Titel: Die Fabrication des Bessemerstahles in Deutschland; von Professor C. H. Schmidt in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 3 (S. 164–165)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi02_3

Die Fabrication des Bessemerstahles in Deutschland; von Professor C. H. Schmidt in Stuttgart.

Die Herstellung des Stahles nach Bessemer's Methode durch Einblasen von atmosphärischer Luft in flüssiges Roheisen ist nunmehr auch in Deutschland zur Ausführung gekommen. Seit längerer Zeit soll das Bessemern in der Krupp'schen Gußstahlfabrik zu Essen im Gange seyn; in welchem Maaßstabe und mit welchem Erfolg, ist aber bei der gänzlichen Verschlossenheit des Etablissements unbekannt geblieben. Im Mai dieses Jahres hat das Hüttenwerk Horde bei Dortmund die Fabrication auch angefangen und betreibt dieselbe seit dieser Zeit ununterbrochen im großartigsten Maaßstabe. Es werden daselbst jeden Tag 3 Chargen à 7000–8000 Pfund gemacht, d.h. das zur Aufnahme des im Flammofen umgeschmolzenen Roheisens bestimmte Gefäß, die sogenannte Birne, wird jeden Tag 3mal mit je 7000–8000 Pfund gefüllt. Dieses Roheisenquantum wird durch die in den Boden des Gefäßes eingeführte Gebläseluft innerhalb 25–30 Minuten in Stahl verwandelt, welcher zunächst in eine große zur Aufnahme von 4000 Pfd. vorgerichtete Pfanne gegossen, und von hier den gußeisernen Formen, Coquilles, zugeführt wird. Es werden dadurch Blöcke von cylindrischer oder vierseitig-prismatischer Form mit 3/4–1 Quadratfuß Basis und 2 1/2–3 Fuß Höhe im Gewicht von 900 bis 1500 Pfund erhalten, deren weitere Verarbeitung durch den Schmiede- und Walzproceß erfolgt. Unter Berücksichtigung des Abganges kann man mithin die tägliche Production des Hörder Werkes auf circa 200 Centner annehmen.

Die fertigen Fabricate bestehen derzeit vorzugsweise aus Eisenbahnschienen und Radbandagen. Beide Gegenstände werden entweder gänzlich aus Bessemerstahl, oder aus Bessemerstahl und sehnigem Eisen angefertigt. Ferner werden auch Scheibenräder mit aufgeschweißten Stahlbandagen geliefert. Nabe und Scheibe werden aus einem einzigen Stück sehnigen Eisens unter dem Hammer in einem Gesenke vorgeschmiedet, dann wird die Stahlbandage umgelegt und in einem Gesenke unter einem großen Dampfhammer mit der Scheibe zusammengeschweißt.

Die ganz aus Bessemerstahl hergestellten Schienen werden mit 70 Thlr., die aus Stahl und sehnigem Eisen angefertigten mit 55 bis 60 Thalern per 1000 Pfd. verkauft. Zur Vergleichung mit diesem Preis geben wir im Folgenden die Preise der Schienen, wie sich dieselben gegen Mitte vorigen Jahres auf westphälischen Werken im Durchschnitt gestellt haben:

gewöhnliche Schienen 33 Thlr. per 1000 Pfund,
Schienen mit Feinkornkopf 36 „ „ „
Schienen mit Puddelstahlkopf 45 „ „ „
Puddelstahlschienen 52 „ „ „

Die Schienen aus Bessemerstahl stehen mithin um 40 Procent höher als die beste Qualität der bisher erzeugten Schienen. Eine theilweise Ausgleichung der Anschaffungskosten dürfte indeß durch das geringere Gewicht, welches man den Bessemerstahlschienen in Folge ihrer größeren Festigkeit geben kann, hervorgehen. Wie sich die Bessemerstahlschienen in Bezug auf die Abnutzung verhalten, müssen die Erfahrungen späterer Zeiten lehren. Läßt man aber die Annahme gelten, daß der Bessemerstahl bezüglich |165| der Abnutzung in demselben Range stehe, wie der Gußstahl, und daß ferner die Abnutzungen der Schienen aus Gußstahl, Puddelstahl und sehnigem Eisen sich ebenso verhalten, wie die Abnutzungen der Radbandagen aus denselben Materialien, für welche sich aus vielfachen Beobachtungen das Verhältniß von 1 : 2 : 6 herausgestellt hat, so lassen sich von der Verwendung dieser Schienen große Vortheile erwarten.

Ueber die Festigkeit des in Hörde erzeugten Bessemerstahles können aus eigener Anschauung mit aller Zuverlässigkeit folgende Angaben gemacht werden. Auf absolute Festigkeit wurden mehrere abgeschmiedete Stücke mit rechteckigem Querschnitt von 13 und 9 Millim. Seite, d. i. 117 Quadrat-Millim. Querschnittsfläche, untersucht. Das Zerreißen erfolgte bei einer Belastung von 10,200 Kilogr., mithin erreichte die Festigkeit per Quadrat-Millim. den Werth von 87 Kilogr. Für die älteren Stahlsorten liegen die Festigkeitscoefficienten zwischen 75 und 100 Kilogr.; es gehört der Hörder Bessemerstahl sonach nicht zu den geringeren Sorten. Die Festigkeit des Schmiedeeisens ist nur etwa halb so groß.

Neue Anlagen zur Erzeugung des Bessemerstahles in der gleichen Ausdehnung wie in Hörde sind im Bau begriffen in der Gußstahlfabrik zu Bochum und auf einer durch eine Commanditgesellschaft neu gegründeten. Stahlfabrik zu Oberbilt bei Düsseldorf. Für das Staatshüttenwerk Königshütte in Oberschlesien soll ebenfalls eine Anlage in Aussicht stehen. In Oesterreich hat man in zwei Werken die Fabrication des Bessermerstahles angefangen, nämlich auf dem fürstl. Schwärzenbergi'schen Eisenwerke zu Turrach und dem der Comp. Rauscher zugehörenden Eisenwerk zu der Heft in Kärnthen. Von Seiten des Staats ist eine dritte Anlage auf dem Hüttenwerk Neuberg im Bau begriffen. Eine andere hat die Südbahn in Prag errichtet; auch in Mähren ist eine Anlage projectirt und ebenso im Banat.

Die durch das Bessemeren möglich gemachte massenhafte Stahlproduction und der billige Preis des Productes werden nach verschiedenen Richtungen hin von Einfluß seyn. Außer der Verwendung des Bessemerstahles zu Schienen, Bandagen, Achsen, Kanonen, Kesselblechen u.s.w. dürfte zunächst seine Verwendung zu Brückenbauten von Wichtigkeit werden. Das gewöhnliche Schmiedeeisen kann bei Brücken mit großen Spannweiten nur unter ungünstigen Verhältnissen angewandt werden, da es im Verhältniß zu seiner Festigkeit ein viel zu großes Gewicht hat; es sind z.B. bei der Dirschauer Weichselbrücke 3 Centner Eisen nöthig, um 1 Centner Nutzlast zu tragen, bei der Britanniabrücke ist das Verhältniß noch ungünstiger. Bereits hat man bei Mastricht in Holland drei Brücken aus Gußstahl von 100–124 Fuß Spannweite für den Straßenverkehr ausgeführt und hat die Absicht, mehrere Eisenbahnbrücken von 300–500 Fuß Spannweite aus demselben Material herzustellen. Einer allgemeineren Verwendung des Gußstahles zu solchen Zwecken steht aber der hohe Preis desselben, 160–180 Thaler per 1000 Pfd. hindernd entgegen, wogegen der um circa 60 Proc. billigere Bessemerstahl sich sehr gut dazu eignen würde.

Schließlich wäre noch zu bemerken, daß aus England und Schweden (Högbo) Bessemerstahl von besserer Qualität und zu höheren Preisen als die oben angegebenen in den Handel kommt. Er kann zu Werkzeugen, Schneidwaaren u.s.w. verwandt werden und kostet per Centner 16–18 Thaler. Um dieses Product zu erzeugen, wird angeblich der Bessemerstahl mit gewissen Zusätzen in Tiegeln umgeschmolzen, und dadurch in wirklichen Gußstahl verwandelt.

Dieser Industriezweig erscheint somit als einer von denjenigen, welchen vorzugsweise eine günstige Zukunft in Aussicht steht. (Württembergis. Gewerbeblatt, 1865, Nr. 1.)

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