Titel: Der atlantische Telegraph.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 171/Miszelle 1 (S. 74–75)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj171/mi171mi01_1

Der atlantische Telegraph.

Man erwartet zuversichtlich, daß im nächsten Juli ein erneuter Versuch gemacht werden wird, das Telegraphenkabel durch den atlantischen Ocean zu legen. Die Directoren der Atlantic Telegraph Company haben nach sehr großen Bemühungen eine Subscriptionsliste von 300,000 Pfd. Sterl. zusammengebracht behufs Anfertigung und Legung eines neuen Kabels. Nach Erlangung dieser Summe hat sich das Directorium an ein wissenschaftliches Comité gewandt, bestehend aus den Herren Capitän Galton, William Fairbairn, Whitworth, Professor Wheatstone und Prof. Thomson, und ihm die verschiedenen Plane der Fabricanten vorgelegt, welche sich gemeldet hatten. Das Resultat war, daß man die Offerte der Herren Glaß und Elliot auserkor, indessen nur soweit, als es den leitenden Kupferdraht betraf, incl. der Umhüllung von Gutta-percha. Ueber die äußere Hülle behielt sich das Comité seine Meinung vor, bis es seine Experimente vollendet hat, die zur Prüfung verschiedener Systeme vorgenommen werden.

Man hat nach Glaß und Elliot 7 Kupferdrähte in ein Seil zusammengeflochten, um den elektrischen Leiter zu bilden. Jeder Theil des Drahtes ist auf das Sorgfältigste auf Leitungsfähigkeit geprüft, und wird diese Prüfung in der Fabrik der Herren Glaß und Elliot unter Aufsicht eines von der Gesellschaft gestellten Elektrikers vorgenommen. Man hat sich gewundert, daß das Comité den Gebrauch von Gutta-percha statt des besser isolirenden Kautschuks empfohlen hat. Das Comité jedoch sagt ausdrücklich in seinem Referat, daß bei einer Unternehmung von solcher Wichtigkeit und Größe wie bei der atlantischen Telegraphen-Legung durchaus keine Experimente gemacht werden dürfen, sondern man der bisher gebräuchlichen Praxis folgen müsse; sie sprechen also kein Urtheil über den relativen Werth von Gummi und Gutta-percha aus, sondern adoptiren die letztere einfach aus dem Grunde, weil sie bei früheren Gelegenheiten gebraucht und tauglich befunden ist.

Die Experimente jedoch, welche vor einiger Zeit von Staatswegen angestellt wurden, bezeugten in überzeugender Weise, daß Kautschuk ein viel besserer Isolator ist, als sein Rival, und es ist zu bedauern, daß ersteres noch nicht öfter in der Praxis erprobt worden ist. Dazu kommt noch, daß gegenwärtig der Import von Gutta-percha ein reines Monopol ist, und hört man daher, daß die wenigen Capitalisten, welche diesen Artikel in Händen haben, bei der Nachricht, daß dieß Material zum atlantischen Kabel verwendet werden solle, sofort den Preis um 50 Proc. steigerten. Jedoch haben diese Herren schließlich etwas von ihrer Forderung nachgelassen, aber trotzdem kostet der Kern des Kabels, der Draht und seine dünne Bekleidung von Gutta-percha ungefähr 120 Pfd. Sterl. per engl. Meile. Die Kostensumme für Anfertigung und Legung der Telegraphenleitung ist auf 600,000 Pfd. Sterl. veranschlagt, und langt daher die Subscriptionssumme nur auf die Hälfte, so daß die Unternehmer selbst die volle Hälfte zu tragen haben. Ihr Interesse ist daher identisch mit dem der Actionäre, doch das Risico ein sehr bedenkliches, da nur vollkommener Erfolg der Unternehmung ihnen |75| Nutzen abwirft. Bei der Legung des Kabels, sowie bei der Transmission der ersten Depesche erhalten die Unternehmer je eine Rate der Zahlung und dann eine jeden Monat bis zu Ende des Jahres, wenn der Telegraph fortwährend in Arbeit ist; der Rest wird dann nach und nach abgezahlt. Die Experimente welche man zur Bestimmung der Schnelligkeit gemacht hat, zeigen, daß man 8 Worte in der Minute befördern kann. Der Tarif wird wahrscheinlich auf 5 Shilling pro Wort festgesetzt, was einen erheblichen Gewinn verspricht, – wenn überhaupt der Telegraph continuirlich arbeiten wird. Die Regierung der Vereinigten Staaten zahlt eine Subsidie jährlich, deren Minimum 75,000 Dollars beträgt, während das englische Gouvernement 20,000 Pfd. Sterl. im Minimum verspricht, wovon dann die Telegramme derselben bezahlt werden. Das heißt mit anderen Worten, die beiden Staaten übernehmen vereinigt eine Zinsgarantie von 8 Proc. wenn die Linie eben arbeitsfähig ist. Ueber die Art der Kabellegung ist bis jetzt noch nichts entschieden, aber wenn der „Great Eastern“ aus seiner finanziellen Klemme befreit wäre und wieder seetüchtig gemacht würde, so wäre derselbe gewiß sehr geeignet das Kabel des atlantischen Telegraphen aufzunehmen und zu legen. (Nach dem Observer; Breslauer Gewerbeblatt, 1863, Nr. 26.)

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