Titel: Hofmann, über einige secundäre Producte bei der Anilinfabrication.
Autor: Hofmann, August Wilhelm
Fundstelle: 1863, Band 168, Nr. XLI. (S. 139–141)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj168/ar168041

XLI. Ueber einige secundäre Producte bei der Anilinfabrication; von A. W. Hofmann.

Aus den Comptes rendus, t. LV p. 781; durch das chemische Centralblatt, 1863, Nr. 11.

Der Verf. hat schon früher auf einige Producte hingewiesen, welche bei der Anilinfabrication entstehen. Er konnte diese Untersuchungen fortsetzen, da er von den Anilinfabrikanten Collin und Coblentz eine größere Menge des basischen Oels erhielt, welches bei höherer Temperatur als das Anilin siedet und welches durch wiederholte Rectificationen von letzterem getrennt wird.

Dieses Oel beginnt bei 180° C. zu sieden. Die erste Fraction enthält noch beträchtliche Mengen von reinem Anilin. Die Siedetemperatur steigt gradweise, ohne irgendwo stationär zu werden. Die letzten Portionen verflüchtigen sich erst bei angehender Rothglühhitze. Wenn man die Fractionen, welche zwischen 200 und 220° und weiter zwischen 270 und 300° C. übergehen, für sich auffängt, so kann man durch ein angemessenes Verfahren aus denselben Toluylamin (Toluydin) resp. Toluylen-Diamin in beträchtlicher Menge abscheiden. Beide Körper sind von E. Sell (in Hofmann's Laboratorium) genau studirt worden.

Die Basen, welche das Monamin und Diamin aus der Toluylreihe begleiten, sind flüssig und können nicht leicht getrennt werden. Man weiß übrigens, daß sie hauptsächlich aus höheren Homologen der Toluylbasen bestehen müssen, welche man viel leichter mittelst der entsprechenden Kohlenwasserstoffe darstellen kann. Aus diesem Grunde hat der Verf. davon abgesehen, eine Untersuchung dieser Oele auszuführen, und hat vielmehr seine Aufmerksamkeit auf die Basen gerichtet, welche bei noch höherer Temperatur sieden.

Wenn man das oberhalb 333° Uebergehende gesondert auffängt, so erhält man eine braune, klebrige, kaum bewegliche Flüssigkeit. Sie ist eine Mischung aus verschiedenen Verbindungen. Mit verdünnter Schwefelsäure behandelt, erstarrt sie zu einer krystallinischen Masse, welche durch Filtration in ein krystallinisches, in Wasser schwer lösliches, und in ein anderes, leicht lösliches Sulphat geschieden werden kann. Das letztere gibt, mit Natron zersetzt, ein basisches, klebriges Oel, welches nach einigen Tagen fest wird. Es wurde von den anhaftenden öligen Theilen durch Abpressen zwischen Fließpapier befreit, darauf aus Wasser und zuletzt |140| mehreremale aus Alkohol umkrystallisirt. Man erhält auf diese Weise lange, weiße, seidenglänzende, in Alkohol und Aether sehr lösliche, in Wasser schwer lösliche Nadeln, welche bei 192° schmelzen und erst oberhalb 360° sieden, aber ohne Zersetzung flüchtig sind. Durch die Analyse wurde die Zusammensetzung C¹²H⁷N festgestellt. Der Körper hat sonach dieselbe Zusammensetzung wie das Anilin, unterscheidet sich von demselben aber in allen seinen Eigenschaften. Der Verf. nennt ihn Paranilin.

Das Paranilin gibt eine Reihe von schön krystallisirenden Salzen, durch deren Analyse der Verf. zu der Einsicht gekommen ist, daß die obige Formel verdoppelt werden müsse: C²⁴H¹⁴N² Das Molecül des Paranilins ist fähig, 1 oder 2 Aeq. Säure zu fixiren. Die Salze mit 1 Aeq. Säure können sehr leicht erhalten werden. Sie sind hellgelb und ihre Lösungen fluoresciren. Die Lösung der Base in concentrirter Chlorwasserstoffsäure scheidet ein in schönen hexagonalen, gelben, durchscheinenden Tafeln krystallisirendes Salz ab, welches, bei 100° getrocknet, die Formel C²⁴H¹⁴N², H²O² hat. Mit Wasser behandelt verwandelt es sich sofort in gelbe lösliche Nadeln, welche in Alkohol und Aether unlöslich sind und, bei 100° getrocknet, die Zusammensetzung C²⁴H¹⁴N², HCl, H²O² und bei 115° C²⁴H¹⁴N², HCl haben. Das Platinsalz bildet gelbe, schwer lösliche Prismen und hat bei 110° die Zusammensetzung. Von den Nitraten wurde nur eines analysirt, welches in gelben Nadeln krystallisirt: C²⁴H¹⁴N², HNO⁶. Dagegen hat der Verf. zwei Sulphate untersucht. Das erste erhält man, wenn man das Paranilin in verdünnter Schwefelsäure löst, worauf jenes sich alsbald in Form kleiner, strahlenförmig gruppirter, in Wasser leicht, in Alkohol wenig löslicher Nadeln von der Zusammensetzung C²⁴H¹⁴N², H²S²O⁸ abscheidet. Wenn das Salz einige Zeit hindurch in wässeriger Lösung mit einem Ueberschusse von Paranilin digerirt wird, so nimmt es noch 1 Aeq. Base auf und geht in ein zweites, sehr ähnliches Salz. über, welches, aus Alkohol krystallisirt, die Zusammensetzung 2 (C²⁴H¹⁴N²), H²S²O⁸ hat.

Ueber die Constitution dieses Diamins sagt der Verf. noch nichts Bestimmtes aus. Es ist ihm bis jetzt nur gelungen, mittelst Jodäthyl zwei Aethylbasen daraus darzustellen, nämlich: C²⁸H¹⁸N² = C²⁴H¹³ (C⁴H⁵)²N², deren Zusammensetzung durch die Analyse des Chlorürs, des Jodürs und des Platinsalzes festgestellt wurde, und C³²H²²N² = C²⁴H¹² (C⁴H⁵)² N², von der nur das Platinsalz untersucht werden konnte. Die Salzlösungen dieser Aethylbasen zeichnen sich ebenfalls durch Fluorescenz aus. – Das Benzoylchlorür liefert mit Paranilin kleine, in Wasser unlösliche, |141| in Alkohol lösliche Nadeln von der Zusammensetzung C³⁸H¹⁸N²O² = C²⁴H¹³ (C¹⁴H⁵O²) N².

Das Paranilin ist ohne Zweifel ein Product der Wärmewirkung auf das Anilin und seine Bildung weist auf die Existenz einer Reihe analoger Körper hin, welche sich den übrigen Ammoniaken anschließen.

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