Titel: Lüders, über Herstellung geometrisch richtiger Körperformen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175, Nr. XI. (S. 16–18)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/ar175011

XI. Ueber die Herstellung geometrisch richtiger Körperformen.

Aus der Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure, 1864, Bd. VIII S. 535.

Whitworth hat bekanntlich zuerst gelehrt, eine ebene Fläche mit jedem beliebigen Grade von Näherung an die mathematische Idee derselben herzustellen. Sein Verfahren zur Herstellung von Flächen durch |17| wechselndes Vergleichen dreier Platten ist aber durchaus geeignet, auch die anderen einfachen Körperformen, vor allen durch parallele oder rechtwinkelige Flächen und Kanten begrenzte Körper, beliebig genau mit Hülfe des Schadens herzustellen. Wie weit die folgenden sehr einfachen Methoden bekannt sind, kann ich nicht sagen; allgemeines Gut des Maschinenbaues sind sie jedenfalls noch nicht, noch weniger, als die längst bekannten Grundsätze über Herstellung und Erhaltung von Richtplatten.2)

Die erste Aufgabe, welche nach Erlangung einer ebenen Fläche uns sich darstellt, ist die Herstellung eines rechten Winkels. Zu diesem Behufe nehme man drei Winkel, bearbeite eine Seite derselben nach der Richtplatte und vergleiche dann, indem man sie mit diesen Seiten auf die Richtplatte stellt, die anderen Seiten mit einander. Sobald alle drei Winkel mit diesen Seiten genau sich berühren, müssen sie rechtwinkelig seyn. Statt dreier Winkel kommt man auch mit zweien aus, indem man sie bald mit dieser, bald mit jener Seite auf die Richtplatte stellt.

Man wird mit Hülfe dieser Winkel dann einen inneren Winkel genau rechtwinkelig herstellen, welcher dann wieder zur Herstellung äußerer Winkel dienen würde.

Mit Hülfe eines inneren Winkels könnte man genaue Parallelepipeden herstellen, indem man jede Seite derselben gleichzeitig rechtwinkelig zu zwei anderen bearbeitet. Das folgende Verfahren liefert aber viel leichter parallele Flächen.

Man nehme zwei der verlangten Körper und richte eine Seitenfläche derselben nach der Richtplatte ab. Wenn man sie mit dieser Fläche dann auf die Platte legt und die obere Seitenfläche bearbeitet, bis eine |18| zweite Richtplatte in zwei beliebigen Stellungen der Körper genau auf beiden anfliegt (trägt), so müssen die Flächen parallel seyn.

Es bleibt nun noch übrig, Körper herzustellen, bei welchen eine Kante einer Fläche derselben parallel ist. Das dabei einzuschlagende Verfahren ist im Allgemeinen folgendes: „Das abzurichtende Prisma wird in eine seinen Seitenflächen entsprechende Leernuthe, welche in einer Platte genau eingearbeitet ist, eingepaßt, so daß die obere Fläche des Prisma's mit der Oberfläche der Platte in einer Ebene liegt. Hierauf werden die Prismenflächen so lange beschabt, bis eine Richtplatte, auf die obere Fläche des Prisma's gelegt, auf dieser und der Oberfläche der Platte vollkommen aufliegt, wenn auch das Prisma in der Nuthe der Länge nach verschoben oder so umgelegt wird, daß sein hinteres Ende vorne zu liegen kommt. Durch passende Combinationen lassen sich sehr viele Formen herstellen, z.B.:

Textabbildung Bd. 175, S. 18

Die Herstellung genauer rechter Winkel ist für die Praxis nicht unwichtig, wenn auch nur, um die Winkel der Arbeiter controliren und ohne Mühe berichtigen zu können. Auch würden Winkelrichtplatten in manchen Fällen dem Schlosser dieselbe Erleichterung zur Herstellung von winkeligen Körpern geben, welche ihm die Richtplatte zur Herstellung von Flächen gibt.

Parallele Flächen auf obige Art herzustellen, wird gewöhnlich durch die Beschaffenheit des Arbeitsstückes, sowie durch den Umstand, daß ein Duplicat desselben erforderlich ist, ausgeschlossen seyn. Leisten und Lineale der oben skizzirten Art würden vielleicht in einigen Fällen bei dem Baue von Arbeitsmaschinen, z.B. für die Anfertigung kleinerer Supporte, Nutzen bringen.

Welche dieser Verwendungen praktisch sind, läßt sich im Voraus nicht wohl sagen; es wird dem Maschinenbauer aber stets förderlich seyn, die Mittel zur mathematisch genauen Herstellung der von ihm verwendeten Formen zu kennen.

J. Lüders.

|17|

In der von Whitworth im Anfange der Vierziger geschriebenen Anleitung zur Herstellung ebener Flächen sind die sehr leicht daraus sich ergebenden Erweiterungen des Verfahrens nicht berücksichtigt; in einem 1859 veröffentlichten Aufsatze über seine Meßmaschine schlägt er einen, von dem in dem Folgenden angedeuteten Wege etwas verschiedenen, weniger directen Weg zur Erlangung eines genauen Prisma's ein. Er hat seine Aufsätze vor ein Paar Jahren in einem Bande vereinigt erscheinen lassen; vielleicht findet sich darin mehr über diesen Gegenstand; mir ist dieses Buch leider nicht zur Hand. Die zuerst erwähnte Abhandlung ist in dem Bande des Engineer von 1859 wieder abgedruckt; ebendaselbst findet sich ein Bericht über die Meßmaschine. Die Bemerkung, mit welcher die Redaction des Engineer den Wiederabdruck des ersten Aufsatzes rechtfertigt, daß nämlich die in demselben ausgesprochenen Grundsätze in England noch lange nicht so bekannt wären, wie zu wünschen sey, gelten in noch weit höherem Grade von Deutschland. Dieß beweist z.B. das von dem Schlusse dampfdichter Flächen handelnde Capitel der bekannten Constructionslehre des Professor Reuleaux, welches bei Gelegenheit der Dampfkolben eingeschoben ist.

Selbst in großen Werkstätten werden ferner die Richtplatten nicht selten mit großer Sorglosigkeit behandelt; man fertigt solche an, welche auf vier Füßen ruhen; man gestattet unnöthige starke Belastungen u.s.w. J. L.

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