Titel: Ein sehr einfaches Surrogat für Stimmgabeln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 174/Miszelle 4 (S. 243–244)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj174/mi174mi03_4

Ein sehr einfaches Surrogat für Stimmgabeln.

Es ist eine gewiß schon von Vielen gemachte Beobachtung, daß beim Zusammenrollen eines Blattes steifen Papiers außer dem unbestimmbaren Geräusche der über einander geführten Ränder ein eigenthümlicher Ton von sehr wohl bestimmbarer Höhe vernehmlich wird, der, wie man sich durch ein paar Versuche leicht überzeugen kann, lediglich von der Breite des gerollten Papiers, d.h. von der Länge der entstehenden Rolle abhängt. Der Versuch zeigte, daß zur Hervorbringung dieses Tons das unbedeutendste Geräusch, das leiseste Klopfen oder Trommeln mit zwei Fingern auf die äußere Papierfläche, ja das bloße Hinstreichen eines Fingers über die Kante der einen Mündung etc. ausreicht.67)

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Man ersieht daraus alsbald, wie das bloße Zusammenrollen eines solchen Papiers, ja das bloße Anfassen des zusammengerollten, genügt, sofort seine Breite (und das Zusammenrollen in der anderen Richtung, auch seine Hohe, – resp. das genaue Verhältniß beider Dimensionen) sicher zu beurtheilen. Gewahrt mein Ohr dabei z.B. den Ton e¹, so ist mein Papier einen Fuß (oder genauer 33 Centimeter) breit, höre ich dagegen g⁰ so mißt es 1 1/3 Fuß (oder 44–45 Centimeter) u.s.f. Gibt ein viereckiges Blatt beim Rollen in einer Richtung die kleine Sexte des Tons, welcher beim Rollen in der andern Richtung erscheint, so verhalten sich seine beiden Dimensionen genau, wie 5:8; war es die große Sexte, so ist dieß Verhältniß = 3:5 u.s.w.

– Es liegt nun auf der Hand, wie man diesen einfachen Versuch auch umkehren, d.h. ein Papier von bekannter Breite, z.B. ein Notenblatt, als ein sehr bequemes und für praktisch-musikalische Zwecke vollständig ausreichendes Surrogat für eine Stimmgabel benützen kann. Weiß ich z.B., daß mein Blatt circa 20 resp. 40 Centimeter Höhe besitzt (zufällig gerade die eine Dimension eines ziemlich gebräuchlichen Papierformates), so brauche ich es nur zusammenzurollen und in die Hand zu fassen, um sofort ziemlich genau das A der gewöhnlichen Stimmgabeln (oder dessen Octave) zu haben; – eine für Dirigenten von Singvereinen etc. beim Mangel von Instrumentalbegleitung vielleicht nicht ganz zu verachtende Anwendung, da die Erfahrung gelehrt hat, daß auch solche Fachmänner, – die den Gebrauch der Stimmgabel verschmähen – mitunter beim Schätzen absoluter Tonhöhen mittelst des Ohrs um einen halben, ja einen ganzen Ton irren können. Eine Reihe von 8 Blättern steifen Papiers, welche bei Besprechung dieses Themas vorgelegt ward, gab deutlich die vollständige Durscala von cº bis c¹. (Jahresbericht des physikalischen Vereins zu Frankfurt a. M. für 1862/63, S. 14.)

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Nur muß man, wenn es sich um Bestimmung der Tonhöhe handelt, die Papierrolle nicht etwa (der deutlicheren Wahrnehmung wegen) mit dem anderen Ende dicht an's Ohr halten, – weil nämlich dadurch der Ton, analog der Wirkung einer theilweise gedeckten Pfeife, sofort erniedrigt wird. Bei sehr schwachem Tone genügt es vielmehr, das Ohr der Papierröhre seitlich, in der Nähe ihres einen Endes, zu nähern, so daß es keinen Theil ihrer Mündung verdeckt.

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