Titel: Die Leichenbestattung in englischen Städten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 10 (S. 325–327)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi04_10

Die Leichenbestattung in englischen Städten.

Der Bericht des Ingenieurs de Freycinet „über Mittel gegen die nachtheiligen Einflüsse einzelner Fabriken und Gewerbe auf die Gesundheit der Menschen“ enthält in diesem Betreff folgendes:

Smith'sche Gesundheitssärge. – In den englischen Städten dauert die Aufbewahrung der Leichen zuweilen bei den unteren Classen zehn Tage und länger. Um den daraus hervorgehenden Uebelständen zu begegnen, hat man neben anderen Verfahren neue Särge erfunden, die sogenannten Smith'schen patentirten Gesundheitssärge,67) deren Gebrauch neuerdings eine gewisse Ausdehnung erlangt hat und welche |326| auch mit einigem Vortheil in anderen Ländern bei ansteckenden Krankheiten angewendet werden könnten. Diese Apparate, welche aus dünnem galvanisirtem Blech bestehen, haben am Deckel über dem Gesicht des Todten eine verglaste Oeffnung und ein kleines Rohr, welches im Innern in eine durchbrochene Büchse mündet, die mit Kohle und Desinfectionspulver gefüllt ist. Die bei der Zersetzung entstehenden Gase gehen durch die Büchse, in welcher sie vor ihrem Austritt gereinigt werden. Der Leichnam kann so mehrere Tage aufbewahrt werden, ohne daß man behindert ist, das Gesicht desselben zu sehen.

Kirchhöfe, welche die Kirchen in mitten der Stadt umgeben. – Diese Kirchhöfe erzeugen eine Verderbniß, welche um so gefährlicher ist, als die Anhäufung der Leichen hier die gewöhnlichen Verhältnisse weit übersteigt. Um die Emanationen zu verhindern, hat man doppelte Särge vorgeschlagen, einen hölzernen für den Leichnam und einen anderen aus Sandstein (grès), in welchem der erstere mit einer Holzkohlenschicht eingeschlossen wird.68) Man meint, daß durch dieses Mittel, nach den bei Thierkörpern in den Laboratorien erhaltenen Resultaten, alle organischen Gase absorbirt werden. Wir müssen hinzufügen, daß das Gewicht und der schwierige Transport dieser Särge die Anwendung derselben bis jetzt erschwert hat.69) In mehreren Städten sind praktischere Mittel angewendet worden. Zu London hat man in allen den Kirchhöfen, in welchen die Beerdigung nicht mehr gestattet ist, die Erde festgestampft und mit dickem Rasen bedeckt. Dr. Letheby hatte unter Anderem gerathen, auf die Särge eine starke Holzkohlenschicht zu streuen, man hat aber davon Abstand genommen. Zu Birmingham verbreitete der Kirchhof von St. Philipp solche Gerüche, daß man ihn mit Kalk und an einzelnen Stellen mit Chlorkalk bedeckte. Zu Manchester wendet man ziemlich häufig Holzkohle an. namentlich auf dem Kirchhofe von Grosvenor Square; im Augenblicke der Beerdigung wird die Kohle auf den Sarg gestreut. Ohne Zweifel lassen sich diese Vorkehrungen in einigen Fällen mit Vortheil auch auf die außerhalb der Stadt gelegenen Kirchhöfe anwenden.

Die Anhäufung der Leichen in den städtischen Kirchhöfen ist so bedeutend, daß selbst die offenen Gräber nicht ohne Gefahr sind. „Die Kohlensäure imprägnirt hier den Boden so, wie in manchen Landstrichen das Wasser,“ sagt Dr. Playfair, so daß, wenn neben einem frischen Grabe ein neues gegraben wird, jenes Gas sehr schnell durch die Wände tritt und das Grab ausfüllt. In einigen Fällen wendete man Kalk an, welcher vor Niederlassung des Sarges ausgebreitet wird. Gewöhnlich beschränkt man sich darauf, in den als gefährlich bekannten Orten das Grab mehrere Stunden und selbst den ganzen Tag im Voraus zu öffnen, um der Gasentwickelung Zeit zu lassen und sie abzuschwächen. Außerdem trägt man Sorge, sich über die Beschaffenheit der Atmosphäre zu versichern, ehe man hinuntersteigt.

Kirchengrüfte. – Die unter den Kirchen angebrachten Grüfte sind sehr viel gefährlicher. Die Särge sind hier zahlreich, die Lüftung ist schwierig, und die Gerüche sind sehr intensiv. Die Beerdigungen unter der Kirche, welche heutigen Tages meistens abgeschafft sind, bestehen noch bei einigen Kirchen. Rücksichtlich der Gesundheit sind hier dieselben Maßregeln zu empfehlen; denn abgesehen von der Zweckmäßigkeit, sich gegen die Gerüche zu verwahren, welche zuweilen schon nöthig machten, den Gottesdienst auszusetzen, ist man in einigen Fällen gezwungen, jene verbotenen Grüfte zu betreten. Obgleich die öffentliche Aufmerksamkeit seit längerer Zeit auf diesen Gegenstand gerichtet ist, so werden doch erst seit vier Jahren in Folge der in den Grüften der City von London vorgenommenen Arbeiten Vorkehrungen zum Schutz der Gesundheit methodisch |327| angewendet. Diese, je nach den Umständen, im Ganzen oder zum Theil in den Kirchen getroffenen Vorkehrungen sind folgende:

1) alle zugänglichen Theile der Gruft werden von Zeit zu Zeit mit Kalk geweißt;

2) die Särge werden regelmäßig so aufgestellt, daß sie nicht zerdrückt werden können, und werden mit einer Holzkohlenschicht von 8–10 Centimes. Dicke bedeckt;

3) alle Grüfte derselben Kirche werden miteinander in Verbindung gesetzt und an beiden Enden mit einem Metallrohr versehen, welches über dem Dache mündet, so daß eine beständige Luftcirculation stattfindet.

Mehrere Districte der Hauptstadt wenden diese Maßregeln in ihrer Gesammtheit an. Die anderen Städte des Königreichs, in denen mit seltenen Ausnahmen die Unannehmlichkeiten immer weniger fühlbar gewesen sind, beschränken sich meistens darauf, mit Kalk zu weißen oder nur durch seitliche Oeffnungen zu lüften, ein Mittel, welches für die Nachbarschaft sehr unangenehm ist.

Die Einzelgräber in den Kirchhöfen können die Unannehmlichkeiten der Kirchengrüfte in geringerem Grade darbieten. Im Allgemeinen reicht die Lüftung hin, um die Infection ihrer Atmosphäre zu hindern. (Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen, 1864 S. 178 u. 202.)

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In London und Manchester hat sich eine Gesellschaft (Patent Sanitary Coffin Comp.) zur Verbreitung der verbesserten Särge gebildet, welche Filialen in Sheffield und anderen Städten hat.

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Diese Apparate werden von der Patent Sarcophagus Company fabricirt.

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Die Parteigänger der Smith'schen Särge, deren Gewicht mäßig ist, behaupten denselben Zweck mittelst ihrer sehr kleinen Desinfectionsbüchse zu erreichen. Aber abgesehen davon, daß die Flüssigkeit der Leiche sehr bald das Metall angreift, kann man unmöglich zugeben, daß die geringe Menge von Desinfectionssubstanz die sämmtlichen Gase aufzuhalten im Stande sey; es würde dazu nothwendig seyn, daß die Berührung mit der Luft unaufhörlich erneuert würde, was nicht stattfindet.

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