Titel: Niepce, über die Heliochromie.
Autor: Niépce de Saint‐Victor, Claude M.
Fundstelle: 1863, Band 168, Nr. XVIII. (S. 64–67)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj168/ar168018

XVIII. Ueber die Heliochromie; von Niepce aus Saint-Victor.

Fünfte Abhandlung.32)

Aus den Comptes rendus, t. LVI p. 90.

I. Ueber die Reproduction der Farben in der Heliochromie.

Ich theile nun das Resultat der Beobachtungen mit, welche ich im Jahre 1862 gemacht habe; obgleich der letzte Sommer meinen Versuchen in der camera obscura. nicht günstig war, konnte ich doch einige Bilder erhalten.

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Die gelbe Farbe erhielt ich bisher am schwierigsten gleichzeitig mit den anderen Farben; jetzt habe ich aber ein Verfahren entdeckt, um das Gelb mit Sicherheit zu entwickeln und gleichzeitig die anderen Farben zu erhalten: früher erhielt ich zwar mit Leichtigkeit das Roth, das Grün und das Blau, wenn aber das Gelb zum Vorschein kam, so war es zufällig. Es ist mir nun gelungen, das Gelb bei allen meinen Reproductionen zu erhalten, indem ich zum Chloriren meiner Silberplatten ein Bad von unterchlorigsaurem Natron (statt des Kalisalzes) anwandte. Dieses Bad muß folgendermaßen dargestellt seyn:

Frisch bereitetes unterchlorigsaures Natron von 6° Baumé verdünnt man mit der Hälfte Wassers, setzt 1/2 Procent Aetznatron zu, und erwärmt auf 70 bis 80° C.; man gießt dieses Bad dann in eine flache Schale und taucht die Silberplatte auf einmal hinein, indem man die Flüssigkeit einige Secunden lang schüttelt, wornach die Platte schon eine fast schwarze Färbung angenommen haben wird. Man wascht sie hierauf mit vielem Wasser, trocknet sie dann auf einer Weingeistlampe und unterzieht sie dem erforderlichen Anlassen (Erhitzen bis zum Eintritt der rosenrothen Färbung).

In 200 Grammen dieses Bades kann man 5 bis 6 sogenannte Viertels-Platten chloriren, unter denen manche bessere Resultate als die anderen geben werden, je nach der Dicke der Schicht und dem Grade des Anlassens.

Auf den so chlorirten Platten reproduciren sich die Farben (besonders durch Contact) mit sehr lebhaften Tönen und das Schwarz oft mit seiner ganzen Intensität.

Um in der camera obscura zu operiren, wählt man vorzugsweise die Platten welche beim Anlassen eine schöne kirschrothe Färbung angenommen haben, weil sie die empfindlichsten für das Licht sind, wozu die Chlorsilber-Schicht nicht zu dick seyn darf.

Um die angegebenen Effecte zu erhalten, muß aber die Platte mit dem chlorbleihaltigen Firniß überzogen seyn, welchen ich in meiner letzten Abhandlung33) angegeben habe; nur muß man eine wässerige Lösung von Dextrin mit nicht geschmolzenem Chlorblei nehmen, um die Wirkung des alkalischen Bades auf das Chlorsilber zu neutralisiren und den Grund des Bildes weiß zu machen, welches außerdem trüb oder rosenroth bleiben würde.

Die Fixirung der Farben betreffend, gelang es mir bloß die in |66| meiner letzten Abhandlung angegebene Zeitdauer zu verdoppeln. Mehrere Substanzen ertheilen den Farben eine größere Beständigkeit, wenn man mit ihnen das Chlorblei noch überzieht, nachdem die Wärme auf dasselbe eingewirkt hat; solche sind unter anderen die Benzoe-Tinctur, das Zinnchlorür und das Aldehyd. Bei weitem das beste Resultat gab mir die Tinctur des Benzoe von Siam, wenn ich sie auf eine lauwarme Platte auftrug und dieselbe nach dem Trocknen erhitzte, bis sich ein wenig Benzoesäure verflüchtigte.

Mittelst dieses Firnisses auf dem Chlorblei gelang es mir Farben drei und vier Tage in einem Zimmer zu conserviren, in welches die volle Julisonne hineinschien.

Ich habe auch die Beobachtung gemacht, daß wenn man ein heliochromisches Bild unter einem gewissen Einfallsgrade neigt, die Farben viel lebhafter erscheinen, und das Schwarz seine ganze Intensität erhält. Ferner habe ich beobachtet, daß, je nachdem das Modell (eine Puppe) durch die Sonnenstrahlen erleuchtet ist, man in der camera obscura viel intensivere und lebhaftere Farben erhalten kann, so daß sich z.B. die Gold- und Silberborden sowie die Edelsteine viel besser reproduciren.

II. Ueber die heliochromische Reproduction der Farben, welche aus der Mischung zweier anderen entstehen.

Ich habe nun eine Reihe von Versuchen mitzutheilen, welche ich in wissenschaftlicher Hinsicht für sehr interessant halte.

Ich habe gefunden, daß alle Farben, welche aus der Mischung zweier anderen entstanden, durch die Heliochromie zersetzt werden.34)

Um diese Wirkung des Lichtes nachzuweisen, beginne ich mit dem auffallendsten Versuch. Die grüne Farbe ist bekanntlich entweder eine natürliche oder eine aus Gelb und Blau zusammengesetzte. Wenn das Grün ein natürliches ist, wie beim Smaragd, Schweinfurter Grün, Chromoxyd, schwefelsauren Nickeloxydul, Malachit, so reproducirt es die Heliochromie als Grün; ist die grüne Farbe aber eine zusammengesetzte, wie z.B. das aus Chromgelb und Berlinerblau erzeugte Grün, oder die Farbe der mit einem blauen und einem gelben Farbstoff gefärbten Zeuge, |67| oder diejenige gewisser Gläser, welche durch eine gelbe und eine blaue Substanz grün gefärbt sind, so wird dieses Grün in der Heliochromie nur Blau geben, sowohl durch Contact als in der camera obscura.

Folgender Versuch ist ebenfalls entscheidend: ein hellblaues und ein hellgelbes Glas übereinander gelegt, zeigen in ihrer Transparenz ein sehr schönes Grün; aber auf eine heliochromische Platte wirkend, geben sie nur Blau, man mag noch so lange dem Licht exponiren, und zwar in jedem Fall, mag nun das blaue Glas über oder unter dem gelben Glase, oder zwischen zwei gelben Gläsern liegen.

Ich will noch andere Beispiele anführen. Ein rothes und ein gelbes Glas, welche über einander gelegt Orange erscheinen lassen, bringen auf der empfindlichen Platte nur Roth hervor. Ein rothes und ein blaues Glas, welche über einander gelegt violett erscheinen, geben anfangs Violett (weil die Platte ursprünglich roth ist), hernach erscheint Blau. Ein weißes Papier, welches durch grüne Blätter oder Blasengrün (Kreuzdorn-Extract) grün gefärbt ist, wird nur äußerst langsam durch Contact reproducirt; die empfindliche Platte bleibt sehr lange roth, wie wenn gar keine Lichtwirkung stattfände; fährt man aber fort sie dem Lichte auszusetzen, so entsteht endlich eine graulichblaue Farbe. Dasselbe ist der Fall, wenn man in der camera obscura natürliches Laubwerk von wiesengrüner Farbe zu reproduciren sucht; ist das Laubwerk aber blaugrün, wie z.B. die Blätter einer Dahlie, so wird die blaue Farbe lebhafter seyn. Ist das Laubwerk gelb oder roth, wie gewisse verwelkte Blätter, so wird sich die Farbe in mehr oder weniger reinem Gelb oder Roth reproduciren, nach der mehr oder weniger großen Abwesenheit der blauen Substanz, welche nach Fremy mit dem Gelb die grüne Farbe der Blätter erzeugt.

Das Auge der Pfauenfeder reproducirt sich in der camera obscura sehr gut, d.h. in der Weise, daß die Farbe unter einem gewissen Einfallsgrade bald grün, bald blau erscheint.

Die früheren Abhandlungen wurden im polytechn. Journal Bd. CXXXIX S. 37, Bd. CXLIII S. 123, Bd. CLII S. 453 und Bd. CLXIII S. 436 mitgetheilt.

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Polytechn. Journal Bd. CLXIII S. 436.

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Wenn Edm. Becquerel, wie er behauptet, wirklich ein vollständiges Sonnenspectrum reproducirte, so hat er nach meiner Ansicht eben dadurch nachgewiesen, daß die Farben des Spectrums durch die Heliochromie nicht zersetzt werden; man kann daraus wohl mit Recht schließen, daß diese Farben einfache sind und folglich das Sonnenspectrum nicht, wie Brewster annimmt, bloß durch drei übereinander gelegte monochromatisch Spectra, Roth, Gelb und Blau, gebildet ist.

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