Titel: Ueber die angebliche Gefährlichkeit der mit Anilinfarben gefärbten Stoffe; von Dr. Sauerwein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 171/Miszelle 9 (S. 399–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj171/mi171mi05_9

Ueber die angebliche Gefährlichkeit der mit Anilinfarben gefärbten Stoffe; von Dr. Sauerwein.

Ich habe bereits Gelegenheit genommen, in einer Abendversammlung des Gewerbevereins (in Hannover) auf Veranlassung mehrfach an mich gerichteter Anfragen mich über diese Frage auszusprechen und die Befürchtungen, daß das Tragen solcher Stoffe gesundheitsschädlich seyn möchte, widerlegt, wobei ich zu meiner Freude von einer hochstehenden hiesigen ärztlichen Autorität unterstützt wurde. Ich habe selbst Gelegenheit gehabt, mit Fuchsin gefärbte Stoffe zu untersuchen, wobei es mir nicht gelang, mittelst des doch so empfindlichen Marsh'schen Apparats Arsen nachzuweisen.

Der Nr. 26 der deutschen Industrie-Zeitung von 1863 entnehme ich in dieser Beziehung einen Aufsatz ähnlichen Inhalts, dessen Wiedergabe deßhalb vielleicht ganz angebracht ist.

Leipzig, 7. Juni. (Furcht vor den Anilinfarben.) Die Anilinfarben, deren Schönheit und Lebhaftigkeit von allen Seiten die größte Bewunderung erregt, sind in jüngster Zeit schon mehrmals in Anklagezustand versetzt worden. Man klagt dieselben ihrer Giftigkeit wegen an, geht sogar soweit, anzunehmen, daß das Tragen anilingefärbter Stoffe gesundheitliche Störungen hervorrufen könne. Ist dieses begründet? Suchen wir diese Frage durch Nachstehendes etwas näher zu beleuchten. Zunächst sey erwähnt, daß die Gefährlichkeit der Anilinfarben sich doch nur auf das Anilinroth, das sogenannte Fuchsin, beschränken kann, da Violett und Blau erst aus dem reinen, krystallisirten Fuchsin und Rosanilin bereitet werden. Anfänglich wurde das Fuchsin mittelst wasserfreiem Zinnchlorid bereitet, später verwendete man dazu salpetersaure Quecksilbersalze, Doppelt-Chlorkohlenstoff etc.; in neuerer Zeit aber bildet die Arsensäure die oxydirende Substanz, welche das Anilin in Roth umwandelt. Beim Erhitzen des Anilins mit Arsensäure wird letztere durch Abgabe ihres Sauerstoffes in arsenige Säure, eine allerdings sehr giftige Substanz, verwandelt. Die fertige rohe Farbemasse zeigt |400| im festen Zustande einen goldgrünen Reflex, enthält neben dem rothen Farbstoff arsenige Säure, etwas unzersetzte Arsensäure und harzige Substanz. In diesem Zustande wird sie aber nicht von den Fabrikanten verkauft, es wird vielmehr der reine Farbstoff, durch eine Reihe von Operationen, die wir hier nicht erwähnen, in krystallisirtem Zustande abgeschieden. Bei dieser Abscheidung wird aber alles Arsen, mag dasselbe als arsenige Säure oder als Arsensäure vorhanden seyn, entfernt, vorausgesetzt, daß die Fabrication auf rationell wissenschaftliche Weise gehandhabt wird. Daß wohl auch unreine Producte im Handel vorkommen, wagen wir nicht zu bestreiten, ja, können es sogar bestätigen. Für den Färber und Drucker werden stets die theueren aber auch besseren Sorten die vortheilhaftesten seyn, da sie nicht nur einen schöneren Farbenton, sondern auch einen größeren Farbreichthum besitzen. Wenn man nun die außerordentliche Färbekraft des Fuchsins in Erwägung zieht, so würde, wenn z.B. das Fuchsin etwas Arsen enthielte, eine so außerordentlich geringe Menge davon auf den gefärbten Zeugen sich befinden, daß dasselbe bei einer chemischen Untersuchung nur dann in wägbarer Menge zu ermitteln wäre, wenn große Mengen gefärbter Stoffe dazu verwendet würden. Aber glücklicher Weise nehmen die Zeuge aus einer arsenikhaltigen Farbflotte kein Arsen auf. Wie ist es nun möglich, daß, wie neulich berichtet wurde, ein mit Anilinroth gefärbter Stoff 22 Procent Arsenik enthalten konnte, und daß eine Dame beim Liegen auf diesem Stoffe krankhafte Zufälle erhielt? Wie übel wären da die Färber und die Arbeiter in den Anilinfarben-Fabriken daran, die täglich mit den Farben in unmittelbare Berührung kommen. Wir haben aber noch nicht von einem einzigen Vergiftungsfalle in den Färbereien oder in den Fabriken gehört. Von einer Besorgniß für die Gesundheit beim Tragen anilinroth gefärbter Stoffe kann daher durchaus keine Rede seyn.

Wohl aber ist Vorsicht nöthig da, wo man Anilinroth zum Färben von Liqueuren oder Conditoreiwaaren verwendet, und zwar deßhalb, weil auch Anilinroth in Auflösung verkauft wird, von dem man nicht wissen kann, ob zur Auflösung krystallisirtes oder die rohe ungereinigte Masse verwendet worden ist. Im letzteren Falle würde es viel Arsenik enthalten. In jedem Falle ist es nöthig, derartiges Fuchsin nicht eher zu obigem Zwecke zu verwenden, als bis eine chemische Untersuchung die Abwesenheit des Arseniks festgestellt hat.“ (Monatsblatt des hannoverschen Gewerbevereins, 1863 S. 71.)

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