Titel: Die Wissenschaft auf dem Theater.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 171/Miszelle 7 (S. 233–234)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj171/mi171mi03_7

Die Wissenschaft auf dem Theater.

Im Jahre 1846 wurde zuerst in der großen Oper zu Paris bei der ersten Darstellung des Propheten das elektrische Kohlenlicht angewendet, um den Effect des Sonnenaufganges hervorzubringen, was auf eine wahrhaft überraschende Weise gelang. In Folge davon wurde der geschickte Optiker Duboscq, dessen Regulator so wesentlich zur Constanz des elektrischen Lichtes beigetragen hatte, mit der Ausführung und Ueberwachung dieses Theiles der Inscenirung betraut, und seitdem kann kaum ein Ballet oder eine Spectakeloper in Scene gehen, ohne daß das elektrische Licht in irgend einer Art dabei eine Rolle spielt. Die größeren Opernhäuser Frankreichs und des ganzen Kontinents folgten dem gegebenen Impulse sehr bald nach.

Kurz darauf wurden vom Mechaniker Ruhmkorff in Paris seine großen Inductionsrollen hergestellt. Man erhielt damit ein Mittel, ungemein starke elektrische Funken in raschester Aufeinanderfolge zu erzeugen. Auch dieses Experiment fand bald seinen Weg auf das Theater. In einem großen Feen- und Spectakelstück, dem Pied de Mouton (Hammelfuß), werden die Lichter eines magischen Leuchters plötzlich wie durch Zauberei entzündet. Die Dochte derselben sind mit einer leicht entzündlichen Flüssigkeit |234| (z.B. Terpenthinöl und Weingeist) getränkt, und tauchen in Porcellangefäße, welche die Form und das Aussehen von Kerzen haben. Etwas oberhalb dieser Dochte sind zwei metallische Spitzen angebracht, zwischen denen der erzeugte Inductionsfunke überspringt. Der Leuchter hat zwei Arme. Mit Hülfe eines Commutators kann man bald die eine, bald die andere Kerze entzünden. Eben so leicht kann man Gasflammen oder Häufchen von Pulver mittelst des Funkens in Brand stecken. Weit prachtvollere Resultate könnte man noch durch das Ueberspringen des Funkens in den nahezu luftleeren Geisler'schen Röhren erzeugen. Wären diese z.B. in Form von Namenszügen etc. gebogen, so könnte man damit gewiß ganz ausgezeichnete Effecte erzielen. Eine Fee, deren Kopfputz z.B. aus solchen Geisler'schen Röhren bestände, würde jedenfalls brillant erscheinen.

In der neuesten Zeit sind endlich die Geistererscheinungen auf dem Theater aufgetaucht, die freilich nur kurze Zeit in London und Paris Furore gemacht haben.

Wahrscheinlich haben schon in ältester Zeit die Zauberer und Geisterbeschwörer von diesem einfachen physikalischen Experiment Gebrauch gemacht. Schon im Jahre 1802 brachte ein Engländer diese Idee öffentlich zur Ausführung. Sie wurde mit größtem Erfolge in der Neuzeit wieder aufgenommen.

Man hat specielle Zauber- und Geistergeschichten geschrieben und aufgeführt, deren Kern eben in diesen Geistererscheinungen bestand.

Sobald die Geister erscheinen sollen, werden die Lichter des Kronleuchters im Zuschauerraum verdunkelt, die der Rampe so schwach gehalten, daß man eben noch das Spiel des Acteurs sehen kann. Plötzlich erscheint der Geist, hell erleuchtet, vollkommen sichtbar, so daß man selbst das Mienenspiel desselben deutlich erkennen kann. Die Ausführung dieses überraschenden Effects ist sehr einfach, und erfordert vor allem sehr reine, gut polirte, große Spiegelgläser ohne Belag. Dieselben sind etwa in einem Winkel von 45 Grad gegen den Fußboden der Bühne geneigt, im Hintergrunde derselben aufgestellt. Bei der schwachen Beleuchtung und ihrer vollkommenen Durchsichtigkeit, sind sie so gut wie unsichtbar. Vor denselben ist eine breite Spalte nach dem Raume unter dem Podium geöffnet. In diesem Raume stellen sich die Schauspieler auf, welche die Geister darstellen sollen. Im Moment der Erscheinung wird diese Gruppe durch ein sehr lebhaftes Hydrooxygen-Gaslicht mit Reflector intensiv beleuchtet. Die Lichtstrahlen, welche von dort aus auf die Spiegel fallen, werden zum großen Theil in den Zuschauerraum zurückgeworfen. Die Dunkelheit, welche hinter dem Glasspiegel herrscht, spielt gewissermaßen die Rolle eines Spiegelbelags. Wäre ein gewöhnlicher Zinn- oder Silberbelag vorhanden, so würde man ein deutliches Spiegelbild erhalten, so erhält man nur die Geistererscheinung. (Breslauer Gewerbeblatt, 1864, Nr. 1.)

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