Titel: Der große Dampfpflug-Proceß in London.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1863, Band 168/Miszelle 1 (S. 312–314)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj168/mi168mi04_1

Der große Dampfpflug-Proceß in London.

In den Tagen vom 21. bis 26. Februar des Jahres 1862 wurde vor den Geschworenen des Court of Common Pleas einer der in technischer Beziehung interessantesten Processe verhandelt, welche jemals in den Mauern von Guildhall zum Austrage gekommen sind.

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Der Gegenstand des Rechtsstreites ist in Kurzem folgender:

Im Jahre 1855 patentirten zwei arme Schullehrer, David und Thomas Fisken in Hartlepool, mehrere von ihnen gemeinschaftlich mit einem dritten Bruder William Fisken und einem Schmied Rodgers in Stockton-on-tees schon 1850 ausgedachte und nach und nach vervollkommnete Dampfculturapparate. Unter diesen befindet sich

a) ein Balancierpflug,

b) ein selbstbeweglicher Ankerwagen.

Beide wurden durch eine gewöhnliche Locomobile vermittelst Seilen in Bewegung gesetzt.

Im Jahre 1856 patentirte John Fowler, Ingenieur zu London, in Gemeinschaft mit einem David Grig einige Verbesserungen an den beiden von Fisken und Rodgers erfundenen Apparaten; Fowler erlangte hierauf von Fisken die Erlaubniß zur Benutzung ihrer Erfindungen und kaufte ihnen endlich Anfang 1859 ihr ganzes Eigenthumsrecht ab.

Im Jahre 1861 traten drei große Maschinenfabricanten, nämlich Clayton, Shuttleworth u. Comp. in Lincoln, Howard Gebrüder in Bedford und Ransomes und Sims in Ipswich in Unterhandlung mit Fowler, um die Erlaubniß zur Mitbenutzung der Fowler'schen, resp. Fisken'schen Erfindungen zu erlangen. Es kam ein Contract zu Stande, wornach jedes der genannten drei Häuser an Fowler für die gedachte Erlaubniß die Summe von 30,000 Pfd. Sterl. (gleich 200,000 Thaler) zahlen sollte.

Clayton, Shuttleworth u. Comp. und Ransomes und Sims unterzeichneten den Vertrag; kurz vor der Unterschrift jedoch traten die Howards unter einem nichtssagenden Vorwande zurück.

Im Frühjahr 1862 construirten die bekanntlich nach dem Smith'schen Round about System arbeitenden Howards, welche in Leeds 1861 mit ihrem Dowe Kehrpflug einigermaßen durchgefallen waren, ebenfalls einen Balancierpflug, welcher jedoch nicht mit den Fowler'schen Verbesserungen versehen, sondern fast genau nach dem Fisken'schen Original-Patente gebaut war.

William Fisken nämlich, welcher sich für den alleinigen Erfinder des Balancierpfluges (Rodgers soll den Anker construirt haben) hielt, hatte den Howards die Erlaubniß zur Benutzung seiner Idee offerirt.

Fowler jedoch, der die gesammten Anrechte der Gebrüder Fisken und Rodgers gekauft hatte, glaubte sich durch die Howards beeinträchtigt und klagte nun auf Untersagung des Gebrauchs des Balancierpfluges, resp. Schadenersatz.

Aus den höchst interessanten Verhandlungen führen wir nur folgende Thatsachen an:

Rodgers erhielt alles in allem für seine Erfindung des Moving anchor. – Ankerwagens – 60 Pfd. Sterl., sage sechzig Pfund.

Die Howards bestreiten die Gültigkeit der Fowler'schen Patente.

Fowler ist gar nicht mehr Eigenthümer der gesammten Dampfpflugpatente, sondern hat schon früher sein ganzes Eigenthumsrecht an die Herren Beadel und Comp. verkauft. Clayton, Shuttleworth u. Comp. und Ransomes bestätigten, daß sie den obenerwähnten Vertrag abgeschlossen und die genannten Summen für angemessene Aequivalente des ihnen eingeräumten Mitbenutzungsrechtes hielten.

Es wurde durch eine große Zahl von Zeugen und Sachverständigen erwiesen, daß die Fisken-Fowler'schen Patente gültig, und daß sie durch die Howards verletzt seyen.

Der Gerichtshof verurtheilte demnach auch die Howards nach dem Klagantrage.

Weitere Commentare zu dem Mitgetheilten zu geben, ist eigentlich überflüssig, doch können wir uns einige Reflexionen nicht versagen.

Die Erfindung derjenigen beiden Apparate, welche die wesentlichsten Vorzüge des berühmten Fowler'schen Dampfpfluges bilden – der Dampfpflug und der selbstbewegliche Anker – gehört nicht, wie bisher alle Monographen des Dampfpfluges angenommen haben, dem berühmten Ingenieur John Fowler, sondern einer kleinen Schullehrerfamilie und einem armen Schmied – beide so arm, daß sie Jahre lang brauchten, um die zur Patentirung nöthige Summe von 30 Pfd. Sterl. zusammenzubringen.

Während Rodgers für seinen wichtigen Antheil an der Erfindung 60 Pfd. Sterl. erhält, verkauft der jetzige glückliche Besitzer, der obscure Speculant Beadel, welcher in der Zeit der Noth Fowler das Patent abgekauft, die Mitbenutzung derselben an drei Fabrikanten für das Sümmchen von 600,000 Thalern, während John Fowler und |314| die ihm verbündete große Fabrik von Kitson und Hewitson in Leeds, dem Hauptherd des Dampfpflugbaues, Hrn. Beadel gewiß eine enorme jährliche Revenue zahlen.

Die beiden Fabrikanten Clayton, Shuttleworth u. Comp., und Ransomes sind in der angenehmen Lage, für die Mitbenutzung des Fowler-Fisken'schen Patentes jeder 200,000 Thlr. bezahlen zu können. Nun ist bekanntlich der Dampfpflugbau bei beiden eine Nebensache; beide haben einen Weltruf in besonderen Forceartikeln. Die ersteren in Locomobilen und Dampfdreschmaschinen, deren sie jährlich für etwa 1 1/2 Millionen bauen, der letztere in allerlei anderen Maschinen, auf die er bisher auch schon 1000–1500 Menschen beschäftigte. Um die Prämie von 200,000 Thlr. herauszuziehen, müssen sie, die Licenz zu dem üblichen Satze von 10 Proc. gerechnet – jeder für 2 Millionen Thaler Dampfpflüge verkaufen.

Was sagen die deutschen Fabrikanten landwirthschaftlicher Maschinen hierzu? Wie klein erscheinen unsere Verhältnisse gegenüber den riesenhaften Dimensionen, welche das englische landwirthschaftliche Maschinenwesen bereits angenommen hat; gegenüber einer Landwirthschaft, welche im Stande ist, so viele Millionen Thaler auf die Einführung eines einzigen Instrumentes zu verwenden! (Wochenblatt zu den preußischen Annalen der Landwirthschaft, 1863, Nr. 12.)

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