Titel: Der Salzbergbau zu Staßfurth.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 173/Miszelle 7 (S. 153–155)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj173/mi173mi02_7

Der Salzbergbau zu Staßfurth.

Die preußische Bergwerksindustrie hat erst seit einem Jahre einen Zuwachs erhalten, der schon jetzt in den weitesten Kreisen verdientes Aufsehen erregt und der berufen zu seyn scheint, uns in werthvollsten Artikeln unabhängig vom Auslande zu machen, ja selbst die Rollen zu vertauschen, in denen für diese Artikel das Inland zum Ausland stand. Wir meinen die Kalisalze des Steinsalzlagers zu Staßfurth in der Provinz Sachsen, und theilen im Folgenden einige Notizen hierüber mit, die uns von einem Besucher dortigen Bergwerks zukamen.

Das Salzlager Staßfurths zeigt uns die Resultate und Producte eines ruhigen Abdunstungsprocesses, wie wir ihn in seiner Entwickelung und Fortbildung noch heute im Todten Meere oder in den Salzgärten des Mittelländischen Meeres beobachten können – es enthält die feste Salzmasse, welche dereinst im Urmeere aufgelöst war, und zwar, da die schwerlöslicheren Salze sich zuerst, die leichtlöslicheren sich zuletzt ausscheiden mußten, geschichtet nach den Gesetzen der Löslichkeit. Das 1000 Fuß mächtige Salzlager – das Liegende ist mit dieser Tiefe noch nicht erreicht – enthält in den unteren 800 Fuß nur reines, wasserhelles Steinsalz in regelmäßig übereinander gelagerten 6 Zoll starken Schichten, die durch 1/8 Zoll starke Schnüre von Anhydrit abgegrenzt werden. Auf diese folgen 180 Fuß mit Bittersalz verunreinigtes Steinsalz und diese endlich werden überlagert von einer 100 Fuß mächtigen Schicht zerfließlicher Salze, hauptsächlich aus werthvollen Kalisalzen bestehend. In letzterer ist auch eine reiche Ausbeute salinischer Mineralien zu halten; es finden sich in derselben schön ausgeprägte Anhydritkrystalle, Tachhydrit, Carnallit, amorphe Knollen von Boracit, Kieserit etc., nur organische Ueberreste sucht man vergebens, höchstens sind sie durch Kohlenwasserstoffgase repräsentirt, die ungefährlich ab und zu sich in einzelnen hangenden Schichten der Kalisalze zeigen.

Die Schichten fallen mit 20 bis 30 Grad ein, und es können deßhalb alle drei Gruppen in ein und derselben Sohle abgebaut werden. Die mittlere Schicht, das mit Bittersalz verunreinigte Steinsalz hat jedoch zur Zeit nur wenig Verwendung gefunden und es geht der Abbau deßhalb nur in zwei Feldern um, von denen das östliche die Steinsalze, das westliche die Kalisalze gewinnt. – Die domähnlichen, 70 Fuß breiten Ausrichtungsstrecken und Abbauörter machen einen überwältigenden Eindruck, und beherrscht uns überhaupt in unterirdischen Bauen mehr als anderswo der Gedanke, unmittelbar vor höheren Mächten zu stehen, so ist es vorzugsweise in dieser Werkstätte, wo die Stoffe so meisterhaft nach chemischen Thätigkeiten geordnet |154| sind, und der Zauber von Farbenspielen und die Reinheit der Salze das Auge jedes denkenden Forschers besticht.

Die über Tage befindlichen Betriebsanlagen tragen das Gepräge einer neuen, auf der Höhe heutiger Technik stehenden Schöpfung. Zwar eingezwängt durch die hart an die Schächte herantretenden Gebäude eines Provincial-Städtchens, welches sich rühmt, in früheren Jahrhunderten eine Rolle gespielt zu haben, sonst aber noch bedenklich drein schaut, ob die neue Industrie nicht seine durchs Alter geheiligte Institutionen, seine gemüthlichen Zustände untergraben möchte, zeigt das Werk auf einer kleinen Scholle Erde eine vorzügliche Ausstellung der mannichfaltigsten Vorrichtungen zur Förderung, Verladung und Weitertransportirung der Producte, sowie zur Bereitung der verschiedensten Salzarten.

Die Production beschränkt sich, wie schon angedeutet, hauptsächlich auf Steinsalze und auf die Kalisalze, früher Abraumsalze genannt. Boracite (86 borsaure Talkerde + 10 Chlormagnesium + 4 Wasser), welche nur sporadisch in den Lagern vorkommen, bilden einen Handelsartikel noch nicht, und Kieserite (87 schwefels. Talkerde + 13 Wasser) erhalten erst jetzt Bedeutung durch eine großartige, auf Ausbeutung der Schwefelsäure berechnete Fabrik. Die Stein- und Kalisalze sind aber schon Waare des Welthandels geworden. Der Steinsalzdebit beträgt jährlich circa 900,000 Ctr. Das Vorurtheil gegen Steinsalz, so ungerechtfertigt es auch ist und andererseits der vom Monopol vorgelegte Hemmschuh lassen für das Inland nur eine langsame Ausdehnung des Debits zu, hindern aber nicht eine Erweiterung des Exports, und da dieser im wohlverstandenen Interesse durch die billige Preisstellung von 1 Sgr. pro Ctr. Steinsalz begünstigt wird, wird der Kampfplatz der Concurrenz gegen ausländisches, namentlich englisches Salz, täglich weiter hinaus, jetzt fast schon bis in die Häfen Englands, geschoben. Einen eigenthümlichen, sehr gangbaren Artikel, worauf die Landwirthe besonders aufmerksam seyn möchten, bilden unter den verschiedenen Salzsorten die Viehsalzlecksteine, von denen schon jetzt jährlich über ein Viertel Million Stück abgesetzt werden.

Der Schwerpunkt liegt jedoch im Vertrieb der Kalisalze. Es bestehen dieselben hauptsächlich aus Carnallit (26 3/4 Chlorkalium + 34 1/2 Chlormagnesium + 38 3/4 Wasser), sind aber im gewöhnlichen, verkäuflichen Zustande mit etwas Steinsalz und Kieserit vermengt, so daß der Chlorkaliumgehalt in der Regel nur 16 bis 18 Proc. beträgt. Directe Verwendung finden diese Salze mit jährlich etwa 50,000 Ctr. zur Düngung der Felder, andere 800,000 Ctr. gehen aber in chemische Fabriken, um hier durch einfache Umkrystallisation raffinirt und in 80procentige Chlorkaliumsalze verwandelt zu werden. Noch vor zwei Jahren schlummerte dieser Industriezweig, es wurden in 1861 = 46,000 Ctr., in 1862 = 390,000 Ctr., in 1863 = 850,000 Ctr. abgesetzt und jetzt beschäftigen sich unmittelbar um Staßfurth herum dreizehn Fabriken größten Kalibers mit Zubereitung der Kalisalze. Die Staatsregierung schenkt dieser Industrie ungetheilte Aufmerksamkeit und geht mit den Fabriken, welche den Vertrieb der Salze vermitteln, Hand in Hand. In keinem Artikel war bisher das Inland so abhängig vom Ausland, als gerade in den Salzen des Kali (Salpeter, Potasche etc.), und um so wichtiger ist daher der unerschöpfliche Staßfurther Fund. Der Markt gestattet augenblicklich noch nicht, die Staßfurther Kalisalze zur Potasche zu verbrauchen; jene 800,000 Ctr. Rohsalze werden zu 100,000 Ctr. Chlorkalium umkrystallisirt; die Salpeterhütten setzen diese in ebensoviel Ctr. Salpeter um, und diese werden schließlich als etwa 150,000 Ctr. Schießpulver in den Verkehr gebracht. Der Preis des Rohproductes wie der des Fabricats wird daher zur Zeit im Wesentlichen nur durch den Preis des Bengal-Salpeters und durch den des Chili-Salpeters bestimmt. Fällt ersterer, oder steigt letzterer, so muß der Preis für das Staßfurther Chlorkalium herunter, kann sich aber wieder heben, wenn der Bengal-Salpeter steigt, oder Chili-Salpeter fällt. Bei dem heutigen Preis von 12 2/3 Thlr. für Bengal- und von 5 Thlr. für Chili-Salpeter kann sich das Staßfurther Fabricat recht gut auf 4 Thlr., das Rohproduct auf 9 Sgr. halten.

Schon jetzt werden jedoch Anstrengungen gemacht, die Chlorkaliumsalze auch zur Potasche zu verwerthen. Für diesen Artikel würde sich der Preis anders bestimmen, da mehrere andere Factoren einwirken, und das Resultat wird schließlich seyn, daß man für Salpeterfabrication den bisherigen Preis zu halten sucht, für Potaschegewinnung aber herunter gehen muß.

So schnell und so bedeutend sich auch Staßfurth schon gehoben hat, so läßt sich |155| bei dem Werth und der Unentbehrlichkeit des Kali dem Werke doch noch ein weit größerer Aufschwung prophezeien. Es ist schon jetzt auf dem Continent die wichtigste Kaliquelle und wird unzweifelhaft in kurzer Zeit den Markt der gesammten industriellen Welt beherrschen. (Aus dem „Berggeist,“ 1864, Nr. 10.)

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