Titel: Mongruel's Imprägnirung der atmosphärischen Luft mit flüchtigen Kohlenwasserstoffen zu Belenchtungszwecken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1863, Band 169/Miszelle 5 (S. 73–76)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj169/mi169mi01_5

Mongruel's Imprägnirung der atmosphärischen Luft mit flüchtigen Kohlenwasserstoffen zu Belenchtungszwecken.

Das in London erscheinende Mining Journal vom 22. November 1862 enthält folgenden Aufsatz:

„Es ist eine anerkannte Thatsache, daß es sehr wünschenswerth ist, ein Mittel zu entdecken, welches dem Edelmanne auf seinem Landsitze und dem Bewohner einer kleinen Ortschaft eine gleich vortheilhafte und schöne Beleuchtung verschaffen konnte, wie die Bewohner größerer Städte eine solche an dem allgemein gebräuchlichen Steinkohlengas haben. Daher wurden auch schon unzählig viele Versuche von Erfindern sowohl in England und Amerika als auch auf dem europäischen Continente gemacht, um einen einfachen, soliden Apparat herzustellen, der es möglich machen könnte, die Gasfabrication eben so gut zu einer gewöhnlichen Hausbeschäftigung zu machen, wie das Backen oder Brauen es schon lange sind. – Obwohl schon viele sehr sinnreiche Einrichtungen für diesen Zweck ersonnen und ausgeführt wurden, und obwohl derartige Apparate hie und da unter den Händen einer intelligenten Dienerschaft sehr gute und bewährte Dienste leisten, so ist es bisher doch noch nicht so weit gekommen, daß die Gasbeleuchtung als ein allgemein verbreitetes und benutztes Licht angesehen werden kann; und es scheint, daß nicht nur Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit, sondern ganz besonders die sehr allgegemeine Abneigung, in seinem Hause die Gasfabrication zu betreiben, die Hauptursache ist, warum bisher selbst in England die Steinkohlengaserzeugung noch lange nicht allgemein im Gebrauche ist.

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Vor wenigen Tagen wurden wir aber mit einer neuen Erfindung von Hrn. L. P. Mongruel aus Paris bekannt, und hatten Gelegenheit, einer Reihe von sehr interessanten Versuchen beizuwohnen, und es scheint uns, daß diese Erfindung wirklich berufen ist, alle bisher noch bestehenden Hindernisse gegen eine allgemeine Benützung der Gasbeleuchtung zu beseitigen. Hrn. Mongruel's Erfindung ist die Erzeugung eines atmosphärischen Gases (Atmospheric-Gas) oder, um vielleicht richtiger zu sprechen, die Entdeckung, carbonisirte atmosphärische Luft zu Beleuchtungszwecken zu verwenden.12)

Die Vortheile, welche der Erfinder für sein neues atmosphärisches Gas im Vergleiche mit dem gewöhnlich gebrauchten Steinkohlengase geltend macht und von deren Vorhandenseyn uns die erwähnten Versuche überzeugten, sind folgende: 1) kann das neue Gas in jedem Hause oder Fabriketablissement ohne Umstände und ohne Feuerung erzeugt werden; 2) kostet es weniger als das gewöhnliche Steinkohlengas; 3) ist es für die Gesundheit der Menschen ganz unschädlich; 4) gibt es eine weißere und hellere Flamme ohne Geruch und ohne Rauch; 5) ist eine sehr starke und vollständige Beleuchtung mit diesem neuen Gas eben seiner Reinheit wegen den Papiertapeten und allen Gattungen von Decorationen ganz unschädlich; 6) ist bei Anwendung dieser neuen Gasbeleuchtung jede Explosion ganz unmöglich; und wo bisher gewöhnliches Steinkohlengas gebrannt wird, dort läßt sich auch das neue Gas einführen, ohne bei den Röhrenleitungen und Gaslustern die mindeste Abänderung zu erheischen; wo aber die Beleuchtung mit diesem neuen Gas erst neu eingerichtet werden soll, dort sind weniger Röhren erforderlich als das gewöhnliche Steinkohlengas nothwendig macht.

Daß mit dieser neu erfundenen carbonisirten Luft ein bedeutend glänzenderes Licht erzeugt werden kann als mit dem gewöhnlichen Steinkohlengas, und daß die Kosten dieser neuen Beleuchtung geringer sind als die der gewöhnlichen Gasbeleuchtung, das haben die oben angeführten Versuche schlagend dargethan. – Beim Vergleich einer Flamme dieses neuen Gases mit einer gleichgeformten Flamme des gewöhnlichen Steinkohlengases hat sich gezeigt, daß gleiche Gasquantitäten im ersteren Falle mehr als das doppelte Licht geben, und es wurde auch bewiesen, daß dieses neue Gas eine ganz allgemeine Verwendung gestattet, weil die Vermischung des Kohlenstoffes mit der atmosphärischen Luft eine so vollständige und haltbare ist, daß eine Flamme aus einem Brenner, der nur 3' vom Carbonisationsapparate entfernt ist, mit der Flamme eines anderen Brenners verglichen, der an dem Ende einer langen Röhrenleitung angebracht ist, ganz gleiche Intensität zeigt; wir beobachteten eine solche Flamme, nachdem das Gas durch ein Bleirohr von 180' Länge geleitet war.

Daß bei dieser neuen Erfindung wirklich nur die carbonisirte atmosphärische Luft und nicht ein Verdampfungsproduct irgend einer brennbaren Flüssigkeit es ist, was brennt, wird augenscheinlich, indem die Flamme alsogleich verlischt, wenn der Druck von dem Luftbehälter entfernt, oder das Kautschukrohr, durch welches die atmospärische Luft in den Apparat geleitet wird, geschlossen wird.

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Die Wichtigkeit und volle Bedeutung dieser Thatsache darf nicht unbeachtet bleiben, denn eben diese Thatsache beweist auf das Schlagendste, daß bei dieser neuen Erfindung irgend ein Bruch oder Fehler in der Röhrenleitung, durch welche die carbonisirte atmosphärische Luft geleitet wird, keine Explosion erzeugen kann, indem entweder bloß gewöhnliche atmosphärische Luft zu dem Brenner gelangt, oder das Gemisch in der freien Atmosphäre sich sogleich ändert und unverbrennlich wird; in jedem Falle löscht die brennende Flamme augenblicklich aus.

Dieser neu erfundene Carbonisationsapparat ist aber nicht nur zur directen Lichterzeugung vortheilhaft, sondern er kann auch sehr zweckmäßig dazu verwendet werden, um das auf gewöhnlichem Wege erzeugte Steinkohlengas zu verbessern und leuchtfähiger zu machen, und die Resultate, welche auf diese Art in unserer Gegenwart erzielt wurden, rechtfertigen vollständig die Ansicht, daß diese neue Erfindung der Beachtung aller Gasconsumenten im Allgemeinen werth ist. – Der Versuch wurde der Art gemacht, daß man bei einem gewöhnlichen Gasbrenner die Gaszuströmung so weit hemmte, daß diese Gasflamme nach dem Photometer kein helleres Licht als das Aequivalent von 5 Wachskerzen ergab; nachdem aber das zu diesem Brenner gelangende Gas durch den Carbonisationsapparat geleitet wurde, zeigte dieselbe Flamme an dem Photometer ein Aequivalent von 16 Wachskerzen, ohne daß die verbrauchte Gasmenge vermehrt wurde. Versuchte man bei zwei Flammen mit dem carbonisirten Steinkohlengas einerseits und andererseits mit dem gewöhnlichen Steinkohlengas eine gleiche Lichtintensität zu erzeugen, so brauchte man von dem carbonisirten Kohlengas drei Kubikfuß, während von dem gewöhnlichen Gas 9 Kubikfuß per Stunde verbraucht wurden. Außer den besprochenen Versuchen wurden auch noch mehrere andere Experimente gemacht, aber das Angeführte wird genügen, um zu zeigen, wie mannichfach der Nutzen und die Verwendbarkeit dieser Erfindung ist.“

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Dieser Bericht des Mining Journal hat mich bei meiner letzten Anwesenheit in London veranlaßt Gelegenheit zu suchen, die Experimente mit dieser neuen Beleuchtung selbst zu sehen, und mich von deren Richtigkeit auch persönlich zu überzeugen. Ich bin daher im Stande, das oben Angeführte in jeder Beziehung zu bestätigen, und kann somit auch meinerseits die Ueberzeugung aussprechen, daß diese neue Erfindung als ein für Alle höchst wichtiger Fortschritt begrüßt werden muß, und daß diese Erfindung für Oesterreich um so größere Wichtigkeit haben muß, weil Steinkohlen, welche eine reiche Ausbeute an Steinkohlengas geben, in Oesterreich nicht sehr häufig vorkommen, während Braunkohlen und Naphta in beinahe unerschöpflicher Menge fast in allen Kronländern der österreichischen Monarchie vorhanden sind.

So viel mir bekannt wurde, ist das Material, welches im Carbonisationsapparate des Hrn. Mongruel eine so wichtige Rolle spielt, Petroleum13) oder Hydrocarbür; für die Erzeugung der Hydrocarbüre bestehen in Oesterreich schon sehr viele Industrieunternehmungen, deren Zahl ohne Zweifel noch sehr bedeutend zunehmen wird, wenn sich ein allgemeiner, lohnender Absatz für dieses bis jetzt von so Vielen seines Geruchs wegen noch verachtete Beleuchtungsmittel gewinnen läßt.

Alle, welche bis jetzt bei derartigen Industrieunternehmungen betheiligt sind, müssen somit für diese neue Erfindung ein sehr entscheidendes Interesse haben, und es wäre zu wünschen, daß bald eine Actiengesellschaft mit den nöthigen Capitalien gebildet werden könnte, um die ersprießliche Ausbeutung dieser neuen Erfindung, die auch in Oesterreich schon privilegirt wurde, in die Hand zu nehmen. – Was ich in dieser Richtung beitragen |76| kann, werde ich mit Vergnügen thun, und ich erbiete mich hiemit zu weiteren mündlichen oder schriftlichen Mittheilungen, die ich auf alle Anfragen zu geben bereit bin.

Gumpoldskirchen, den 28. December 1862.

Georg R. v. Winiwarter,
Civilingenieur und Fabriks-Gesellschafter in Wien,
Riemerstraße Nr. 816.

(Zeitschrift des österreich. Ingenieurvereins, 1863 S. 14.)

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Bekanntlich benutzte zuerst Beale bei seinem sogenannten Luft-Licht die flüssigen Kohlenwasserstoffe auf die Art zur Beleuchtung, daß er einen Strom atmosphärischer Luft durch Gefäße trieb, welche jene enthielten. Mansfield empfahl dann im J. 1849 das Benzin als den geeignetsten flüssigen Kohlenwasserstoff, um nicht leuchtende brennbare Gase und selbst atmosphärische Luft in ein mit lebhaftem Glanze verbrennendes Leuchtgas zu verwandeln (m. s. polytechn. Journal Bd. CXIII S. 25 und 275). Auf den Namen J. Longbottom zu Leeds wurde im J. 1854 in England folgende Beleuchtungseinrichtung dieser Art patentirt: Die der Luft beizumischende Flüssigkeit besteht aus gleichen Theilen Benzin, Schwefeläther und Terpenthin- oder Harzöl; der Luft wird zuerst durch Bimssteinstücke, deren einer Theil mit concentrirter Schwefelsäure, der andere mit Aetzkalilauge befeuchtet ist, ihre Feuchtigkeit und Kohlensäure entzogen, und dann dieselbe durch Gebläse in eine Büchse geleitet, worin das Gemisch genannter Flüssigkeiten so vertheilt ist, daß möglichst innige Berührung stattfinden kann; von da geht das Gemenge in einen Gasometer (m. s. die Patentbeschreibung im polytechn. Journal Bd. CXL S. 130). – Zur praktischen Anwendung konnte dieses Beleuchtungssystem wegen der demselben anhaftenden Gebrechen bisher nicht gelangen.

A. d. Red.

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Um der atmosphärischen Luft Leuchtkraft zu ertheilen, besitzt nach Dr. Wiederhold's Versuchen der Erdöläther eine Leistungsfähigkeit, wie sie keiner der in dieser Richtung bisher vorgeschlagenen Substanzen gleichkommen dürfte (m. s. dessen Abhandlung „zur Technologie des amerikanischen Erdöls“ im polytechn. Journal Bd. CLXVII S. 63).

A. d. Red.

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