Titel: Miller's und Bell's Methode, Dämme in tiefem Wasser zu construiren.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1863, Band 169/Miszelle 1 (S. 229–230)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj169/mi169mi03_1

Miller's und Bell's Methode, Dämme in tiefem Wasser zu construiren.

Eine Hauptaufgabe des Wasserbaues, besonders an Seeküsten, ist die Construction von Häfenmolen und Schutzdämmen gegen den Wellenschlag. Es werden solche Dämme an Flußmündungen oft Tausende von Fußen weit ins Meer hineingetrieben, einmal um die Versandung der Hafenmündung zu verhindern, andererseits um die Schiffe im Hafen vor dem Wellenschlag des Oceans zu schützen. Es sind zu diesen höchst kostspieligen Bauten verschiedene Systeme in Anwendung gebracht worden. Man schlägt entweder Pfahlroste, die bis zum Wasserspiegel (zur Zeit der Ebbe) heraufreichen und mauert auf |230| diese den eigentlichen Damm auf, oder man schließt die Baustelle mit wasserdichten Fangdämmen ein, oder endlich man mauert unter Wasser mit Hülfe von Taucherapparaten. Die erste Methode ist unanwendbar, wenn die Gefahr der Zerstörung des Holzes durch Bohrwürmer vorliegt. Die zweite Methode ist sehr kostspielig, obwohl dadurch ein sehr gutes Resultat erreicht werden kann; die dritte Methode endlich fördert sehr langsam. Ein Fortschritt besteht darin, daß man z.B. bei Brückenpfeilern den ganzen Baugrund mit dicht nebeneinander eingeschlagenen Pfählen einschließt und den eingeschlossenen Raum nur mit zerschlagenen Steinen und hydraulischem Mörtel ausfüllt, der unter Wasser zu einem soliden Block erhärtet. Statt der vergänglichen Holzpfähle hat man z.B. bei der Westminsterbrücke weite gußeiserne Säulen angewendet, die mit solchem Beton ausgefüllt werden. Der Beton wird indessen meistens nur zu Fundamentirungen, selten als wirkliches Baumaterial benutzt. Man hat aus solchem Beton auch erst große Blöcke gebildet und diese nachträglich versenkt, besonders dort, wo es an hinreichend großen natürlichen Blöcken fehlte, wie z.B. bei den Marseiller Hafenbauten.

Die Herren Miller und Bell haben nunmehr bei den Hafenbauten zu Greenock (dem Seehafen von Glasgow) ein neues, sehr sinnreiches System angewendet. Ohne uns hier auf die dort errichteten ausgedehnten Werke einzulassen, führen wir nur an, wie die gedachten Herren ihre Aufgabe gelöst, einen sehr breiten und langen Seedamm meist in tiefem Wasser, ohne jeden Fangdamm zu construiren.

In der Linie dieses Dammes wurden zuerst mittelst Baggervorrichtungen zwei parallele Gruben ausgehoben bis zu einer Tiefe von 14 Fuß unter dem Wasserstand zur Zeit der Ebbe. Auf provisorisch eingerammten Holzpfählen wurde nun ein Gerüst zur Aufnahme der Dampframmen, beweglichen Krahne, kurz zum Transport der Bauwerkzeuge und Materialien errichtet. Hierauf wurden mittelst der Dampframmen gußeiserne Pfähle 7 Fuß von einander auf den äußeren Linien des Dammes, also in 2 parallelen Reihen, eingerammt, bis ihre Köpfe bei niedrigster Ebbe eben den Wasserspiegel erreichten. Die gegenüberstehenden Pfähle wurden durch Spannstangen verbunden. Die Pfähle selbst besaßen zwei angegossene Flangen auf jeder Seite, und unten, nahe am Boden, einen Vorsprung. Es wurde nun zuerst der Boden zwischen ihnen durch eine Schicht Beton geebnet, alsdann Granitplatten (von Roß Mull) zur Ausfüllung des Raumes zwischen zwei neben einander stehenden Pfählen benutzt. Dieselben waren genau 7 Fuß lang und paßten mit ihren zugearbeiteten Längskanten in die durch die Flangen gebildeten Furchen der eisernen Pfähle genau hinein, wie die Füllung einer Thür in das Thürgewände. Bei einer verbesserten Construction sind die Granitplatten so gearbeitet, daß sie die Pfeiler umfassen und nur eine schwache Fuge zwischen sich lassen, die mit Cement ausgegossen wird. Die eingeschobenen Granitplatten ruhen auf dem Betonbett und dem unten angegossenen Ansatz auf. Sie sind 18 Zoll bis 2 Fuß dick und so hoch, daß nur drei Platten über einander nöthig waren, die zusammen eine Höhe von 16 Fuß ausfüllten. Hinter diesen Platten wurde nun Beton in Kästen mit beweglichem Boden herabgelassen. Damit derselbe nicht nach innen abfloß ehe er erhärtete, wurde dahinter ein Wall von zerschlagenen Steinen unter Wasser aufgehäuft. Der Kern des Dammes wurde durch grobe zerschlagene Granitbruchstücke gebildet. Als nun auf diese Art der ganze Damm bis zum Ebbewasserstand aufgefüllt war und sich gesetzt hatte, wurde er mit einem Pflaster von großen Granitplatten belegt und auf diese nun mit Mauerwerk und hydraulischem Mörtel der obere Dammkörper aufgeführt, natürlich nur an den Außenwänden, während der Kern durch Schutt und zerschlagene Steine ausgefüllt wurde. So erhielt man einen sehr festen und sehr billigen Seedamm. (Breslauer Gewerbeblatt, 1863, Nr. 14.)

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