Titel: Ueber Fleischextract.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 7 (S. 167–168)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi02_7

Ueber Fleischextract.

Hr. Professor v. Liebig in München hat aus Montevideo in Uruguay von einem Ingenieur Giebert aus Hamburg, der nach Liebig's Methode versucht hat, das Fleisch der Büffel und Hämmel, welches die Eingeborenen nicht verwerthen konnten, in Fleischsaft zu verwandeln, zwei große Gefäße mit solchem Saft zugeschickt erhalten. Bisher war es nur theilweise gelungen, das Fleisch dieser halbwilden Ochsen und Schafe, die lediglich der Häute und des Fettes wegen geschlachtet wurden, durch Einsalzen oder Trocknen so zu conserviren, daß man es in den europäischen Handel bringen konnte, und es machte auf den Unternehmer, wenn er sah, wie nur der kleinste Theil zum Einsalzen verwendet und alles Uebrige in. die Flüsse geworfen wurde, im Hinblicke auf Europa einen peinlichen Eindruck und erregte in ihm den Wunsch, dieses Fleisch nützlich zu verwerthen. Da kamen demselben die chemischen Briefe Liebig's |168| zu Gesicht, worin der Fleischextract beschrieben ist,40) und nachdem er sich im Jahre 1862 in München in der Hofapotheke, wo wöchentlich Fleischextract bereitet wird, mit dem genauen Verfahren bekannt gemacht und in Berlin mit dem dazu nöthigen Apparate sich versehen hatte, kehrte er im Jahr 1863 nach Uruguay zurück und hat nun glücklich einen köstlichen Extract hergestellt, der durch seine fett- und leimfreie Beschaffenheit ebenso unveränderlich als wohlschmeckend und dabei so concentrirt ist, daß der Extract von 30 Pfund Muskelfleisch 1 Pfund jener honigartigen Masse bildet: ein Quantum, das z.B. genügen würde, durch bloßes Zugießen von heißem Wasser, mit Brod oder Kartoffeln vermischt, für 128 Soldaten eine so kräftige und nahrhafte Suppe zu bereiten, wie man sie in den ersten Gasthöfen nicht schmackhafter bekommen könnte. Seit den letzten zehn Jahren ist die wohlthätige Wirkung des Fleischextracts immer mehr bekannt geworden, und der Verbrauch desselben beweist, daß er nicht nur von Aerzten in Fällen gestörter Ernährung, Verdauung und körperlicher Schwäche gegeben wird, sondern daß er auch gleichsam ein Hausmittel geworden ist, indem er längst im Handverkauf, d.h. ohne ärztliche Vorschrift, gebraucht und trotz des hohen Preises desselben von 1 fl. 12 kr. für die Unze so viel abgesetzt wird, daß allein die Hofapotheke in München jährlich 5000 Pfund Rindfleisch zu ihrem Bedarf an Fleischsaft verbraucht. Auch ist schon länger bei der französischen Armee von Parmentirer und Proust der Fleischextract (extractum carnis) in Wein aufgelöst als das beste Stärkungsmittel für durch Blutverlust geschwächte Verwundete auf dem Schlachtfelde und Reconvalescenten in Feldspitälern dringend empfohlen worden. Da also die Einführung des Fleischsaftes zur Hälfte oder einem Drittel des gegenwärtigen Preises in Europa aus Ländern, wo das Fleisch kaum einen Werth hat, für die europäische Bevölkerung ein wahrer Segen Wäre, so hat Hr. v. Liebig sich bereit erklärt, falls der Fleischextract aus Montevideo den Anforderungen der Wissenschaft genüge, seine Echtheit zu bezeugen, unter der Bedingung, daß der Unternehmer das Pfund Fleischextract im Kleinverkauf zu einem Drittel des gegenwärtigen Preises in Europa zu liefern im Staude sey. Nach den vorliegenden Erfahrungen dürfte sich dieser Preis auf etwa 3 Thlr. per Pfund stellen. Hr. Giebert hofft monatlich 5–6000 Pfd. nach Europa senden zu können.

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Man s. die Abhandlung des Hrn. v. Liebig „über das zweckmäßigste Verfahren Fleisch zu kochen, Fleischbrühe und Fleischextract zu bereiten, und das Fleisch einzusalzen“ im Jahrgang 1847 des polytechn. Journals, Bd. CVI S. 54.

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