Titel: Ueber Latry's Fabrication künstlichen Holzes.
Autor: Chevallier, A.
Fundstelle: 1864, Band 174, Nr. XVIII. (S. 55–57)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj174/ar174018

XVIII. Die Fabrication künstlichen Holzes von Latry und Comp. in Paris; Bericht von A. Chevallier.

Aus dem Bulletin de la Société d'Encouragement, Mai 1864, S. 272.

Das neue Product, künstliches Holz (bois durci), wird von den HHrn. Latry und Comp. in Paris (rue du Grand-Chantier, 7) aus Sägespänen und Blutalbumin unter Anwendung von Druck und Hitze fabricirt und dient zur Anfertigung aller Art feiner Schreinerarbeit, ferner zur Herstellung von Trauerschmuck, Medaillen, Messergriffen, Zierrachen für Uhren, Rahmen, Bürsten etc.

Es ist schon oft, aber bisher vergebens, versucht worden7), die Holzsägespäne mit verschiedenen Zusätzen zu einer festen Masse zu formen; aber es gelang erst Hrn. Latry, künstlerisch vollendete und vollkommene Gegenstände in einer Weise daraus herzustellen, daß diese Fabrication jetzt alle Beachtung verdient. Am Anfange der Fabrication waren für Hrn. Latry zahlreiche Schwierigkeiten zu überwinden. Bei der damals noch unregelmäßigen Erhitzung der Formen blieben die Gegenstände unvollkommen und konnten nur von geringer Größe dargestellt werden.

Jetzt wird in folgender Weise gearbeitet: Die Sägespäne, namentlich solche von Palisanderholz, werden in sehr feines Pulver verwandelt, mit einer passenden Menge mit Wasser verdünnten Blutes vermischt und in einem Trockenraum bei 50 bis 60° C. getrocknet. Hierbei vereinigt sich das Albumin des Blutes innig mit dem Holzpulver. Das Formen geschieht nun in Ringen, welche Matrizen von polirtem Stahl enthalten, |56| die äußerst fein und künstlerisch ausgearbeitet sind. Das trockene Pulver wird in die Formen gefüllt, so daß kein überschüssiges Material vorhanden ist und daher nach dem Zusammenpressen keine Nähte bleiben.

Das Zusammenpressen geschieht mittelst sehr kräftiger hydraulischer Pressen. Die Platten werden mit Gas erhitzt und während der ganzen Operation auf einem bestimmten Hitzegrad erhalten. Die Formen mit ihren Ringen bewegen sich in Falzen, die so angeordnet sind, daß sie keine Veränderung erleiden können. Während des Pressens werden die Platten durch eine Arretirungsvorrichtung in den bestimmten Entfernungen gehalten; diese Entfernung ist der Art berechnet, daß in jeder Abtheilung eine Form mit ihrem Ring Platz hat.

An jeder sogenannten Heizplatte ist ein Gasapparat befestigt, der den auf- und niedergehenden Bewegungen der Platten folgt. Das Gas wird durch eine Röhre von ringförmigem Querschnitte eingeführt, durch deren Mitte mittelst eines Ventilators kalte Luft eingeblasen wird; die so bewirkte regelmäßige Erhitzung gestattet die Herstellung von sehr scharf geformten Gegenständen. Allerdings ist der Gasverbrauch ein erheblicher, doch werden die Kosten durch die Vorzüge der Arbeit ausgeglichen.

Das Gas kostet jetzt noch 30 Centimes per Kubikmeter und die Fabrik verbraucht etwa 40000 Kubikmeter für zwei Pressen, so daß diese Erhitzung jährlich etwa 12000 Fr., täglich 40 Fr., kostet.

Die bei dieser Darstellung des künstlichen Holzes stattfindende Wirkung des Albumins ist nicht sofort klar. Lange Zeit glaubte man, daß sie derjenigen des Firnisses auf die Gewebe entspreche; allein dieß kann hier nicht der Fall seyn, wo das mit dem Blutalbumin geformte Holzpulver erst getrocknet wird. Eine genauere Untersuchung führte auf die Gegenwart einer gewissen Menge von Harz in den Sägespänen, und dieses Harz bringt im Verein mit dem Albumin den festen Zusammenhang hervor. Nimmt man bloß Sägespäne von weißem, nicht harzreichem Holz (z.B. von der Buche), so erhält man allerdings eine feste Masse, aber diese ist wenig dicht und widersteht dem kochenden Wasser nicht. Setzt man 33 Proc. Blut (Blutalbumin) zu, so wird die Masse zwar fester, zerfällt aber nach 10 bis 15 Minuten in kochendem Wasser. Bei einem Zusatz von 66 Proc. werden die Gegenstände dichter, brauner, dauerhafter, kommen aber doch denen aus harzigem Holze nicht gleich. Man sieht also, daß das Blut zwar nicht unumgänglich nöthig, aber sehr nützlich bei dieser Fabrication ist. Durch das Trocknen wird das Blut aus den Schlächtereien intensiv braun und zeigt dann glänzende Punkte, die sich bei den fertigen Gegenständen sehr gut ausnehmen.

Beim Erhitzen auf 170–200° C. erleidet das Blut eine anfangende |57| Schmelzung und gewinnt dabei soviel Adhäsionsvermögen, daß nach dem Erkalten seine einzelnen Theile ziemlich fest aneinander halten.

Man kann also diese Erhitzung als eine Art Schmelzung betrachten, denn wenn man die Formen während des Processes öffnet, so findet man eine welche, schwärzliche, halbflüssige Masse, ähnlich geschmolzenem Asphalt. In diesem Augenblick sind wahrscheinlich die feinsten Theile der Matrizen ausgefüllt und werden also nach dem Erkalten genau wiedergegeben.

Das Resultat dieses ganzen Vorganges ist eine harte holzartige Masse, welche sich nach jeder Weise wie Holz bearbeiten läßt. Die Dichtigkeit beträgt nach dem Erkalten 1,300 (Wasser = 1,000), während das mit Albumin getränkte und getrocknete Sägemehl nur 0,800 schwer ist.

Die Producte der Latry'schen Fabrik verdienen alle Beachtung, nicht allein vom technischen, sondern auch vom künstlerischen Standpunkt.

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So wird im Dictionnaire de l'industrie vom J. 1800 erwähnt, daß verschiedene Gegenstände aus Holzspänen, die in klarem Leim eingerührt waren, in Formen gepreßt worden seyen, ferner daß durch Formen eines teigigen Gemisches von Terpenthin und Sägespänen Vasen dargestellt werden können, die den japanischen ähnlich seyen. – Im J. 1823 überreichte der Kunsttischler Bray in Paris der Société d'Encouragement ein Meubel, das aus verschiedenfarbigen, mit einem zähen Bindemittel angerührten Sägespänen dargestellt worden war; der zähe Teig sollte auch zum Ueberziehen von Tischlerarbeiten dienen, da er rasch hart wurde und gefirnißt werden konnte; der Erfinder erhielt von der (französischen) Regierung eine Geldbelohnung. – Im J. 1826 gab Sebastian Lenormand in den Annales de l'industrie ein Verfahren an, um mittelst Sägespänen Reliefverzierungen, sogen. Holzstuck, darzustellen. Er brachte dazu die Holztheile in ein flüssiges Gemisch von flandrischem Leime und Hausenblase, goß den Teig in Formen gab ihm nach dem Trocknen einen Ueberzug von gröberen Sägespänen und Leim, und preßte ihn dann in Formen. – Im J. 1855 nahmen Lepage und Talrick ein Patent auf das Gießen von Gegenständen aus Sägespänen und Blutalbumin, welches Latry kaufte.

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