Titel: Ueber das Steinsalzlager zu Staßfurt und die Gewinnung von Chlorkalium aus den dortigen Abraumsalzen; von Dr. Fr. Mohr.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 174/Miszelle 6 (S. 163–164)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj174/mi174mi02_6

Ueber das Steinsalzlager zu Staßfurt und die Gewinnung von Chlorkalium aus den dortigen Abraumsalzen; von Dr. Fr. Mohr.

Dieses Steinsalzlager36) ist dadurch merkwürdig, daß es das einzige ist, welches beinahe sämmtliche Bestandtheile des Meerwassers noch enthält. Nach der jetzt unbestrittenen Ansicht, daß alle Steinsalzlager durch Austrocknung abgefangener Meeresbecken entstanden sind, würden diese sämmtlich den ganzen Reichthum des Meeres aufzuweisen haben, wenn nicht bei der Eintrocknung die letzten Mutterlaugen wieder in's Meer zurückgespült, oder nachher durch eingedrungenes Wasser fortgeführt worden wären. Das ist in der That in den meisten Fällen geschehen, und Staßfurt ist dadurch ausgezeichnet, daß es bei ihm nicht geschehen ist. Beim Vertrocknen des Meerwassers scheidet sich zuerst der unlöslichste Bestandtheil, der Gyps aus, dann derjenige, welcher in der größten Menge vorhanden ist, das Kochsalz, zuletzt diejenigen Stoffe, welche am leichtesten löslich sind und in der kleinsten Menge vorhanden waren. Die Mutterlauge des Meeres besteht größtentheils aus Chlormagnesium und Chlorkalium, und bei einem großen Ueberschüsse von Chlormagnesium krystallisirt eine Doppelverbindung beider Salze, welche den Namen Carnallit erhalten hat, heraus, welches ebenfalls als Silvin in Staßfurt vorkommt. Es geht daraus hervor, daß die letzte Mutterlauge von Chlormagnesium auch bei Staßfurt verloren gegangen ist, und wahrscheinlich sind mit ihr auch die Brom- und Jodverbindungen abhanden gekommen, welche ebenfalls in Staßfurt fehlen. Diese letzte Lösung von Chlormagnesium mit sehr wenig Chlorkalium und den Jodverbindungen trocknet unter keinen Umständen ein und gelangt durch meteorische Wasser zurück in's Meer.

Der Salzstock von Staßfurt ist bis auf 1053 Fuß Tiefe durchbohrt und noch hat man das Liegende nicht erreicht.

Die zerfließlichen sogenannten Abraumsalze machen die oberste Schicht von etwa 100 Fuß Dicke aus. Diese Salze, welche früher als eine Belästigung angesehen wurden, bilden jetzt den größten Reichthum des Lagers, indem sie zum Preise von 9 Sgr. per 100 Pfund verkauft werden, während das Kochsalz zum Preise von 1 Sgr. (in's Ausland) verkauft wird. Die Abraumfalze bilden fast parallele, mannichfach gefärbte Schichten, deren Anblick wundervoll ist. Der Carnallit ist in der Regel lebhaft roth gefärbt, dazwischen laufen weiße Schnüre von Kieserit, nämlich schwefelsaure Bittererde mit 1 Atom Wasser, Polyhalit, ein Tripelsalz aus Glaubersalz, Bittersalz und schwefelsaurem Kali, Tachhydrit, ein Doppelsalz aus Chlorcalcium und Chlorkalium, Anhydrit oder wasserleerer schwefelsaurer Kalk, und endlich stellenweise Boracitknollen und Schnüre, welche aus borsaurer Bittererde bestehen. Die Borsäure ist in kleiner Menge im Meerwasser enthalten und würde sich eben so wenig, wie die Jodverbindungen, vorfinden, wenn sie nicht eine ziemlich schwerlösliche Verbindung mit der Bittererde bildete. Sobald sich ein Kern von borsaurer Bittererde gebildet hat, so ist er der Anziehungs- und Niederschlagungspunkt für den gleichartigen gelösten Stoff. Die Boracitknollen haben, sich unstreitig lange nach der Ausscheidung der Kalisalze gebildet, und sind deßhalb so mit ihnen verwachsen, daß man sie mechanisch kaum scheiden kann. Auch haben noch andere Form- und Aggregat-Veränderungen in der bereits festen, aber noch mit Flüssigkeit durchzogenen Masse stattgefunden, wie das Vorkommen von reinem Chlorkalium beweist, was sich aus der Mutterlauge niemals als solches absetzen kann.

Von den Meeresbestandtheilen fehlt ferner noch diejenige Menge Gyps, welche dem Steinsalz entspräche. Sehr wahrscheinlich liegt ein bedeutendes Lager Anhydrit unter |164| dem Steinsalz, so wie er auch in dünneren Lagern in den oberen Schichten vorkommt. Alles Kochsalz des Lagers reagirt stark auf Schwefelsäure. Der Gypsgehalt des Meerwassers ist der Urstoff aller Schwefelverbindungen und alles Kalkes auf der Erde. Er scheidet sich als wasserleerer Gyps oder Anhydrit aus, eben so wie das Bittersalz sich nur mit 1 Atom Wasser und nicht mit 7 Atomen, die es im krystallinischen Zustande enthält, ausscheidet. Diese Wasserentziehungen können nur in sehr langen Zeiträumen vollendet worden seyn, da sich unter gewöhnlichen Umständen selbst bei Gegenwart von Kochsalz wasserhaltiger Gyps bildet. Aus Anhydrit entsteht durch Wasseraufnahme Gyps, und aller Gyps ist einmal Anhydrit gewesen.

Die Abraumsalze mit allen dazwischen liegenden nicht trennbaren fremden Salzen auf großartigen Kaffeemühlen grob vermahlen, haben einen mittleren Gehalt von 16 bis 20 Procent Chlorkalium, welches ihren Handelswerth macht. Bereits sind 13 große Fabriken mit der Ausbeutung der Kalisalze befaßt und noch neue im Bau.37)

Die bei Staßfurt bis jetzt noch endende Eisenbahn macht ziemlich die Grenze zwischen Preußen und Anhalt; auf preußischer Seite liegt die Stadt Staßfurt und auf anhaltischer Seite eine Anzahl dieser Fabriken, welche zusammen den Namen Leopoldshall führen. Anhalt hat im vorigen Jahre seine sämmtlichen Steuern aus den Revenüen der Abraumsalze gedeckt, da es für Kochsalz geringen Absatz hat.

Die Zukunft der Kalisalze ist unberechenbar. Schon jetzt hat die Kaligewinnung im südlichen Frankreich aus der Mutterlauge der Salzgärten wegen Staßfurt eingestellt werden müssen. Die nächste Arbeit für die technische Chemie ist, aus Chlorkalium schwefelsaures und kohlensaures Kali zu gewinnen, so daß nicht nur das Bedürfniß der Industrie, sondern auch das des Ackerbaues aus dieser vorläufig noch unerschöpflichen Quelle gedeckt werden kann.

Die Fabrication ist sehr einfach. Das Abraumsalz wird in großen eisernen Gefäßen mit Dampfzuströmung und Rührvorrichtung zu einer gesättigten Lösung verarbeitet, welche heiß abgeklärt in die Krystallisir-Bottiche abfließt, in welchen Chlorkalium anschließt. Es entsteht von Neuem künstlicher Carnallit. Wird dieser allein wieder heiß gelöst, so scheidet sich wieder Chlorkalium aus. Offenbar haben ähnliche Operationen in dem Salzstock schon früher stattgefunden, wodurch das reine Chlorkalium (Silvin) entstanden ist. (Aus einem Vortrage, welchen Dr. Mohr in der niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in der Sitzung des Monats August d. J. hielt.)

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Ueber dasselbe wurde bereits der Bericht im polytechn. Journal Bd. CLXXIII S. 153 mitgetheilt.

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Das gewonnene Chlorkalium wird weithin versendet und dient hauptsächlich zur Fabrication von Salpeter, die besonders in Cöln in großem Maaßstabe betrieben wird.

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