Titel: Chlorkalk als Mittel gegen Würmer und Insecten; von Dr. Glaser in Worms.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 10 (S. 397–399)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi05_10

Chlorkalk als Mittel gegen Würmer und Insecten; von Dr. Glaser in Worms.

Im verflossenen Sommer wurde in dem Hofe meiner Wohnung eine Bütte Chlorkalkbrühe ausgeleert, nachdem zuvor Rohleinwand darin eingeweicht worden war. Ungefähr 1 Stunde danach fand sich auf dem Pflaster überall eine große Menge Regenwürmer jeder Größe todt umherliegend, was ich zuerst durch Kinder erfuhr, welche kleinere Würmer für die Fischchen im Zimmer-Aquarium hereinbrachten. Da die Würmer alle todt, auffallend bleich und sehr weich waren, auch die Stichlinge sie nicht fressen wollten, während sie sich doch sonst sehr lüstern nach Regenwürmern zeigten, so sah ich im Hof |398| selbst nach und bemerkte alsbald die Ursache dieser Erscheinung. Auf 10 Schritte im Umkreis der auslaufenden Bütte lagen die zwischen den Pflastersteinen hervorgekrochenen Würmer, von der eingedrungenen Chlorkalkflüssigkeit sämmtlich getödtet und gebleicht da. Sie hatten eben nur so viel Kraft behalten, sich vor der eindringenden Flüssigkeit in's Freie zu flüchten, wo sie alsbald der weiteren Einwirkung des in sie eingedrungenen giftigen Nasses erlagen.

Die Kölnische Zeitung brachte vor Kurzem eine der französischen Zeitschrift Science pour tous entnommene Notiz,57) daß Chlorkalklösung ein vortreffliches Mittel zur Vertilgung von Insecten mittelst Bespritzung sey, oder auch, daß Chlorkalk in Pulverform, in Schmalz eingemengt, auf Werg gestrichen, zu Gürteln um Bäume angewandt, durch die Dämpfe des allmählich entwickelten Chlors in Kurzem alle schädlichen Raupen und sonstigen Insecten tödte und zum Abfallen bringe. – Gegen Blattläuse, die im Frühling und Vorsommer vom Anfang Mai bis in die Mitte Juni hinein an den frischen Boden der Obstbäume und Sträucher in so nachtheiliger Menge auftreten, daß sie das Kräuseln der Spitzen und Blätter und das Absterben derselben bewirken, dürfte Chlorkalkflüssigkeit, mittelst Spritzbüchsen beigebracht, von noch trefflicherer Wirkung seyn, als selbst Tabaksbrühe, bekanntlich ein ausgezeichnetes Tödtungsmittel aller Insecten. In wiefern Chlorkalkflüssigkeit an den zarteren Sprossen und Blättern den Gewächsen selbst Nachtheile bringt, darüber könnte man sich leicht durch vorherigen Versuch an irgend einem Bäumchen, Rosenstock oder dergleichen, Gewißheit verschaffen. Jedenfalls ist die Einwirkung des nur schwach auftretenden Chlors auf die Pflanzenhäute von geringerem Nachtheil, als in dem Inneren der Würmer, Raupen, Larven und Insecten, in welche es durch die Poren und Athemlöcher eindringt und die es daher auch bei geringer Einwirkung tödtet. Eben so wenig dürften die flüchtigen, abdunstenden Chlordämpfe aus (trocknen) Chlorkalkgürteln den Baumblüthen und zarten Fruchtknoten schaden, während sie ganz hinreichend wirken, um Raupen, Blattläuse, schädliche Käfer u. dergl. in den Baumkronen zu tödten, vielleicht gar die Larven in den Früchten umzubringen, so daß jedenfalls der Weiterentwickelung und ferneren Vermehrung allen Ungeziefers vorgebeugt wird. Die erwähnten Gürtel müssen selbstverständlich hoch angebracht und unmittelbar unter den Kronen oder auch an einzelnen dicken Aesten innerhalb derselben angelegt werden. Versuche genannter Art wurden in Frankreich mit ausgezeichnetem Erfolge gemacht und würden sich, etwa in Hausgärten an besonders geschätzten Bäumen angestellt, der Mühe lohnen.

Das Tödten der im Grabland so schädlichen Regenwürmer findet am zweckmäßigsten vor dem Einsäen der Länder, vor oder nach dem Umgraben, statt. Die dem Boden überlieferten Samen widerstehen dann dem Chlor, während schon offene zarte Pflänzchen an den Wurzeln leicht Noth leiden könnten. Die Chlorkalkbrühe wird übrigens im Boden bald neutralisirt, indem sich das Chlor durch Einwirkung auf Kalk- und andere Erdbasen bald zu Chlorcalcium, Chlormagnesium u.s.w. umwandelt, deren Lösung dem feuchten Boden eher vortheilhaft als nachtheilig ist, wie dem gedüngtem ammoniakalischen Boden dadurch genützt wird, daß sich die sonst flüchtigen Ammoniakverbindungen zu Salmiak fixiren, der nun die Pflanzen nachhaltig nährt. Von einem Nachtheil der scharfen Chlordämpfe, die allerdings von etwas widerwärtigem Geruch sind, kann daher wohl nicht die Rede seyn, da sogar unsere Lunge die Einwirkungen des auf diesem Wege auftretenden Chlorgases vertragen kann. Ueber die Zeit der Anwendung bei Obstbäumen kann man nicht im Zweifel seyn; der Beginn der Blüthe muß der Spannraupe und schädlichen Rüsselkäferchen sowie der schädlichen Ringelraupen, Goldafterraupen und der Mohrenblattwespen wegen, welche sämmtlich das Laub der jungen Triebe, die Blüthen oder zarten Fruchtknoten verheeren, vorzugsweise berücksichtigt werden. Das Bespritzen der Blattläuse und des Grünwurms der Trauben findet eben dann und da statt, wann und wo directes Einschreiten erfordert wird. Tabaksbrühe, besonders Suder aus Pfeifenköpfen, wirkt außerordentlich, ist aber mit zu lange andauerndem Uebelgeruch verbunden, den man an den Trieben junger Edelstämme oder an edlen Sträuchern gern vermeidet, wenn er anders auch den Pflanzen nicht eigentlich schadet. Zum Spritzen an Bäume ist eine gewöhnliche Spritzbüchse (etwa von Glas oder auch von Holz), zum Tränken des Gartenbodens |399| jede alte Gießkanne geeignet, da das Chlor solche bei dieser Gelegenheit nur langsam zerstört. (Zeitschrift für die landwirthschaftlichen Vereine des Großherzogthums Hessen, 1862, S. 45.)

|398|

Polytechn. Journal Bd. CLXI S. 240.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: