Titel: Ueber die Versorgung der Stadt Paris mit Milch; von Dr. Wilhelm Ritter von Schwarz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 10 (S. 466–468)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi06_10
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Ueber die Versorgung der Stadt Paris mit Milch; von Dr. Wilhelm Ritter von Schwarz.

Ich habe mich in diesem Betreff an die Präfectur des Seine-Departements gewendet, und dort über diesen Gegenstand die folgenden Notizen gesammelt.

Die Consumtion der Milch in Paris betrug im Jahre 1853 gegen 100 Millionen Liter, welcher Bedarf durch 20,000 Kühe gedeckt wurde, und von denen man annahm, daß eine Kuh täglich 10 Liter Milch gibt. In der Bretagne hingegen erzeugen die Kühe nur 5 Liter, während sie in der Normandie und in Burgund 25 bis 30 Liter geben. Paris wurde früher mit Milch versehen durch Milchmeier, welche in Paris selbst ihren Sitz hatten. Seit ungefähr 10 Jahren, als Paris durch die Eisenbahnen mit den Departements in bessere Verbindung gesetzt wurde, wird die Milch zugeführt und zwar oft bis auf eine Entfernung von 47 Meilen.

Im ersten Jahre wurden durch die Eisenbahn 59,143,689 Liter Milch zugeführt, und seit die Sache mehr in Aufschwung kam, führten 6 verschiedene Eisenbahnen von verschiedenen Richtungen 59,200,000 Liter Milch zu. Dazu kommt, daß von den in der Umgebung von Paris befindlichen Kühen bei 40,000 Liter Milch gewonnen werden. Der Verbrauch war im Jahre 1850 109,000 täglich.

Im Jahre 1843 betrug der Verbrauch an Milch in Paris per Kopf 71 Liter, im Jahre 1860 per Kopf 103 Liter. Heutzutage beträgt der Verbrauch an Milch täglich 280,000 Liter.

Es drängt sich nun von selbst die Frage auf, wie die Eisenbahnen die Milch transportiren? – Dieß geschieht auf eine eben so einfache als praktische Weise.

Drei Gesellschaften befassen sich in Paris mit diesem Geschäfte, von welchen die größte, die Société de Paris, die Stadt täglich mit 300,000 Liter Milch versorgt.

Die Gesellschaften haben eigene Agenten, welche auf dem flachen Lande in der nächsten Nähe von Eisenbahn-Stationen ihren Sitz haben und welche Früh und Nachmittags bis gegen drei Uhr die Milch von den Bauern zusammenkaufen und selbe in die Sammelstationen abführen, woselbst eigene Apparate aufgestellt sind. Die Verrechnung zwischen dem Agenten der Gesellschaft und den Bauern besteht darin, daß beide ein Buch führen, in welchem sie wechselseitig die übergebene und übernommene Milch einschreiben. Alle Samstag wird dem betreffenden Bauer das Quantum der gelieferten Milch nach den bestehenden Preisen baar bezahlt.

Auf diese höchst einfache Weise wird die erforderliche Controle hergestellt und der Bauer braucht sich nicht weiter darum zu kümmern. Auf den Sammelstationen wird nun die so gewonnene Milch mit dem Galaktometer gemessen, in große Gefäße zusammengeschüttet und mittelst Dampf abgekocht. Nach dem Abkochen wird die Milch durchgeseiht und in Eisgefäßen abgekühlt, sodann in andere Gefäße eingefüllt, in die dazu eigens bestimmten und auf einer jeden solchen Sammelstation vorhandenen Waggons verpackt und mit den betreffenden Zügen nach Paris expedirt, wo die Milch um 2 bis 3 Uhr Morgens ankommt. Um 4 Uhr Morgens wird sie von den Agenten in Empfang genommen und den Detaillisten zugeführt. Die Sahne, Schmetten, „Obers“, wird von der Gesellschaft nicht geliefert, sondern von dem Publicum selbst bereitet.

Der Preis dieser Milch beträgt per Liter 20 Centimes, während die Gesellschaft dem Bauer 6 bis 7 Centimes zahlt. Mit dem Transport und sonstigen Spesen kommt derselben die Milch per Liter loco Paris auf 14 Centimes, so daß noch immer ein bedeutender Gewinn resultirt.

Hier muß ich bemerken, daß in Paris die Polizei über Lebensmittel und über Milch insbesonders streng ist, und den Namen des Bestraften in der Gazette de Tribunaux sammt seiner Adresse bekannt gibt; der Bestrafte wird dadurch allgemein bekannt, das Publicum kauft ihm nichts mehr ab und wird auch derselbe gehindert unter einer andern Maske seine Spitzbübereien fortzusetzen.

Auch im Wiener Gemeinderathe wurde ein ähnlicher Vorgang in Anregung gebracht, jedoch, da sich die Majorität dagegen aussprach, davon wieder abgegangen. Nach der Gazette de Tribunaux vom Jahre 1860 wurde ein Milchverkäufer, weil er die Milch mit 50 Proc. Wasser versetzt hatte, mit 50 Francs Strafe und vierwöchentlichem Gefängniß bestraft; überhaupt haben im Jahre 1860 40 bis 50 Verurtheilungen wegen Milchverfälschung stattgefunden.

Im Jahre 1861 haben in Folge dieser exemplarischen Strenge die Verurtheilungen ganz aufgehört. Es besteht nun nebst der vorerwähnten Société de Paris noch eine |468| Gesellschaft, welche täglich 80,000 Liter Milch zuführt. Drei neue Gesellschaften sind im Entstehen, nebst einigen anderen kleinen Privat-Unternehmungen, welche täglich 30,000 Liter Milch zuführen.

Eine der Hauptschwierigkeiten in Wien sind die klimatischen Verhältnisse, da in Paris die Milch nie friert. Dieser Uebelstand ließe sich jedoch in Wien dadurch beseitigen, daß man die Milch abkocht oder die Milchgefäße mit schlechten Wärmeleitern umgibt. Es wäre sehr wünschenswerth, wenn solche Unternehmungen auch in Wien ins Leben treten würden; wir würden dadurch gute Milch bekommen und die Bauern nicht genöthigt seyn, wegen einer geringen Quantität Milch eine Tagreise nach Wien zu machen und somit wäre dem Publicum wie auch den Landleuten geholfen.

In England hat man nun denselben Weg eingeschlagen wie in Frankreich, und wird in London ebenfalls die Milch durch Eisenbahnen zugeführt.

Die Ost-Eisenbahn führt beispielsweise 11 Millionen Liter Milch nach London.

In Paris verbraucht man jährlich 103 Liter Milch, in London 8 Liter per Kopf; Butter in Paris 15 Pfd., in London 19 Pfd. per Kopf und Jahr.

Dieß erklärt sich daraus, daß kein Franzose und kein Pariser sein Frühstück ohne Butter genießt; der Engländer genießt frische Butter in der Früh, zu Mittag, am Abend u.s.w. (Verhandlungen des nieder-österreichischen Gewerbevereins, 1862, S. 165.)

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