Titel: Weinbereitung mit Centrifugal-Maschinen statt mit Pressen; von Adolph Reihlen, Fabrikbesitzer in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 171/Miszelle 14 (S. 236–238)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj171/mi171mi03_14
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Weinbereitung mit Centrifugal-Maschinen statt mit Pressen; von Adolph Reihlen, Fabrikbesitzer in Stuttgart.

Nach einem vorläufigen, von dem Vorstande der kgl. Centralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart unter Mitwirkung der landwirtschaftlichen Centralstelle angestellten Versuche, aus ganzen, nicht zerdrückten Trauben mittelst einer von Hand getriebenen Centrifugalmaschine, Weine verschiedener Qualität zu bereiten, wurde auf Anregung des genannten Herrn am 23 October 1863 ein größerer Versuch mittelst einer in der Zuckerfabrik in Stuttgart aufgestellten Centrifuge vorgenommen.

Die Maschine dient dort zur Trennung der Zuckerkrystalle von Syrup, hat einen Durchmesser des inneren Siebes von 27 Zoll, während dessen Höhe 9 Zoll beträgt. Sie wird von einer Dampfmaschine getrieben und macht in der Minute 1000–1200 Umdrehungen.

Durch die Güte des Hrn. v. Ergenzinger, Präsidenten der kgl. Hofkammer, wurden die zu einem größeren Versuche nöthigen Trauben aus dem kgl. Weinberge auf der Prag geliefert.

Die bei der Arbeit anwesende Commission bestand aus den Herren: Präsident v. Ergenzinger, Director v. Steinbeis und Hofdomänenrath v. Schmid.

Die Wägungen und Aufschreibungen wurden von dem Verfasser unter Zuhülfenahme seines Comptoirpersonales besorgt und genau controlirt.

Gleich bei den ersten Füllungen der Centrifuge stellte sich heraus, daß die Maschine am besten in Gang gesetzt wird, ehe die Trauben hineingeschüttet werden, weil sich dieselben sonst weder gleichartig an dem inneren Rande der Siebtrommel anlegen, noch die Beeren gehörig platzen.

Bei Anwendung dieser kleinen Vorsicht wurden nicht nur alle reifen Beeren zerrissen, sondern es floß bei einer Füllung von je etwa 40 Pfund Trauben der Most in 4–5 Minuten sehr rasch ab.

Auf diese Weise lieferten:

70 Pfd. Rißlinge 44 1/2 Pfd. (63 1/2 Proc.) Wein u. 25 1/2 Pfd. (36 1/2 Proc.) Träber
79 Pfd. Gutedel 56 Pfd. (71 Proc.) „ „ 23 Pfd. (29 Proc.) „
76 Pfd. Elbling 58 Pfd. (76 Proc.) „ „ 18 Pfd. (24 Proc.) „
90 1/2 Pfd. Silvaner 68 1/2 Pfd. (76 Proc.) „ „ 22 Pfd. (24 Proc.) „
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315 1/2 Pfd. Trauben 227 Pfd. (76 Proc.) Wein u. 88 1/2 Pfd. (28 Proc.) Träber.

Alle Trauben waren vollkommen reif.

Nimmt man an, daß ein Butten Trauben von 120 Pfund 2 Imi Wein mit circa 80 Pfund, mithin circa 66 2/3 Proc. Wein bei guter Pressung liefert, so würde schon in dieser Rücksicht die Centrifuge mit mehr als 5 Pfund Wem von 100 Pfd. Trauben im Vortheil seyn; mit anderen Worten, im vorliegenden Fall wären 17 Imi Wein aus einer Traubenmenge erzielt worden, die bei gewöhnlich guter Pressung nur 16 Imi gegeben hätte.

Nachdem der Beweis geliefert war, daß die Centrifuge Raspel und Presse zu ersetzen vermöchte, galt es zu untersuchen, wie durch Zusatz von Wasser den sehr lockeren Träbern möglichst viel Nachwein entzogen werden könnte.

Während das ursprüngliche Durchschnittsgewicht des unverdünnten Mostes etwa 74° betrug, wurden durch Vermischung der 88 1/2 Pfund Traber mit 30 Pfd. Wasser und Centrifugiren 42 Pfd. Nachwein von 44° erhalten. Hierauf wurden noch probeweise 9 Pfund Wasser in die Centrifuge eingegossen, um aus den Trauben noch mehr Wein auszuwaschen; diese Manipulation erwies sich indessen nicht zweckmäßig, insoferne der so erhaltene Nachwein bloß 20° wog, offenbar weil das Wasser keine Zeit hatte, in das Innere der Traubenhäute einzudringen.

Es wurde nun zuletzt noch die Hälfte der Träber mit 6 Pfund Wasser in einem Gefäß gemischt und centrifugirt, wobei der Nachwein wieder 40° wog. Aller Nachwein kam in ein Gefäß zusammen und wog im Durchschnitt 36°.

Da zuletzt nicht mehr als 46 Pfund Traber von 315 1/2 Pfund Trauben, also bloß 14,6 Proc. Träber übrig blieben, so wurde ein Aequivalent von nicht weniger als 85,4 Proc. Wein erhalten.

Die letzten Träber stellten ein ganz loses Gemenge von Kämmen, Häuten und Kernen vor, so trocken, daß durch Absieben jede einzelne dieser drei Substanzen ganz leicht für sich hätte abgesondert werden können.

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Bei dieser Arbeit wäre die Gewinnung von Weinkernöl außerordentlich erleichtert.

Eine eigenthümlich überraschende Erscheinung bot der centrifugirte ohne Wasserzusatz bereitete Wein insoferne dar, als er schon am 23. November, also gerade nach einem Monate, glanzhell und zum Ablassen fertig sich erwies, während der auf gewöhnliche Weise aus denselben Trauben dargestellte und im gleichen Locale gegohrene Wein noch ganz trübe und schleimig erschien.

Geschmack und Geruch entsprachen dem Ansehen der beiden Weine vollständig.

Die interessante Frage, ob bei halbreifen Trauben unter entsprechender Modificirung der Geschwindigkeit, die Centrifuge bloß die reifen Beeren zerreißen, die unreifen aber unversehrt lassen, das Auslesen und Beeren von Hand also ersetzen würde, konnte der vorgerückten Jahreszeit wegen Heuer nicht mehr untersucht werden, wie überhaupt dieser Versuch nicht als ein endgiltiges Resultat, sondern namentlich dazu dienen soll, auf die Anwendbarkeit der Centrifuge bei der Weinbereitung aufmerksam zu machen und spätere größere Arbeiten in dieser Richtung hervorzurufen.

Fassen wir das erhaltene Resultat zusammen, so scheint daraus Folgendes hervorzugehen:

1) Centrifugen können ohne vorhergehendes Raspeln oder sonstiges Zerquetschen der Trauben zweckmäßig zum Weinbereiten benützt werden.

2) Vorhergehendes Raspeln der Trauben würde die Wirksamkeit der Centrifuge außerordentlich unterstützen, weil das sehr rasch erfolgende Ablaufen des Mostes eine weit stärkere Ladung der Maschine gestattet; in diesem Falle würden mit Einer Centrifuge binnen 8–10 Minuten (einschließlich Füllen und Leeren) etwa 100–120 Pfund zerdrückte Trauben in Most und Träber getrennt werden können, was ungefähr einem Eimer per Stunde entspräche.

3) Der mit Centrifugen gewonnene Wein sättigt sich einerseits sehr intensiv mit der zu Einleitung des Gährungs-Processes erforderlichen atmosphärischen Luft, während andererseits viel mehr Fäserchen und consistente Schleimtheile der Traube in den Träbern zurückbleiben. Aus den Kämmen und Kernen kommt kein übelschmeckender Gerbstoff und andere Substanzen in den Most und er scheint aus diesen Gründen rascher zu gähren und viel früher abgelassen werden zu können.

Obgleich bis jetzt der Centrifugalmost entschieden besser zu seyn scheint, so ist doch behufs unparteiischer Vergleichung die Abklärung des auf gewöhnliche Weise gekelterten Weines abzuwarten; insbesondere wäre seiner Zeit der relative Gehalt an Gerbstoff und anderen Säuren in den verschieden dargestellten Weinen, sowie deren relative Haltbarkeit zu ermitteln.

4) Die Mehrausbeute des freiwillig abfließenden Weines, die große Leichtigkeit der Bereitung von Nachwein, das Wegbleiben schlechter Substanzen aus Kernen und Kämmen und die Auskelterung aller an den letzteren haftenden Beerenreste, empfehlen die Benützung von Centrifugen zur Weinbereitung ganz besonders.

5) Es wäre sehr zu wünschen, daß mit gleichen Quantitäten geraspelter Trauben im kommenden Herbst genau vergleichende größere Versuche gemacht würden, um über Ausbeute, Qualität, Kosten etc. der erhaltenen Weine genaue, auf Zahlen begründete Zusammenstellungen zu erhalten. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1863, Nr. 50.)

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