Titel: Chlorbaryum zur Vermeidung des Kesselsteines in Dampfkesseln.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1864, Band 174/Miszelle 3 (S. 399–401)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj174/mi174mi05_3

Chlorbaryum zur Vermeidung des Kesselsteines in Dampfkesseln.

Obwohl es Thatsache ist, daß ein Universalmittel gegen den Kesselstein schwerlich aufzufinden seyn wird, da die chemische Zusammensetzung des Wassers eine sehr verschiedene ist, so gibt es jedoch für specielle Fälle recht anwendbare Verfahren, um das feste Ansetzen der im Wasser unlöslichen Bestandtheile zu vermeiden.

Um rationell zu Werke zu gehen, muß man jedenfalls den Rückstand in dem Kessel seiner chemischen Zusammensetzung nach kennen, bevor man Mittel zu dessen Vermeidung aufsucht.

Eine Analyse der Kesselsteine unserer Gegend Hannover) ergibt, daß dieselben wesentlich aus schwefelsaurem Kalk, Kochsalz und kohlensaurem Kalk bestehen. Der Gyps (schwefelsaure Kalk) ist der unangenehmste Bestandtheil des Wassers, da er die Eigenschaft hat, sich beim Ausscheiden aus der wässerigen Lösung in Krusten fest an |400| das Blech anzusetzen. Die Folgen hiervon sind, daß sich der Kessel schwer heizt, und daß das Blech sowohl während der Arbeit sehr leidet (da die Uebertragung der Wärme keine directe ist), als auch nachher bei der Reinigung durch das gewaltsame Loshauen mit einem scharfen Hammer. Es wäre daher für uns die Zersetzung des Gypses die Aufgabe, um das Ansetzen von Kesselstein zu verhindern. Dieß geschieht durch verschiedene Mittel; am vollkommensten jedoch durch Chlorbaryum. Der schwefelsaure Kalk zersetzt sich mit dem Chlorbaryum in der Weise, daß sich Chlorcalcium und schwefelsaurer Baryt bildet und zwar sind zu 68 Theilen Gyps 103 Theile Chlorbaryum erforderlich.

Es fragt sich nun, welche Resultate bei Anwendung dieser bekannten chemischen Reaction in der Praxis erzielt werden.

Hierbei sind drei Fragen zu beantworten:

1) Wird durch Chlorbaryum der Kesselstein beseitigt?

2) Wie hoch belaufen sich die Kosten bei Anwendung des Salzes?

3) Hat die Methode keine Nachtheile?

Man kann hierbei zwei Wege einschlagen, entweder man gibt in den Kessel eine gewisse Menge Chlorbaryum in fester Form oder man setzt das Wasser mit Chlorbaryum ab, bevor es in den Kessel gelangt.

1) Es wurden in einen Dampfkessel 10 Pfund Chlorbaryum hineingebracht, bevor man den Mannlochdeckel aufschraubte. Nachdem der Kessel in Betrieb war, wurde jeden Tag eine Probe Wasser aus dem Probirhahnen genommen, filtrirt und mit Schwefelsäure geprüft, ob Chlorbaryum noch im Ueberschuß vorhanden war.

Am 12. Tage gab die Flüssigkeit mit Schwefelsäure keine Reaction mehr, während auf Zusatz von Chlorbaryumlösung ein weißer Niederschlag entstand. Diese Probe zeigte, daß das Zersetzungsmittel verbraucht war; da nur 10 Pfd. für 12 Tage ausgereicht hatten, also für einen Tag 0,83 Pfd. nöthig waren, so wurden noch ungefähr 3 Pfd. Chlorbaryum in den Kessel gebracht und dann nach 14tägigem Betriebe das Feuer unter demselben entfernt. Nach 12 Stunden ließ man das Wasser vom Kessel und öffnete den Mannlochdeckel. Der im Kessel befindliche Rückstand bestand in einem gelblichweißen Schlamm, welcher mit der Schaufel oder dem Besen so leicht und vollständig entfernt wurde, daß das blanke Blech zum Vorschein kam. Feste Krusten hatten sich nicht gebildet. Aehnliche Proben bei verschiedenen anderen Dampfkesseln, sowie bei Locomobilen wiederholt, bestätigten den aus dem ersten Versuche gezogenen Schluß, daß das Chlorbaryum ein vortreffliches Mittel zur Vermeidung des Kesselsteines sey. Das Reinigen der Kessel kann nicht durch einfaches Abblasen geschehen, da der Schlamm ein sehr hohes specifisches Gewicht hat. Treibt man sofort das Wasser ab, nachdem der Kessel außer Betrieb gesetzt ist, so ist die Hitze im Kessel noch groß genug, um zurückbleibenden feuchten Schlamm Zu trocknen und das Reinigen wird erschwert. Man läßt das Wasser am besten mit dem Kessel erkalten, nachdem das Feuer unter demselben entfernt ist und fegt dann, nachdem das Wasser abgelassen, mit einem Besen den Schlamm aus.

2) Was den Kostenpunkt betrifft, so ist der Centner 90 procentigen Chlorbaryums im calcinirten Zustande von der chemischen Fabrik Rhenania in Aachen für 3 Thaler franco Stolberg zu beziehen. Bei Abnahme von 20 Centnern tritt eine Ermäßigung auf 2 Thlr. 25 Gr. und bei 100 Centnern auf 2 Thlr. 20 Gr. pro Centner ein.

Ob hinsichtlich des Kostenpunktes die Anwendung von Chlorbaryum statthaft ist, muß für jeden speciellen Fall ermittelt werden.

Außerdem, daß der Kohlenverbrauch geringer ausfällt und das Blech weniger angegriffen wird, kann auch das Reinigen der Kessel wenigstens um die Hälfte billiger besorgt werden, wenn man Schlamm, statt fester Kruste, zu entfernen hat.

Bei Locomobilen und Kesseln mit innerer Feuerung ist der Vortheil des Reinigens bei Anwendung von Chlorbaryum noch größer.

3) Wenn nun noch nutersucht werden soll, ob die Methode keinerlei Nachtheile hat, so muß 1) ermittelt werden, ob das Blech durch den Zusatz von Chlorbaryum nicht leidet und 2) ob nicht etwa feiner Schlamm in die beweglichen Maschinentheile mit hinübergerissen wird.

Die erste Frage kann vom chemischen Standpunkte direct verneint werden; es wurde jedoch, wie folgende Tabelle zeigt, auch durch, vom 23. Mai bis 7. Septbr. angestellte Versuche erwiesen, daß Chlorbaryum die Metalle nicht angreift.

|401|
Eisen. Stahl. Kupfer. Messing.
Ursprüngliches Gewicht der Metalle am
23. Mai

0,168

0,170

0,079

0,093
Gewicht nach der Herausnahme aus dem
nicht präparirten Wasser am 7. Sept.

0,166

0,172

0,079

0,095
Gewicht nach der Herausnahme aus mit
Chlorbaryum versetztem Wasser am
7. September.


0,168


0,170


0,079


0,093

Dem Fortreißen des Dampfes widersteht der auf Zusatz von Chlorbaryum entstehende Rückstand mehr, wie jeder andere im Wasser suspendirte Schlamm.

Der resultirende schwefelsaure Baryt (Schwerspath) hat nämlich ein specifisches Gewicht von 4,5, während sonstige Thon- oder Kalkverbindungen nur 2,2 bis 2,4 erreichen. Bei einer Locomobile, bei welcher die Entfernung vom Kessel zur Maschine nur sehr klein ist, deren Speisewasser mit Chlorbaryum versetzt war, wurde sechs Mal nach einander nach dem Reinigen Schieberkasten und Cylinder nachgesehen und keine Spur Schlamm aufgefunden. Das hohe specifische Gewicht des Rückstandes, welches beim Abtreiben des Kessels nachtheilig wirkte, ist also von großem Vortheile für die Conservirung der Maschinentheile.

Es wurde hier nur der Fall besprochen, wo das feste Salz in den Kessel geworfen wurde und Schlamm statt fester Krusten in demselben resultirte.

Soll auch der Schlamm vermieden werden, so muß das Wasser ehe es in den Kessel gelangt, mit Chlorbaryum abgesetzt werden. Es bietet dieses Verfahren keine Schwierigkeiten, ist aber wohl in den meisten Fällen zu umständlich, weil mit zwei Reservoiren gearbeitet werden muß. Ist der eine Behälter mit Wasser gefüllt, so setzt man so lange Chlorbaryum zu, bis keine Trübung mehr entsteht und läßt dann absetzen. Mit dem anderen Wasserquantum verfährt man ebenso und braucht abwechselnd, während das Wasser in dem einen Reservoire klärt, von dem anderen klaren Wasser um den Kessel zu speisen.

Schließlich muß noch bemerkt werden, daß man sich durch den großen Verbrauch von Chlorbaryum bei den ersten Versuchen nicht bestimmen lassen soll, die Methode zu verwerfen.

Die ersten Male wird in dem Verhältniß zu viel Chlorbaryum verbraucht, als noch alter Kesselstein an den Wandungen haftet und erst wenn Alles gelöst ist, kann der normale Zusatz für 8 oder 14 Tage bestimmt werden.89) Prof. Rühlmann. (Monatsblatt des hannoverschen Gewerbevereins, 1864 S. 61.)

|401|

In der Heede- und Flachsspinnerei der HHrn. Stelling und Gräber in Hannover, woselbst man früher viel Noth mit Kesselstein hatte, ist seit Verwendung des Chlorbaryums alles Uebel verschwunden. Bei einem Fairbairnkessel von 25 Fuß (rhnl.) Länge und von 6 Fuß Durchmesser, mit zwei Feuerröhren von 27 Zoll Durchmesser bedarf man wöchentlich 25 Pfund Chlorbaryum. Bei einem größeren Kessel von 36 Fuß Länge und 4 1/2 Fuß Durchmesser, mit Zwischenfeuer und zwei Vorwärmröhren von 30 Fuß Länge bei 3 Fuß Durchmesser, werden pro Woche 35 Pfd. Chlorbaryum erforderlich. Eine Ersparung an Brennmaterial ist unverkennbar.

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