare Fahrzeuge herzustellen. Das Uebergewicht der einen und der anderen zu erproben, waren in Shoeburyneß endlose Versuche mit den verschiedensten Zielschieben gemacht worden, mit Zielscheiben aus bloßem Eisen, aus einer Verbindung von Eisen mit Holz, Eisen und Kautschuk, Eisen und Hanf, Eisen und Drahtgeflechten. Kaum hatte eine auswärtige Macht ein Schiff neuer Art zu bauen angefangen, so waren Sectionen desselben auch schon in Shoeburyneß als Zielscheiben für unsere Artillerie zu schauen, und unsere Leser werden wohl überrascht seyn, wenn wir ihnen jetzt sagen, daß auch der „Monitor“, lange bevor er vollendet war, die Aufmerksamkeit unserer Admiralität in Anspruch genommen hatte, daß eine Section desselben als Zielscheibe aufgestellt, und – von unseren gewöhnlichsten Geschützen durchlöchert worden war.

Man wird sich an die Schießproben erinnern, die vor einiger Zeit gegen eine Section des „Warrior“ unternommen worden waren. Es war eine 20 Fuß lange und 10 Fuß hohe Zielscheibe, genau wie die Breitseite des „Warrior“, behufs dieser Experimente angefertigt und den allerschwersten Schußproben unterzogen worden. 68pfündige, 100pfündige und 200pfündige Vollkugeln wurden einzeln und zu halb Dutzenden während anderthalb Tagen gegen diese Zielscheibe abgefeuert. Sie krachte in allen ihren Fugen, sie wurde beinahe glühendheiß, aber durchschossen wurde sie nicht, und seitdem glaubte man das Kriegsministerium habe den kürzeren gezogen, und der Admiralität sey es wirklich gelungen, ein unverwundbares Schiff herzustellen. Es war ein kurzer Triumph. Schon |236| während alle diese Experimente im Gange waren, hatte man die Beobachtung gemacht, daß der altmodische 68Pfünder den Eisenplatten der Zielscheibe gefährlicher sey, als die neue Armstrong'sche gezogene 110pfündige Kanone. Woher kam dieß? Weil jene eine stärkere anfängliche Geschwindigkeit ihres Geschosses, vermöge ihrer größeren Pulverladung erzielte. Die Schnelligkeit des Geschosses der Armstrongkanone beträgt nämlich 1150 bis 1200 Fuß in der Secunde, die der alten ungezogenen Kanone dagegen 1600 Fuß in der Secunde. Letzteres gilt aber – und das ist wohl zu beachten – nur im Anfang ihres Fluges. Hat die Kugel der alten Kanone einen Raum von 1500 Fuß durchflogen, so wird sie matter, ihre Flugkraft vermindert sich von da an äußerst schnell, und schon nach 9000 Fuß streift sie den Boden. Nicht so das Geschoß der gezogenen Läufe. Vermöge ihrer conischen Form und ihrer spiralen Fortbewegung besiegen sie den Widerstand der Atmosphäre so erfolgreich, daß diese Art Geschosse ihre ursprüngliche Geschwindigkeit auf eine Flugweite von 21,000 Fuß und darüber beibehalten. Daraus folgt, daß wenn ein altmodisches und ein gezogenes Geschütz zu gleicher Zeit abgefeuert werden, die Kugel des ersteren sofort einen Vorsprung erzielt, daß sie diesen aber bald einbüßen wird, denn bei 2100 Fuß Flugweite ist schon beider Geschwindigkeit einander gleich, bei 3600 Fuß ist das Geschoß der alten Kanone schon überholt, und bei 7500 oder 9000 Fuß streift es schon ermattet den Boden, während das Geschoß der gezogenen Kanone sich noch im vollkräftigsten Fluge befindet. Werden aber beide aus verhältnißmäßig kleinen Entfernungen auf stehende Scheiben abgefeuert (und das geschah doch gewöhnlich um die Widerstandskraft der Eisenplatten zu erproben), dann übt die Kugel aus der alten Kanone vermöge ihrer größeren Anfangsgeschwindigkeit eine viel zerstörendere Wirkung aus, als die aus gezogenen Röhren abgefeuerte. Diese in der Theorie als richtig anerkannte Thesis hat sich nun am 8. April in der Praxis vollständig bewährt. Sir William Armstrong stellte der Regierung eine nach seinem Princip angefertigte Kanone von 14 Fuß Länge und 240 Centner Schwere zur Verfügung, einen 300Pfünder, dessen Rohr jedoch noch nicht gezogen war, und der in diesem Zustande Hohlkugeln von 156 Pfd. abfeuern konnte. Mit diesem Geschoß wurde in Gegenwart des Herzogs v. Cambridge, des Marineministers und vieler anderen hochgestellten Officiere am 8. d. auf die bisher undurchdringliche Section des „Warrior“ gefeuert, und siehe da, beim ersten Schuß daraus zerschmetterte die 156 Pfd. schwere Stückkugel, bei einer Pulverladung von 40 Pfd., auf eine Distanz von 600 Fuß, die von ihr getroffene 4 1/2 zöllige Eisenplatte in zahllose Trümmer, zerschmetterte deßgleichen die unterliegende 12 Zoll starke Fütterung aus Tekholz, und wurde erst durch die innerste 1 Zoll dicke Eisenbekleidung in ihrem zerstörenden Flug aufgehalten. Das geschah bei einer Pulverladung von 40 Pfund; als man dieselbe auf 50 Pfd. gesteigert hatte, schlug die Kugel durch alle Eisen- und Holzlagen bis tief hinein in die Mauer aus Granit, welche der Zielscheibe zur Stütze und Lehne diente. Jede der später abgefeuerten Kugeln that ein gleiches, es war somit zur Evidenz erwiesen daß der „Warrior,“ von einer derartigen Kugel in solcher Distanz unter der Wasserlinie getroffen, unrettbar verloren sey, und daß, da der „Warrior“ von allen bisher in Europa oder Amerika gebauten Schiffen unstreitig die stärksten Platten trägt, die Artillerie, d.h. die Offensivwasse vorerst das Uebergewicht über den defensiven Eisenpanzer besitze, somit die Theorie von „Monitor“, „Merrimac“ und unverwundbaren Schiffen überhaupt, kaum aufgetaucht, auch schon über den Haufen geworfen sey.

Nachträglich berichtet die Allgemeine Zeitung vom 21. April: „Zu Shoeburyneß sind in den letzten Tagen neue Versuche mit der ungezogenen schmiedeeisernen Armstrongkanone angestellt worden. Die Scheibe bestand aus drei aneinander geschmiedeten fünfzölligen Platten – einer Masse Schmiedeeisen von 15 Zoll Dicke. Gegen diese Scheibe wurden nacheinander drei Schüsse mit einer Ladung von 50 Pfund Schießpulver abgefeuert. Jeder Schuß brach alle drei Platten; die erste wurde zerschmettert, die zweite gespalten und gesplittert, die dritte gespalten.“

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