Titel: Die zweckmäßigsten Nähmaschinen-Systeme für den Familiengebrauch.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 2 (S. 82–83)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi01_2

Die zweckmäßigsten Nähmaschinen-Systeme für den Familiengebrauch.

Obgleich jede Nähmaschine ihre besonderen Vortheile und Nachtheile besitzt, und häufig genug nur für eine specielle Verwendungsweise eingerichtet ist, so gehört es doch zu den beliebtesten Manneuvres der Händler, ihre Maschinen als für den Familiengebrauch besonders brauchbar zu bezeichnen. Der unbefangene Beurtheiler einer Nähmaschine, der dieselbe zum Familiengebrauch für passender erklärt als eine andere, kann daher leicht in den Verdacht einer beabsichtigten Reclame gerathen und es läßt sich auch wirklich die Frage, welche Nähmaschine für den fraglichen Zweck die passendste sey, nicht gerade ganz apodictisch entscheiden. Wenn man aber berücksichtigt, daß bei uns theils in Amerika selbst gefertigte, theils den amerikanischen in Deutschland nachgeahmte Maschinen ganz vorwaltend verwendet werden, so darf man wohl darauf hinweisen, daß in den Vereinigten Staaten zwei Systeme jetzt entschieden und fast ausschließlich als Familiennähmaschinen gelten, die Wheeler und Wilson'sche Doppelsteppstich- und die Grover und Baker'sche Doppelkettenstichmaschine, während die anderen großen Nähmaschinenfabrikanten für andere Zwecke Ausgezeichnetes liefern, namentlich Singer und Comp. für schwere Tucharbeit, El. Howe, der Erfinder der Nähmaschine, für Lederarbeit, und Wallcox und Gibbs für gewisse Fabrik- und Industriezwecke. Von den ersterwähnten beiden Firmen aber haben Wheeler und Wilson von ihrer Weißzeugmaschine nach amtlichen Ausweisen in den 9 Jahren von 1852 bis 1861 den Betrag von 38,296 Stück abgesetzt, Grover und Baker dagegen in den 3 Jahren von 1858 bis 1861 von ihren Familiennähmaschinen 59,833 Stück. Diese Zahlen zeigen deutlich genug an, welchem System die praktischen Amerikaner den Vorzug geben, da die Differenzen doch zu groß sind, um sie nur der geschickteren Reclame der einen Firma zuzuschreiben. Der Grund liegt, wie Daul in seinem sehr empfehlenswerthen Buche von der amerikanischen Nähmaschine richtig hervorhebt, darin, daß die Hausfrauen sich fragten, welche Näharbeiten in ihrem Haushalte am meisten vorkommen. War es Weißzeugnäherei, so kauften sie eine Wheeler und Wilson'sche Maschine, und da auf derselben bei genauer Kenntniß der Maschine zur Noth auch andere Arbeiten gefertigt werden können, konnten sie zufrieden seyn. War aber, wie es in allen stärkeren Familien der Fall ist, Frauen- und Kinderkleidernäherei die überwiegende Arbeit, so wählten sie eine Grover und Baker'sche Doppelkettenstichmaschine, die bei richtiger Behandlung auch Weißzeugarbeit so gut und schön fertigt, als die eigentliche Weißzeugmaschine.

Diese beiden Systeme sind es jetzt auch, die in Deutschland im Vordergrunde stehen und hier muß wohl das Urtheil des Dr. Rud. Herzberg, Verfasser des vortrefflichen Werkes: „Die Nähmaschine, ihr Bau und ihre Benutzung (Berlin 1863, Verlag von Julius Springer)“ als eine Autorität in diesem Fache Berücksichtigung finden, welcher sich folgendermaßen ausspricht: „Es ist mir schon oft die Frage aufgeworfen worden, welche von den vielen existirenden Nähmaschinen zum Gebrauch für Familien am passendsten wäre? Ich habe immer geantwortet: die Grover und Baker'sche und ich bin die Gründe nicht schuldig geblieben, warum gerade diese den Anforderungen, welche im Haushalte gestellt werden, am meisten genügt. Sie hat vor allen Dingen den großen Vortheil, daß fast ein Kind damit fertig wird und darauf arbeiten |83| kann. Die Naht ist vollkommen fest genug für häusliche Zwecke, ist elastischer als jede andere, ein Vortheil, der beim Waschen und Plätten in's rechte Licht tritt, und sie übertrifft als Ziernaht jede andere an schönem Aussehen. Es ist nicht zu läugnen, daß auch andere Maschinensorten für gewisse Zwecke unersetzlich sind, aber so viel steht fest, daß zur Anfertigung der im Haushalte vorkommenden Gegenstände die Grover und Baker'sche Nähmaschine, und nur diese allein, als vollkommen tauglich anerkannt werden kann.“ (Deutsche Industriezeitung, 1864, Nr. 49.)

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