Titel: Die Wollproduction der Erde.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 173/Miszelle 9 (S. 481–482)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj173/mi173mi06_9

Die Wollproduction der Erde.

Einer unserer geachtetsten Schafzüchter in Schlesien, Hr. M. Elsner von Gronow, hat kürzlich in dem Jahrbuch deutscher Viehzucht für 1864 einen sehr interessanten Versuch gemacht, auf möglichst sicheren Grundlagen eine Schätzung der gesammten Wollproduction der Erde vorzunehmen. Es dürfte nicht ohne Interesse seyn, auf einige Ergebnisse dieser Schätzung aufmerksam zu machen.

Die beiden Erdgürtel, in denen wolltragende Thiere gedeihen, sind gegen den Aequator hin im Allgemeinen von den Wendekreisen begrenzt; von den Wendekreisen aus breiten sie sich, wo es irgend die Localität erlaubt, weit nach Norden und Süden hin aus, in der nördlichen Erdhälfte bis über 60 Grad nördlicher Breite; die südliche Erdhälfte von den Wendekreisen ab scheint für sie klimatisch geeignet, so weit sie überhaupt bewohnbar ist.

Die Wollproduction der südlichen Erdhälfte läßt sich statistisch ziemlich genau bestimmen. Es kommen hier nur Australien, das Cap und Südamerika in Betracht. Da diese Länder keine Wollmanufakturen besitzen, so führen sie ihre Wollen nach der nördlichen Erdhälfte aus, und aus den Einfuhrlisten Englands und anderer Länder läßt sich annähernd angeben, wie bedeutend die Production der südlichen Erdhälfte ist.

Die beiden englischen Colonien, Australien und Südafrika, erzeugen gegenwärtig ungefähr 117 Mill. Zollpfund; die jährliche Production von Südamerika (Uruguay, Chili, Peru, Brasilien) ermittelt der Verfasser auf circa 40 Mill. Pfd. jährlich. Mit Recht nimmt der Verfasser an, daß mehrere dieser südamerikanischen Länder, namentlich Uruguay, die argentinische Republik und der südliche Theil von Entre Rios bei ihrem für die Schafhaltung sehr günstigen Klima, ihren ausgedehnten Grasebenen, ihrem Wasserreichthum, ihrer Zugänglichkeit vom Meere aus, ein sehr wichtiges Terrain für die Wollproduction in Zukunft abgeben werden.

Es ist aber keineswegs zu befürchten, daß durch die allerdings rasche Zunahme der Wollproduction auf der südlichen Erdhälfte etwa die der nördlichen Erdhälfte entwerthet werden könne. So bedeutend auch die Wollerzeugung Englands, Frankreichs, Deutschlands ist, so muß doch England jährlich noch 75 Mill. Pfd., Frankreich 45 Mill., |482| Deutschland und Belgien 50 Mill. Pfd. vom Ausland kaufen, selbst wenn sie ihre im eigenen Lande erzeugten Wollen vollständig consumirten. Dazu kommt, daß die Wollconsumtion fortwährend steigt, und daß sich neue Märkte für europäische Wollenstoffe in China, Japan u.s.w. eröffnet haben. Die südliche Hemisphäre könnte also ihre gegenwärtige Production von zusammen 157 Mill. Zollpfund noch viel weiter ausdehnen, ohne daß der Fall einer Entwerthung unserer Production einträte.

Die Wollerzeugung der südlichen Hemisphäre, so bedeutende Fortschritte sie gerade in der neueren Zeit gemacht hat, kommt doch nicht in Vergleich gegen die enorme Wollerzeugung Europa's.

Letztere läßt sich zwar statistisch nicht genau feststellen, man kann sie nur durch ungefähre Schätzung aus dem statistisch genauer festgestellten Schafbestand erschließen. Nach den Ermittelungen des Verfassers, gegründet auf die glaubwürdigsten Zahlenangaben, erzeugt Großbritannien jährlich 260 Mill. Zollpfund, Frankreich 123 Mill., Deutschland nebst Oesterreich, Belgien und Holland 200 Mill., Spanien 62 Mill., Italien 40 Mill., Portugal 17 Mill., die europäische Türkei 43 Mill., das europäische Rußland 125 Mill. Pfd. u.s.w. Ueberhaupt rechnet der Verfasser als die geringste Summe der jährlichen Production Europa's 803 Mill. 270,000 Pfd. Wolle heraus, und dieß ist das Sechsfache der bisherigen Production der südlichen Hemisphäre.

Die Vereinigten Staaten Nordamerika's besaßen im Jahre 1861 30,264,674 Schafe; der Verf. schließt daraus auf eine Wollproduction von 95 Mill. Pfd.; die britischen Besitzungen Nordamerika's liefern etwa 12 Mill. Pfd.

In Nordafrika kommen Algier mit 18 Mill. Pfd., Tripolis mit 9 Mill., Marokko mit 12 Mill., außerdem Tunis und Aegypten in Betracht. Die Gesammtproduction Nordafrika's würde sich auf 49,300,000 Pfd. belaufen. Der größte Theil des Stoffes bleibt in Nordafrika; die arabische Bevölkerung hat einen starken Verbrauch von Wollstoffen (wollene Mützen, Burnus u. dgl.). Nur ein Drittel der Wolle von Algier (Kammwolle) geht nach Frankreich.

Auch Asien besitzt eine bedeutende Wollproduction von Schafen, Kameelen, Ziegen u.s.w., und viele Länder Asiens zugleich eine bedeutende Wollenfabrication; Angora und Umgegend verfertigt Kamelotte und Shawls, Klein-Asien unzählige Teppiche, deßgleichen Persien, die Länder um Herat; in der Mongolei, im tibetanischen Hochland werden wegen des kalten Klima's wollene Stoffe getragen. Der Verfasser kann hier nur sehr allgemein schätzen, nimmt die Wollproduction der asiatischen Türkei auf 100 Mill. Pfd., Persiens auf 50 Mill., des asiatischen Rußlands auf 60 Mill., der kleineren asiatischen Reiche auf 60 Mill., Tibets und der Mongolei auf 200 Mill. Pfd., überhaupt also die Wollerzeugung Asiens auf 470 Mill. Pfd. an.

Hiernach glaubt Hr. Elsner von Gronow die jährliche Gesammtproduction der Erde an Wolle auf 1,676 Mill. 770,000 Pfd. angeben zu können. Das Pfund Wolle nur zu 10 Sgr. gerechnet, würde dieß einen Werth von 558,923,000 Thlr., oder die Zinsen à 5 Proc. eines Capitals von 11,178 Mill. 460,000 Thlrn. ergeben.

Die jährlich producirten Wollenwaaren haben aber, da der Werth durch die Verarbeitung sich ungefähr um das Drei- bis Fünffache steigert, einen Werth von 1,676 Mill. 769,000 bis 2,794 Mill. 615,000 Thlr., durch welchen in 2–3 Jahren die gesammte englische Staatsschuld getilgt werden könnte. (Deutsche illustrirte Gewerbezeitung, 1864 S. 231.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: