Titel: Rabe, Verfahren künstliches Leder zu fabriciren.
Autor: Rabe, Alexander
Fundstelle: 1864, Band 171, Nr. LXXXI. (S. 310–312)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj171/ar171081

LXXXI. Eine neue Methode zur Fabrication von künstlichem Leder; von Dr. Alexander Rabe.

Um künstliches Leder zu erhalten, nimmt der Verf. eine Collodiumlösung, läßt dieselbe auf einer Fläche beliebig stark ausgegossen fest werden, pergamentisirt solche in bekannter Art mittelst Schwefelsäure, animalisirt mit warmer Gelatine oder Leimlösung und gerbt endlich mit Gerbstoff- oder Alaunlösung.

Zur Bereitung des Collodiums hält der Verf. folgendes Verfahren für das beste:

Man bringe in ein Steinzeuggefäß 40 Pfd. gewöhnliche Schwefelsäure, wie sie im Handel vorkommt, 18 Pfund Kalisalpeter (am reinsten und billigsten von Vörster und Grüneberg in Cöln und Staßfurth zu beziehen) als grobes Pulver und mische diese Stoffe mit einem hölzernen Rührer gut zusammen. Nach ungefähr 10 Minuten gebe man |311| dazu 2 Pfd. Baumwolle in faustgroßen Portionen und rühre tüchtig um. Die Flüssigkeit umhüllt leicht die Baumwolle, welche so lange darin bleibt, bis heraus genommene Stückchen derselben sich, nachdem sie vorher in Wasser gewaschen und gut ausgedrückt sind, in einer Mischung von 2 Th. Aether und 1 Th. Alkohol leicht und vollständig auflösen. Geschieht dieses, so nimmt man die ganze Baumwolle heraus, wäscht sie so lange mit Wasser, bis sie blaues Lackmuspapier nicht mehr röthet, preßt in einem Leinwandbeutel das Wasser vollständig aus und wirft sie hierauf 24 Stunden in Alkohol. Der Alkohol wird gelblich, die Baumwolle vollkommen weiß. Nun preßt man ebenfalls im Leinwandbeutel den Alkohol ab und löst die Baumwolle (Schießbaumwolle) in einer Mischung von 2 Th. Alkohol und 18 Th. Aether. Im Sommer genügen 10 Minuten zur vollkommenen Umwandlung der rohen Baumwolle in Schießbaumwolle, im Winter aber muß die Schwefelsäure-Salpetermischung schwach erwärmt gehalten werden, weil sich sonst doppelt-schwefelsaures Kali als Niederschlag bilden und das Bad dickflüssig machen würde. Zur Aethermischung nimmt man am besten Alkohol von 0,730 specifischem Gewicht. Selbstverständlich muß man mit der Schießbaumwolle vor ihrer Auflösung in Aether vorsichtig umgehen.

Die nach diesem Verfahren gewonnene Collodiumlösung gießt man nun auf eine ebene Platte von der Größe, die das künstliche Leder erhalten soll, läßt die Lösung fest werden, so daß sie einem Papierbogen ähnlich sieht, und bringt sie hierauf in ein Schwefelsäurebad, welches aus mit ihrer gleichen Menge Wasser verdünnter Schwefelsäure besteht und nicht über 15° C. warm seyn darf. Je nach der Dicke des Collodiumbogens setzt man denselben 5 bis 20 Secunden diesem Bade aus, bringt ihn hierauf in mit Ammoniak schwach versetztes Wasser, um die Säure auszuwaschen, und wäscht schließlich in reinem Wasser vollständig aus.

Für den Ungeübten hat dieses Pergamentisiren seine Schwierigkeiten, doch kann man sich durch einige Versuche bald die nöthige Erfahrung erwerben, und weist der Verf. dieserhalb besonders auf Prof. Hofmann's Abhandlung (polyt. Journal Bd. CLV S. 388) hin. Es ist außerdem erforderlich, die einzelnen Collodiumblätter nicht zu stark zu machen, denn sonst tritt keine vollständige Pergamentisirung ein. Will man starkes Kunstleder herstellen, so ist es am besten, die einzelnen Blätter, nachdem sich dieselben mit einer warmen Leimlösung gesättigt haben, noch feucht in der erforderlichen Anzahl über einander zu legen und einem Preßapparat auszusetzen, wodurch eine vollständige Vereinigung derselben zu erhalten ist. Je nachdem man eine feinere oder geringere |312| Lederqualität haben will, kann man zum Animalisiren entweder geringere oder bessere Leimlösungen oder für feinste Waare reine Eiweißlösung anwenden.

Die auf diese Weise erhaltenen, der rohen Thierhaut in vieler Beziehung ähnlichen Tafeln werden schließlich ganz wie die Thierhaut gegerbt. Es bleibt hierbei die Auswahl der Gerbstoffe, sowie der verschiedenen Gerbereimethoden frei; ganz wie bei der Thierhaut hat man, je nachdem man lohgares oder weißgares Leder erhalten will, mit Gerbsäuren oder mit Alaun zu behandeln. Die sämische Ledergerbung hat der Verf. noch nicht versucht, glaubt aber, daß auch diese gute Resultate geben werde.

Will man farbiges Kunstleder darstellen, so kann man entweder schon im Zeuge färben, indem man die Collodiumbogen vor dem Pergamentisiren mit den Farbstoffen imprägnirt, oder man kann dieß auch ganz nach Art der Gerber mit dem fertigen Leder vornehmen. Selbstverständlich kann dieses künstliche Leder lackirt werden.

Im Ganzen erfordern die einzelnen Processe viel Aufmerksamkeit, einige Sachkenntniß und besonders Uebung; hat man diese sich erst angeeignet, so ist man aber stets sicher, ein ausgezeichnetes Fabricat zu erhalten, das in Festigkeit und sonstigen Eigenschaften keineswegs den natürlichen Leder nachsteht, nur daß es luftdicht ist. Beim großen Betriebe kann dieses Kunstleder recht billig hergestellt werden; es kann die geringste Baumwolle, sofern sie nur von Verunreinigungen frei ist, verwendet werden, auch dürfte Baumwolle-Shuddy verwendbar seyn. Von Bedeutung wäre es für die Calculation, den verdunstenden Aether-Alkchol durch Condensationsvorrichtungen wieder zu gewinnen, was durchaus keine Schwierigkeiten bietet. Ob die Anwendung von Glycerin nach dem Pergamentisiren behufs Geschmeidigmachung der Waare praktisch wäre oder ob man nach dem Tanniren die Waare mit demselben behandeln könnte, bleibt noch festzustellen. (Die neuesten Erfindungen, 1863, Nr. 40.)

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