Titel: Patentproceß zwischen Renard und Levinstein hinsichtlich Girard's Verfahren blaue Anilinfarben darzustellen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 8 (S. 247–248)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi03_8

Patentproceß zwischen Renard und Levinstein hinsichtlich Girard's Verfahren blaue Anilinfarben darzustellen.

Vor Kurzem wurde in London ein Patentproceß zwischen Renard und Levinstein verhandelt, der in vieler Hinsicht Interesse erregte. Es handelte sich um das bekannte Verfahren Girard's, blaue Anilinfarben darzustellen (m. s. polytechn. Journal von 1861, Bd. CLXII S. 297). Girard erklärte, daß er seine Entdeckung mit de Laire beim Suchen nach neuen Farben gemacht, in Frankreich drei Patente genommen habe und daß nach seinem Verfahren bis jetzt für 550–800,000 Thlr. (nach einer späteren Aussage von de Laire für 1,200,000 Thlr.) Farben dargestellt worden setzen. Es werde jetzt in Frankreich durch 4–5stündiges Erhitzen von gereinigtem Anilinroth und Anilin (zu etwa gleichen Theilen) in einer eisernen Retorte zunächst eine violette Farbe dargestellt, die dann mit mehr oder weniger starker Salzsäure, je nachdem man eine mehr oder weniger blaue Farbe darzustellen beabsichtige, in einer emaillirten Pfanne gekocht werde. Das Anilinroth darf etwas Chlor enthalten, auch lassen sich Rosanilinchlorid, essigsaures, schwefelsaures etc. Rosanilin ganz gut verwenden. Nach Franc, Mitglied der Firma Gebr. Renard in Lyon, begann diese Fabrik im April oder Mai 1861 Anilinblau darzustellen und hat seitdem 400,000 Pfd. geliefert; das Anilinroth wurde durch Erhitzen von Anilin mit Zinnchlorid, auch mit salpetersaurem Quecksilberoxydul dargestellt.

Dr. Hofmann erklärte, daß er kürzlich mit Dr. Frankland, Redwood, Warrington etc. Versuche über Darstellung des Anilinblau gemacht, die essig-, oxal-, schwefel- und arsensauren Salze, sowie das Chlorid von Anilin und Toluidin verwendet und die einzelnen Salze mit Anilin auf circa 165° C. erhitzt habe; die nöthige Zeit zur Darstellung der blauen Farbe habe im Minimum zwischen 1 1/2–2 Stunden geschwankt, im Maximum aber 5 Stunden betragen. Die erhaltene violette Masse wurde zur einen Hälfte auf Violett, zur anderen auf Blau verarbeitet; für die erstere wurde Wasser mit 2 Proc., für die letztere Wasser mit 10 Proc. käuflicher Salzsäure verwendet. Das essigsaure Rosanilin lieferte am schnellsten Violett, das Chlorid am langsamsten, in jedem Fall aber wurde ein gutes Blau erhalten. Mit Toluidin war der Proceß ganz ähnlich. Nicholson (Firma Simpson, Maule und Nicholson) erklärte, daß seine Fabrik seit Juli 1862 nach Girard's Patent arbeite und den |248| Patenteigenthümern 106,000 Thlr. Abgaben gezahlt habe; man nehme in ihr 20 Pfd. Rosanilin, 60 Pfd. Anilin und 4 Pinten Essigsäure, erhitze auf 150–2000, zuweilen auf 205° C. – Warrington hatte das Anilinblau untersucht und darin Spuren von Anilinroth, Anilin und Salzsäure gefunden, Essigsäure war gar nicht vorhanden. Dieß möchten etwa die wesentlichsten Punkte von allgemeinerem Interesse seyn, welche von Seiten der Kläger vorgebracht wurden.

Die Angeklagten (Levinstein u. Comp.) erklärten, daß ihr Verfahren nicht das Girard's sey; sie verwendeten Rosanilin, zuweilen auch das Chlorhydrat davon, in beiden Fällen unter Zusatz von Essigsäure, fügten aber nicht käufliches Anilin hinzu, sondern den Rückstand, der bei der Fabrication von Magentaroth überdestillirt und kein Anilinroth liefert. Sie erhitzen 1/2–1 Stunde und erhalten so eine blaue Farbe, die durch Schwefelsäure oder Salzsäure gereinigt werden kann. Sie wird durch Schwefelsäure gefällt und dann mit Essigsäure und Alkohol (1 Unze Säure auf 1 Pinte Alkohol) erhitzt.

Das Resultat der (in der Chemical News, December 1864, Nr. 263, 264 und 265 mitgetheilten) Verhandlung ist noch nicht bekannt. (Deutsche Industriezeitung, 1865, Nr. 3.)

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