Titel: Beschreibung eines in Hindostan gebräuchlichen Verfahrens, Drechslerwaaren zu poliren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1862, Band 164/Miszelle 4 (S. 463–464)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj164/mi164mi06_4

Beschreibung eines in Hindostan gebräuchlichen Verfahrens, Drechslerwaaren zu poliren.

Wenn man von der Malabarküste aus über das Bergland Kurg nach Bangalore, der bedeutendsten Stadt des Fürstenthums Meißur, reist, so kommt man durch eine Stadt Namens Tschinayapatna. In der Hauptstraße fallen dem Reisenden sogleich viele Kaufläden auf, wo lackirte Holzwaaren ausgestellt sind, welche in den verschiedenartigsten Spielsachen nach europäischem und indischem Geschmack bestehen und ihren ungewöhnlichen Glanz dem Besucher entgegenstrahlen. Die Hülfsmittel dieser Drehercolonie sind äußerst mangelhaft, ihre Drehbänke haben weder Schwungrad noch Spindel, das Stückchen Holz, aus welchem etwas gedreht werden soll, wird zwischen zwei eiserne Spitzen gespannt, die an zwei Hölzer befestigt sind, welche sich parallel verschieben lassen. Zwischen diesen Spitzen wird das Stückchen Holz vermittelst eines Bogens mit der rechten Hand hin und her gedreht, während die linke Hand mit Beihülfe des großen Zehens den Meißel führt.

Was nun das Lackiren der Gegenstände selbst betrifft, so geschieht es auf folgende Weise. Ist der Gegenstand fertig gedreht, so drückt man den Lack während schnellen Umdrehens an denselben so lange an, bis ein Theil des durch Friction geschmolzenen Lacks am Holze haften bleibt. Auf ein gleichförmiges Auftragen desselben kommt sehr viel an, damit der Lacküberzug überall gleich dick werde. Nun wird mit einem mehrfach zusammengelegten Blatte von Pandanus odoratissimus (englisch: Caldera bush) oder von der Fächerpalme, borrassus flabelliformis (englisch: palmyra palm) gegen den noch rauhen Lack angedrückt, welcher nach einer halben Minute durch Reibung abermals warm und dehnbar wird, sich hin und her drücken und so gleichförmig auf der |464| Oberfläche vertheilen läßt. Jetzt wird das Blatt nur noch leicht angedrückt, wodurch die Oberfläche einen ungewöhnlichen glasartigen Glanz erhält, der sich nie mehr verliert, wenn der Gegenstand einigermaßen geschont wird. Das Holz kann leicht 1/4''' bis 1/3''' dick mit Lack überzogen werden, so daß die Farbe des Holzes nicht durchscheint. Solche lackirte Sachen fühlen sich eigenthümlich metallisch an und haben ein solides und frisches Aussehen. – Da durch die Reibung des Blattes eine ziemliche Wärme erzeugt wird, so darf das zu verarbeitende Holz weder feucht noch auch zu kalt seyn, sonst dehnt sich die in den Poren befindliche Luft aus und tritt als Bläschen zu Tage. Auch müssen die gedrehten Sachen exact rund seyn, widrigenfalls Streifen und Flecken beim Poliren entstehen. Es können leicht zwei verschiedene oder mehrere Farben neben einander aufgetragen werden, so daß sie sich untereinander scharf begrenzen. Man trägt zuerst eine Farbe auf, sticht mit dem Meißel die Grenze scharf ab und zieht dann die nächst aufgetragene Farbe nach und nach mit dem Blatt an die vorige her. Das Lackiren wird um so eher gelingen, je schneller die Bewegung der Drehbankspindel ist; der Durchmesser derselben sollte sich zu dem des Schwungrades wie 1 : 10 verhalten. Ein durchwärmtes Zimmer ist im Winter immerhin sehr fördernd, auch das zu verarbeitende Holz sollte vor dem Gebrauch mehrere Tage in der Nähe des Ofens liegen.

Der Lack selbst ist Schellack, wie er in den Materialhandlungen in verschiedenen Sorten verkauft wird. Derselbe wird in einem Porzellangefäß mit fein zerriebenem Zinnober, Operment, Indigo, Zinnobergrün oder irgend einer passenden Farbe gemischt und geschmolzen. Am besten zerstößt man den Schellack gröblich, wirft ihn in das Gefäß und oben darauf die Farbe. Nach dem Schmelzen rührt man beides durch einander, nimmt die Masse heraus, um durch Ziehen und Drehen eine innigere Verbindung beider Theile zu erzielen. Das Mischungsverhältniß ist ganz beliebig, je nachdem man einen Farbenton haben will, doch wird dem Volumen nach 1/3 Farbstoff auf 2/3 Schellack bei den meisten Farben der höchste Sättigungsgrad für den Schellack seyn. Je inniger letzterer mit der Farbe gemischt wird, desto gleichförmiger und schöner wird die Politur. Der Lack wird am tauglichsten in der Größe und Form wie Siegelwachs ausgezogen, für kleinere Sachen oder Flächen sind dünne Stangen erwünschter. Solche polirte Spielwaaren kann man mit aller Ruhe Kindern in die Hand geben, weil sich der Farbstoff mit dem in Wasser und Säuren unauflöslichen Schellack fest verbunden hat. Wenn die Spielsachen durch Herumwerfen auf dem Boden den Glanz schon verloren haben, so erhält sich die Farbe immer noch lebhaft und bleibt gewöhnlich der Lack fest haften bis zum Zerbrechen der Sachen. Ob nun diese Lackirmethode mit Vortheil bei dem hohen Preise des Schellacks auch auf europäischen Boden verpflanzt werden kann, muß sich erst zeigen. Daß aber der Ausführung der soeben beschriebenen Methode auch in einem kühleren Klima Nichts im Wege steht, beweisen die vom Verfasser hier zu Lande zur Probe verfertigten Kleinigkeiten, welche im Musterlager der kgl. Centralstelle für Gewerbe zu Stuttgart aufgestellt worden sind. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1862, Nr. 12.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: