Titel: Reinigung von Senkgruben in Frankreich nach einer neuen Methode.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 174/Miszelle 9 (S. 326–327)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj174/mi174mi04_9

Reinigung von Senkgruben in Frankreich nach einer neuen Methode.

Die flüssigen und festen Excremente der Menschen enthalten bekanntlich allen Stickstoff, alle löslichen und unlöslichen unorganischen Bestandtheile der genossenen Nahrung, also die Bestandtheile der Ackererde, die in Form von Samen, Wurzeln, Kräutern etc. theils zur Ernährung der Thiere, welche zur Nahrung des Menschen bestimmt waren, theils zur directen Ernährung des Menschen von den Aeckern entnommen waren. Wie beträchtlich die Menge dieser Stoffe ist, bedarf kaum einer längeren Auseinandersetzung; wir erinnern nur an Liebig's Angabe (Chemische Briefe, 4. Aufl. Bd. II S. 433), daß die jährlichen flüssigen und festen Ausleerungen von einer Million Bewohner großer Städte (Männer, Frauen und Kinder) in staubig trockenem Zustande 45 Millionen Pfund wiegen und 10,300,000 Pfd. Mineralsubstanzen enthalten, großentheils Aschenbestandtheile des Brodes und Fleisches (5 Mill. Pfd. Knochen des Schlachtviehes, sowie die Mineralsubstanzen in den Ausleerungen der Pferde etc. ungerechnet). Diese Ausleerungen der Menschen allein enthalten an phosphorsauren Salzen 4,580,000 Pf. Der Abfluß dieser Stoffe von dem Lande nach den Städten hat seit Jahrhunderten stattgehabt, ohne daß ein irgend nennenswerther Theil derselben dahin zurückgekehrt wäre und es wäre vollkommen thöricht zu glauben, daß der Verlust dieser für die Fruchtbarkeit der Felder so wesentlichen Stoffe keinen Einfluß auf die Erträge |327| derselben gehabt habe; zum Ersatze bezahlt Europa jährlich Millionen für den Guano von Chile, Peru und Afrika.

In den meisten Theilen Europa's weiß man den großen Werth der menschlichen Excremente durchaus nicht zu würdigen; man glaubt das Möglichste gethan zu haben, wenn man den Unrath in den nächsten Fluß abführt, womit sich allerdings die weiter flußabwärts liegenden Orte (wie z.B. Ronen und Havre in Bezug auf Paris) nicht immer ganz einverstanden erklären. Dagegen kann man sich kaum eine Vorstellung von der Sorgfalt machen, mit welcher der Chinese den Menschenkoth sammelt. Der gezöpfte Sohn des Reiches der Mitte betrachtet es als mehr denn eine Unhöflichkeit, wenn der Gastfreund fein Haus verläßt und ihm einen Vortheil verträgt, auf den er durch seine Bewirthung einen gerechten Anspruch zu haben glaubt.

Eine neue Methode der Grubenreinigung wird bereits in Frankreich vielfach – zuerst von Lesage-Götz in Mülhausen – angewendet. Das Verfahren (worüber bereits im Jahrgang 1861 des polytechn. Journals, Bd. CLXI S. 160 berichtet wurde) besteht darin, daß ein armdicker Lederschlauch durch eine möglichst kleine Oeffnung in die Grube eingeführt wird, der mit einer von zwei Leuten in Bewegung gesetzten Schiettinger'schen Pumpe77) in Verbindung steht. Die Pumpe, die mit Messern zum Zerschneiden von Papieren, Lumpen etc. ausgerüstet ist, schafft die festen, wie die flüssigen Excremente aus der Grube in eine Tonne, die auf einem mit Rädern versehenen Gestelle gelagert ist. Die Gase, die sich während der Operation entwickeln, werden durch eine Röhre nach einem Ofen geführt, wo sie auf weißglühende Kohlen treffen und verbrannt werden. Die Stoffe aus den Tonnen werden für den weitern Transport in Kähne gebracht, welche in hermetisch verschließbare Abtheilungen getrennt und mit gasverzehrenden Apparaten versehen sind, können aber ebenso leicht in Behältern von Eisenblech auf den Eisenbahnen transportirt werden. So wird die Reinigung der Gruben ohne alle Belästigung der Nachbarschaft und mit einer geringern Zahl von Arbeitern ausgeführt; allerdings aber lassen sich die festen Excremente aus schlecht gebauten Gruben nicht wohl entfernen, in denen die flüssigen Stoffe absorbirt werden und durchsickern, da für die Wirksamkeit der Pumpe ein teigförmiger Zustand der Masse nothwendig ist. Die Einzelheiten des Systems, wie z.B. das Verbrennen der Gase, sind nicht neu, als Ganzes aber ist das Verfahren nach dem Urtheile der Sachverständigen wirklich eine neue und sehr beachtenswerthe Verbesserung der früheren, so höchst unvollkommenen Reinigungsmethoden. Den Dünger verkauft Lesage zu 7–8 Francs per Kubikmeter. Die Mülhausener Société industrielle hat ihm für sein Verfahren ihre silberne Medaille zuerkannt. (Deutsche Industriezeitung, 1864, Nr. 32.)

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Beschrieben S. 256 in diesem Heft.

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