Titel: Chemische Hülfsmittel bei Bohrungen in Stahl; von Adolph Scheden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 1 (S. 393–394)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi05_1

Chemische Hülfsmittel bei Bohrungen in Stahl; von Adolph Scheden.

In folgendem speciellen Falle leistete das nachstehend bezeichnete Hülfsmittel so vortreffliche Dienste, daß es auch für weitere Kreise mittheilungswerth erscheint: In einem von allen Handelsplätzen entfernt gelegenen Winkel West-Rußlands wurde im vorigen Jahre ein Dampfsägewerk erbaut, wozu, beiläufig erwähnt, die Maschinen von A. Borsig in Moabit und die Sägeblätter aus Remscheidt geliefert worden waren. Der Bau hatte sich, wie gewöhnlich hier zu Lande sehr verspätet, und die erste Spur eines harten Winters sich bereits eingestellt; es fehlten aber noch mancherlei Einrichtungen zur schleunigsten Beendigung – wollte man den Betrieb nicht bis zu dem kommenden Jahre ausgesetzt sehen, wo schon Schnittwaare nach Danzig hinunterschwimmen sollte, – und namentlich war noch die Befestigung der Angeln an die Sägeblätter zu bewerkstelligen, zu welchem Zwecke einige hundert Nietenlöcher gebohrt werden sollten. Dieß wollte jedoch bei aller Geschicklichkeit der Arbeiter nur höchst mangelhaft gelingen, nämlich nur da, wo das Loch eine weichere Stelle der an den Enden gewöhnlich ungleich harten Sägeblätter traf, wogegen sich bei den harten Stellen derselben sämmtliche Bemühungen als fruchtlos erwiesen. Ein besserer Stahl für die Bohrer wäre unter vier Wochen sicher nicht zu beschaffen gewesen. Verfasser, der zufällig zugegen war, erinnerte sich daß Terpenthinöl, worin etwas Campher gelöst ist, das Bohren des Glases zulässig macht, und rieth, da Campher gleichzeitig nicht vorhanden war, nur Terpenthinöl zum Befeuchten der Bohrspitze zu Hülfe zu nehmen. Diese Manipulation gelang über das Erwarten; derselbe Bohrer, der vorhin nur polirt statt gebohrt hatte, griff sofort ein, und selbst die härtesten Stellen der Sägeblätter waren binnen einigen Minuten durchlöchert. So war mit einem unscheinbaren Hülfsmittel weitgreifenden Uebelständen vorgebeugt worden.

Statt Terpenthinöl kann auch jedes andere harzfreie Kohlenwasserstoff-Oel, z.B. Photogen u.s.w. genommen werden, und dienen dieselben Stoffe auch für das härteste Gußeisen. In allen diesen Fällen hat man jedoch fettes Oel gleichzeitig zu vermeiden, und die Bohrstelle, respective die Bohrerspitze, mit jenen Oelen weder zu naß zu halten, noch zu trocken werden lassen, welchen Grad der richtigen Feuchtigkeit einige Aufmerksamkeit sehr bald erlernen läßt. Wenn gleich genannte Flüssigkeiten schon ohne Campher sehr gute Dienste bei Glas leisten, so ist dieß doch mit einem Zusatze von einigen Gran Campher auf das Loth Oel (übrigens eine schon ziemlich alte Erfindung) im höchsten Grade der Fall: in einigen Minuten ist damit jedes Loch in Glas gebohrt, selbst frei aus der Hand. In letzterem Falle benutzt man zunächst eine an ihrer Spitze ein wenig abgebrochene, ziemlich feine und dreieckige Feile und später, zur Vergrößerung des Löchelchens, je nach der Form desselben, eine passende Schlichtfeile. Auch hierbei verhindert eine zu große Menge Feuchtigkeit das Bohren, besonders das erste Angreifen des Glases.

Die Theorie jener Wirkung der flüchtigen Kohlenwasserstofföle auf harte, ganz heterogene Körper scheint in der Hauptsache nur diese zu seyn, daß erstere die Fähigkeit besitzen, sich |394| mit Hülfe der durch die Reibung hervorgebrachten Wärme zwischen die zunächstliegenden einzelnen Krystallpartikelchen des Eisens oder der kieselsauren Verbindungen zu drängen und so die Cohäsion der betreffenden Körper zu lockern.

Mögen erwähnte Thatsachen genügen, um aus ihnen ein ebenso praktisches Verfahren auch für Bohrungen in Stein und Fels, möglich sogar für deren Bearbeitung herzuleiten (einzelne Bohrversuche haben sogar schon die günstigsten Resultate geliefert); ja mögen sie gleichzeitig dazu dienen, unseren Steinarbeitern, die in Folge ihres Broderwerbes, in Folge der uralten Arbeitsmethode ihres Gewerbes sich nur eines verhältnißmäßig kurzen Lebens zu erfreuen haben, die schon längst ersehnte Hülfe endlich bringen zu können; – alle derartigen Bestrebungen dürften sich den Dank von tausend und abertausend Familien verdienen! (Deutsche Industriezeitung.)

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