Titel: Barreswil, über die Parfümerie und deren jetzigen Standpunkt in Frankreich.
Autor: Barreswil,
Fundstelle: 1864, Band 173, Nr. XCIV. (S. 385–393)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj173/ar173094

XCIV. Die Parfümerie im Jahre 1862; von Barreswil.

Aus den Annales du Conservatoire des arts et métiers, t. IV p. 273.

Mit Abbildungen auf Tab. V.

In der Parfümerie gibt es eine Kunst und eine Technik.

Die Kunst des Parfümeurs besteht darin, den Duft (das Bouquet) einer natürlichen Blume oder eines Blumenstraußes durch Gemische von Riechstoffen nachzuahmen; die ätherischen Oele, Balsame, sowie die in Fett, Oel oder Alkohol fixirten Parfüms zur Anfertigung von Pommaden, kosmetischen Mitteln, Waschwässern, Toilettseifen zu benutzen; alkoholische Extracte, Duft- und Räucheressige etc. darzustellen; endlich auch, alle diese Waaren in besondere Verpackungen zu bringen, so daß sie entweder durch die geschmackvolle Auswahl, oder durch die Nützlichkeit der letzteren größeren Werth bekommen (sie „aufzumachen“).

Die französischen Fabrikanten zeichnen sich in diesem Industriezweige ganz besonders aus; Niemand versteht es besser, die Odeurs auszuwählen, die zartesten Düfte in der verschiedenartigsten Weise mit einander zu verbinden. Niemand versteht es so gut, der Enveloppe einen eleganten und anmuthigen Schwung zu geben, als der Franzose, und ganz besonders der Pariser.

Damit soll keineswegs behauptet werden, daß auch nicht in anderen Ländern gute Parfümerien dargestellt werden. Jedermann kennt das Cölnische Wasser, dessen Bouquet sehr zum Gemeingut geworden ist; das Eß-Bouquet der Engländer hat einen wohlverdienten Ruf; die Duftkissen des Orients, die türkischen Rosenöl-Flacons haben ein Gepräge, welches sich durch die zahllose Menge französischer Modelle nicht hat in den Hintergrund drängen lassen. Indessen stimmt darin das Urtheil Aller überein, daß bezüglich der Parfümerie-Artikel im Ganzen, wie hinsichtlich der Vorzüge einzelner Odeurs und der Verschiedenheit der Formen die Franzosen den ersten Rang einnehmen und man kann versichert seyn daß dieser Rang denselben weder von Deutschen und Belgiern, welche Frankreich darin nachahmen, noch von den Engländern, die an ihren classischen Modellen festhalten, streitig gemacht werden kann. Dieß ist durch die allgemeine Londoner Industrie-Ausstellung des Jahres 1862 zur Genüge bewiesen worden und wenn auch vom Standpunkte der exquisiten Parfümerie aus die Abwesenheit mehrerer Firmen, welche hinsichtlich des feinen Geschmacks und der Eleganz europäischen Ruf haben, sehr zu bedauern |386| war, so läßt sich doch keineswegs in Abrede stellen, daß die in London vertreten gewesenen Häuser ihren Rang würdig aufrecht erhalten haben.

Der frische und zarte Geruch der feinen französischen Seifen, die Eleganz und der Reichthum der Duftkissen, der Parfüms für Taschentücher in der französischen Abtheilung fand allgemeine Anerkennung; dem ausgesuchten Wohlgeruche, der sinnreichen und geschmackvollen Verpackung der Pariser Artikel dieser Art widerfuhr alle Gerechtigkeit.

Die Technik der Parfümerie basirt auf der Gewinnung der von der Natur, ganz besonders im Pflanzenreiche dargebotenen Riechstoffe, auf der Reinigung der Excipientien, d. i. der Substanzen mittelst deren diese Duft- oder Riechstoffe fixirt oder gebunden werden, wie z.B. Fette, Oele, Alkohole etc., sowie auf der Sättigung der letzteren mit dem Dufte der Blumen selbst.

Manche Parfümeurs verarbeiten nur die bereits präparirten Parfüms; andere beschäftigen sich auch mit deren Gewinnung; noch andere endlich verbinden mit der Parfüm-Industrie auch die Cultur der wohlriechenden Gewächse oder die Darstellung der durch chemische Processe zu gewinnenden künstlichen Parfüms.

Diese erklärenden Vorbemerkungen waren erforderlich, um die Verdienste der französischen Ausstellung in London gehörig an's Licht stellen und die große Bedeutung, sowie den hohen Standpunkt der französischen Parfümerie darzulegen.

Die wirkliche Bedeutung des Parfümeriehandels in Frankreich datirt erst aus der neuesten Zeit; im J. 1810 erreichte der ganze Umsatz in diesen Artikeln in Frankreich kaum 2 Millionen Frcs., heutzutage beträgt er über 40 Millionen Frcs.

Ein Haus, welches in jener Zeit zu den besten gezählt wurde, machte jährlich für 35,000 Frcs. Geschäfte, 1862 für beinahe 2 Millionen; 1810 beschäftigte es 5 Personen und besaß einige durch Menschenkraft bewegte maschinelle Vorrichtungen, jetzt ist sein Arbeiterpersonal 181 Mann stark und seine Maschinenkraft beträgt 25 Dampfpferde; der Umsatz in einem einzigen, von diesem Hause mit Intelligenz und Energie ausgebeuteten Artikel, einem Toilettessig, hat den Betrag von 1 Mill. Frcs. im Engrospreise erreicht. Eine einzige Toilettseifenfabrik liefert jährlich für mehr als 800,000 Frcs. von diesem Artikel.

Wir wollen nun zu einigen technischen Details hinsichtlich der verschiedenen Operationen dieses Industriezweiges übergehen. Dieselben zerfallen in zwei Classen: 1) die Gewinnung der Duftstoffe selbst; 2) die Verarbeitung derselben für den Bedarf des Parfümeurs.

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Die zweite Branche der Parfümerie-Industrie hat ihren Hauptsitz in Paris; sie producirt Toilettseifen, Duftextracte (extraits d'odeurs), deren Darstellung so außerordentlich interessant ist, kosmetische Präparate aller Art, Toilettwasser u.s.f.

Darstellung der Toilettseifen. – Die Vorrichtungen und Geräthschaften zu den für diese Fabrication erforderlichen Manipulationen sind in manchen französischen Fabriken sehr vervollkommnet und verdienen wohl allgemeiner bekannt zu werden; sowie sie in den schönen Ateliers des Hrn. Piver, welchem die Parfümerie einen bedeutenden Theil ihrer neueren Fortschritte verdankt, eingeführt worden, sind sie so vollständig und ihrem Zwecke entsprechend, als dieß nur irgend beansprucht werden kann.

Vor wenigen Jahren war der Parfümeur nicht gleichzeitig Seifensieder (in England ist es noch heutzutage so); er kaufte seine Seife, ließ sie bei gelinder Wärme zergehen und vermischte sie mit seinen wohlriechenden Substanzen. Nach einer anderen Methode wurde die Seife in einem Marmormörser klar gestoßen und mit den wohlriechenden und den kosmetisch wirkenden Stoffen zusammengerieben, dann mit den Händen tüchtig durchgeknetet, vorsichtig getrocknet – eine Operation, welche lange Zeit beanspruchte – und dann mittelst einer hölzernen Keule in eine zweitheilige Form geschlagen, wodurch sie die für den Handel erforderliche regelmäßige Form mit den üblichen Verzierungen, Firmamarken etc. erhielt.

Heutzutage führt der Parfümeur alle zur Anfertigung der Seife nöthigen Manipulationen selbst aus.

In den Details der Seifenfabrication sind übrigens in der neueren Zeit mehrere Verbesserungen eingeführt worden, deren wichtigste nachstehend erörtert werden sollen.

Piver hatte den glücklichen Gedanken, bei der Gewinnung der Fette das bei den Fleischern übliche runde Hackmesser (Wackelmesser) anzuwenden; mittelst dieses Werkzeugs werden die das Fett enthaltenden Zellen zerschnitten und das Auslassen desselben erfolgt ohne Schwierigkeit bei so niedriger Temperatur, daß sich das Zellgewebe ohne Verlust absondern und das Fett ohne Geruch erhalten läßt. Das letztere wird durch Aetznatronlauge, welche aus krystallisirter Soda mittelst Aetzkalk dargestellt worden, in mit Dampf geheizten Kufen oder Kesseln verseift. Diese Gefäße sind von den zum Seifensieden gewöhnlich angewendeten Kesseln darin verschieden, daß nur ihr unterer Theil, bis zum ersten Drittel ihrer Höhe, conisch, der obere Theil hingegen cylindrisch geformt ist; bei dieser Einrichtung erfolgt ein weit regelmäßigeres Sieden der |388| Masse und nach Piver's Meinung geht auch der Verseifungsproceß rascher und vollständiger vor sich.

Die von der Unterlauge und den mit ihr niedergeschlagenen nicht verseifbaren Stoffen abgeschöpfte Seife wird wie gewöhnlich in die Form oder Lade gebracht, in welcher sie erstarrt, dann in Riegel oder Tafeln geschnitten und schließlich in's Magazin gebracht, um später auf die zum Toilettgebrauche nothwendige Weise vorgerichtet zu werden.

In vielen Parfümeriefabriken ist das Durcharbeiten der zerriebenen Seife mit den Händen noch immer üblich, indem nach dem Urtheile tüchtiger Praktiker die intelligente Arbeit des Menschen die Darstellung eines guten Productes sehr begünstigt. Piver hingegen hat dieses Mengen und Kneten mit Menschenhand gänzlich aufgegeben, da dasselbe nicht immer mit der nöthigen Sauberkeit ausgeführt wird, überdieß aber auch die Gegenwart von 20 bis 25 Proc. Wasser in der Seife erfordert, so daß dann diese letztere mehrere Wochen im Trockenzimmer bleiben muß, wo sich die beigemengten wohlriechenden Stoffe verflüchtigen und in Berührung mit dem feuchten Seifenteige und unter dem Einflusse der atmosphärischen Luft zersetzen. Piver läßt anstatt dieses Verfahrens die Seife in ganz dünne leichte Streifen oder Bänder zerschneiden, welche in einem von einem ununterbrochenen Strome erwärmter Luft durchzogenen Trockenschranke beinahe vollständig ausgetrocknet, mittelst des rotirenden Hackmessers mit den kosmetischen Substanzen möglichst innig gemengt und dann zwischen drei Granitwalzen von verschiedener Umdrehungsgeschwindigkeit zusammengequetscht werden. Die auf diese Weise homogen und innig gemengte, bündige Seifenmasse kommt nun in einen langen, hermetisch verschließbaren Kasten, in welchem sie mittelst eines durch eine kräftige hydraulische Presse bewegten Kolbens eingepreßt und zusammengedrückt wird, so daß sie in glatten 1 6/10 Meter langen Riegeln heraustritt, welche dann durch eine besondere Vorrichtung mittelst eines einzigen Schnittes in zwanzig regelmäßige Stücke zertheilt werden.

Die auf diese Weise dargestellte Seife behält die ganze Frische ihres Wohlgeruchs. Die fertige Form und die Fabriksmarke erhält sie durch Pressen in einer gravirten zweitheiligen Bronzeform erst am Tage der Abgabe an den Consumenten. – Nach Piver's Behauptung wird bei dem beschriebenen Verfahren jeder durch Schaben, Glätten etc. verursachte Abgang vermieden und an Handarbeit gespart.

Alkoholate. – Die Duft-Extracte (extraits d'odeurs) werden, mit Gemischen von Essenzen oder ätherischen Oelen, von aromatischen Tincturen, besonders aber durch das Ausziehen oder Waschen mit Alkohol (lavage) der vorher mit den Düften frischer Blumen beladenen |389| fetten Oele und Fette dargestellt. Früher wurde dabei in folgender Weise verfahren. Eine Oelkruke wurde zur Hälfte mit gleichen Theilen von solchem parfümirtem fetten Oel und Alkohol gefüllt, und täglich zwei- bis dreimal 8 bis 10 Minuten lang geschüttelt; nach einigen Augenblicken Ruhe trennten sich beide Flüssigkeiten von einander. Zuweilen aber setzte sich das Oel an die Wände der Kruke fest und wurde im Verlaufe der Operation, welche unter 15 bis 20 Tagen nicht zu beenden war, ranzig. Nach dem neuen System findet das Umschütteln oder Umrühren ununterbrochen statt, und ein Tag ist zum vollständigen Extrahiren (Waschen) hinlänglich; indessen ist die Zeitersparniß nur der geringste Vortheil dieses Verfahrens, Hauptsache bleibt die Frische und die Reinheit des auf diese Weise erhaltenen Parfüms.

Die Parfümeurs von Grasse, Cannes und Nizza beschäftigen sich im Allgemeinen nur mit den Rohproducten, d.h. mit den ätherischen Oelen oder Essenzen, den wohlriechenden Wässern und den parfümirten Fetten und Oelen; in Paris existirt dieser Zweig der in Rede stehenden Industrie kaum, denn wenn auch die Menge der verschiedenen Blumen, welche in Paris verarbeitet werden, groß ist, so ist dagegen das erzeugte Quantum von jenen Rohproducten nur gering, sie dienen nur zu feiner Parfümerie und bestehen in Weißdornblüthen, Hyazinthen, Narzissen, Syringen, Maiblumen, Reseda, Nelken und Heliotrop. Destillirt werden Rosen und Orangenblüthen, Geraniumblätter, bittere Mandeln, Nelkenblüthen (Gewürznelken), sowie mehrere wohlriechende Hölzer und Harze.

Destillation. – Die wesentlichen oder ätherischen Oele werden allgemein durch Destillation gewonnen; diese geschieht in gewöhnlichen Destillirapparaten, häufig gleich am Productionsorte der Pflanzen; so werden z.B. Lavendel und Spieke in den Bergen selbst, in denen sie wachsen, destillirt; der tragbare Destillirapparat wird in der Nähe eines fließenden Wassers aufgestellt und die Operation ganz so, wie in den Laboratorien üblich, ausgeführt. Manche Anlagen arbeiten mit vervollkommneten Destillirapparaten. Zu verwundern ist es, daß man allem Anschein nach noch nicht darauf gekommen ist, als Träger der wohlriechenden Stoffe bei der Destillation verschiedenartige Flüssigkeiten anzuwenden.

Die auf diese Weise dargestellten ätherischen Oele oder Essenzen sind die folgenden, denen der Verfasser die Preise beifügt:

Néroly bigarrade * per Kilogr. 350 Fr.
Néroly Portugal „ „ 200 „
|390|
Néroly petit-grain per Kilogr. 100 Fr.
Géranium rosa „ „ 80 „
Gartenmünze-Oel „ „ 90 „
Lavendelöl „ „ 13 „
Spicköl „ „ 5 „
Roththymian-Oel „ „ 8 „
Weißthymian-Oel „ „ 12 „
Rosmarinöl „ „ 7 „
Fenchelöl „ „ 10 „
Rosenessenz von Grasse „ „ 1536 „
orientalische Rosenessenz „ „ 960 „

Wie man sieht, ist die in Frankreich gewonnene orientalische Rosenessenz geschätzter, als die wirkliche orientalische; dieß rührt zweifelsohne daher, daß die französischen Parfümeurs sie reinigen.

Die parfümirten Fette werden in Südfrankreich auf zwei sehr verschiedene Arten bereitet, je nach der Beschaffenheit des Riech- oder Duftstoffes und nach der größeren oder geringeren Zartheit der zu verwendenden Blumen, nämlich durch Infusion oder durch kalte Parfümirung des Fettes mittelst Schichtung desselben mit den Blüthen (enfleurage).

Darstellung der parfümirten Fette durch Infusion. – Die Infusionsmethode besteht darin, daß die Blumen mit warmem fettem Oel oder Fett von etwa 65° C. übergossen und nach einigen Stunden wieder herausgenommen werden, worauf man sie durch frische ersetzt, bis die Fettkörper mit dem Riechstoffe gesättigt sind; zur Erreichung dieses Resultats sind von manchen Blüthen bis 6 Kilogrm. auf 1 Kilogrm. Fett erforderlich. Auch für diese Manipulation hat Piver eine interessante Verbesserung erfunden, welche sich nur bei ihm allein vorfindet. Denn leider muß der Verfasser sagen, daß die Infusion in allen übrigen ihm bekannt gewordenen Ateliers heutzutage noch auf dieselbe Weise ausgeführt wird, wie in den ältesten Zeiten.

Piver's Apparat, welcher an eine Einrichtung zum Auslaugen der rohen Soda erinnert, besteht aus einem in sieben Fächer getheilten rechteckigen Kasten von verzinntem Kupfer, welcher durch Dampf erhitzt wird. Das in einem höher liegenden, gleichfalls mittelst Dampf geheizten Behälter befindliche Oel oder Fett tritt in dünnflüssigem Zustande durch den Boden des ersten Faches ein, durchdringt die hier liegenden Blumen oder Blüthen, tritt dann, wenn das Fach voll ist, durch ein Rohr in den Boden des zweiten Faches, welches gleichfalls gefüllt wird, und so fort, bis es in das letzte Fach gelangt ist, indem es von links nach rechts vordringt.

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Die Blumen befinden sich in Körben aus Drahtgewebe, welche nacheinander in jedes Fach eingehängt werden und in einer derjenigen des Oels oder Fettes entgegengesetzten Richtung vorrücken, so daß sie zuerst in das rechts befindliche Fach Nr. 7 kommen, aus diesem in Nr. 6 und so allmählich in alle anderen, bis zu dem am linken Ende befindlichen Fache Nr. 1; wenn sie hier ankommen, sind sie vollständig erschöpft und das aus dem Fache Nr. 7 heraustretende Oel oder Fett ist, nachdem es sich nach und nach mit dem Dufte der frischen Blumen imprägnirt hat, mit dem Parfüm vollständig gesättigt.

Dieses methodische Ausziehen oder Auswaschen geht sehr rasch von statten und entzieht den Blumen ihr ganzes Parfüm, nimmt aber außer dem Parfüm aus ihnen nichts Anderes auf; ein einziger Apparat genügt, um täglich 800 Kilogr. Fett zu sättigen. Die Dauer der Infusion muß möglichst abgekürzt werden, damit nicht, wie dieß bei dem früheren Systeme stattfindet, ein Erweichen der Blumen und Blüthen eintritt.

Darstellung der parfümirten Fette durch Schichtung des Fettes mit den Blüthen. – Die Parfümirung des Fettes durch Schichtung desselben mit den Blüthen (enfleurage) wurde früher mittelst übereinander gestellter Horden oder Gitter ausgeführt; eine auf einer Glastafel ausgebreitete kalte Fettschicht wurde mit einer Lage Blumen bedeckt; auf die hiermit beschickte Horde wurde eine zweite gelegt, die gleichfalls mit einer Glasplatte, und auf dieser mit einer Fettschicht und darüber mit einer Blumenschicht beschickt ward; darauf kam in gleicher Weise eine dritte, eine vierte etc. Horde, und so wurde eine Säule von vierzig Horden hergestellt, aus welcher die erschöpften Blüthen täglich herausgenommen und durch frische ersetzt wurden, so daß 25 bis 30 Tage erforderlich waren, um das Fett mit dem Dufte zu sättigen.

Nach dem neuen, gleichfalls von Piver erfundenen Verfahren wird die Fixirung der Blumendüfte vom Fette durch Vermehrung oder Vergrößerung der absorbirenden Flächen befördert. Der dazu dienende, von Piver ersonnene Apparat ist in Fig. 811 abgebildet. Das Fett wird zu diesem Behufe in dünne nudelähnliche Fäden B, Fig. 9, und auf in Rahmen gespannte Drahtgewebe gebracht, welche mit anderen verzinnten Metallblechen A, Fig. 8, auf welche die zu extrahirenden frischen Blumen geschichtet werden, abwechselnd in die Falze zweier hermetisch verschließbaren Schränke eingeschoben werden, Fig. 10 und 11. Diese beiden Schränke oder Schrankabtheilungen stehen in ihrem unteren Theile mit einander in Verbindung, so daß ein schwacher Luftstrom mittelst Blasebalg von dem einen in den anderen geführt, und fortwährend und abwechselnd sämmtliche Schichten der Blüthen und des fein |392| zertheilten Fettes durchströmen kann; die parfümirte Luft gibt nach kurzer Zeit die flüchtigen Duftstoffe an das Fett bis zur vollständigen Sättigung desselben ab. Diese Operation beansprucht 48 Stunden, während das ältere Verfahren wenigstens drei Wochen erforderte. Da zwischen dem Fett und den Blüthen keine directe Berührung stattfindet, so wird jede Färbung, jeder Kräutergeruch vermieden und bei der Anwendung von Veilchen bleiben diese nach der Extraction ihres Duftstoffs immer noch zur arzneilichen Verwendung brauchbar.

Extraction des Blumenparfüms nach dem Millon'schen Verfahren. – Das von E. Millon ersonnene und eingeführte Verfahren soll unter gewissen Umständen die Methoden der Infusion und der Parfümirung des Fettes durch Schichtung mit Blüthen ersetzen, indem Fette und Oele (nicht flüchtige Vehikel) durch flüchtige Lösungsmittel, vorzüglich Aether und Schwefelkohlenstoff, ersetzt und diese letzteren nachher durch Destillation von den Riechstoffen getrennt werden.

Indem Piver dieses Verfahren der Fabrication im Großen entsprechend modificirte und durch eine höchst sinnreiche Verbesserung in sehr glücklicher Weise vervollständigte, hat derselbe eine ganz neue Classe von condensirten oder concentrirten Parfüms geschaffen, die sich durch eine merkwürdige Frische und Reinheit auszeichnen.

Sein Verfahren umfaßt drei verschiedene Processe:

  • 1) die Auflösung des Parfüms durch Infusion;
  • 2) die Destillation bei niederer Temperatur;
  • 3) die Entfernung der letzten Spuren des Lösungsmittels durch Verdampfen.

Zur Auflösung des Riechstoffs wendet Piver einen Apparat an, der aus drei Deplacirungs- oder Verdrängungscylindern besteht; das Ende eines jeden ist vollkommen luftdicht mit einer abnehmbaren, zur Aufnahme der Flüssigkeit aus dem Cylinder bestimmten Vorlage verbunden; die Flüssigkeit wird aus dem ersten in den zweiten, gleichfalls mit Blumen gefüllten Deplacirungscylinder gegossen u.s.f.

Die Blüthen werden auf diese Weise dreimal, zuweilen auch viermal mit den Lösungsmitteln – Aether, Schwefelkohlenstoff oder Chloroform – behandelt. Je nach den verschiedenen Arten der zu extrahirenden Blumen wird auch ein verschiedenes Lösungsmittel angewendet.

Das Product der dritten Infusion kommt neuerdings über zweimal infundirte Blumen, dann auf solche, die erst einmal infundirt worden sind, zuletzt auf ganz frische Blumen; die Flüssigkeiten, welche den ganzen Duftgehalt aufgenommen haben, werden zusammengegossen und bei |393| niedriger Temperatur destillirt. Der Riechstoff bleibt als weißer oder verschiedenartig gefärbter, starrer und zerreiblicher, oder als wachsartiger, oder als flüssiger, nach einiger Zeit indessen stets erstarrender Körper zurück.

Die letzten Spuren des Lösungsmittels lassen sich aus den auf diese Weise erhaltenen Parfüms nur schwierig entfernen; es ist dazu eine dritte Operation erforderlich.

Der Rückstand wird nämlich im Wasserbade in einem halbcylindrischen Abdampfgefäße erhitzt, welches auf einer horizontalen Achse angebracht ist, so daß man es zur Bewegung der darin enthaltenen Masse beständig schaukeln kann, während ein Ventilator oder Exhaustor die letzten Spuren des Lösungsmittels austreibt. Endlich wird das Extract noch zwei- oder dreimal mit schwach alkalisirtem Wasser gewaschen, so daß nur das reine, liebliche Parfüm der extrahirten Blume zurückbleibt.

Volle Blüthe und absolute Frische der zu verwendenden Blumen sind zu einem günstigen Resultate durchaus nothwendig. Manche Blumen geben ihr Parfüm nur nach mehrstündiger, starker Insolation, d.h. dann ab, nachdem sie einige Stunden lang der Einwirkung der Sonnenstrahlen ausgesetzt gewesen sind; andere hingegen müssen vor Sonnenaufgang gesammelt werden. Dieß lernt man durch die Praxis am besten kennen. Sehr beachtenswerth ist aber die allgemeine, für diesen Zweig der Parfümerie wichtige Thatsache, daß sich die geringste nachtheilige Veränderung, der leichteste Grad von Verderbniß der Blumen sofort in dem aus ihnen gewonnenen Duftstoff zu erkennen gibt.

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Von den Blüthen der gehörnten oder Warzenpomeranze.

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