Titel: Große Hängebrücken.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 1 (S. 401–402)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi05_1

Große Hängebrücken.

Die Clifton-Hängebrücke bei Bristol, die mit einer Oeffnung in 210 Fuß Höhe den Avon überspannen wird, schreitet jetzt, nachdem seit mehr als 10 Jahren die Pfeiler auf den hohen malerischen Ufern verlassen standen, endlich ihrer Vollendung entgegen. Die Hauptketten sind bereits überspannt und wird mit dem Anbringen der Hängestangen und darauf der Fahrbahn begonnen werden. Der Bau soll früher wegen |402| eines Unglücksfalles, während provisorische Ketten oder Seile übergespannt waren, verlassen seyn. Die Brücke wird hinsichtlich ihrer reizenden Lage wenigstens in England nicht ihres Gleichen haben. In deutschen Geographie-Lehrbüchern findet sie sich seit Jahren als Merkwürdigkeit verzeichnet, obgleich sie bisher bis auf die Pfeiler nicht vorhanden gewesen.

Die Ketten der von Brunel gebauten, jetzt abgebrochenen und durch die Charing-Croß-Brücke ersetzten 630 Fuß weiten Hungerford-Brücke in London finden hier wieder Verwendung.

Es wird vielleicht von einigem Interesse seyn, die Spannweiten einiger amerikanischen Brücken hier nachzufügen, welche die größten Brücken Europa's um ein Bedeutendes übertreffen. So hat die Niagara-Drahtbrücke eine Spannweite von 822 Fuß, die Lewistown-Brücke von 1043 Fuß, die Kentucky-Brücke, die übrigens noch nicht eröffnet ist, gar von 1224 Fuß. Erscheinen diese Zahlen geradezu als enorm, so werden sie noch bei weitem übertroffen durch die kühnen Projecte, welche zur Ueberbrückung verschiedener Meerbusen der neuen und der alten Welt gegenwärtig in Ueberlegung genommen sind.

So beabsichtigt der Ingenieur Röbling, der die Niagara-Brücke baute, zwischen New-York und Brocklyn eine Brücke zu bauen mit einer größten Spannweite von 1800 Fuß. Ueber den Frith of Forth denkt man eine Brücke mit Oeffnungen von 2000 Fuß herzustellen. Barlow hat allen Ernstes zur Verbindung von Liverpool mit Birkenhead die Erbauung einer Hängebrücke von 3000 Fuß Spannweite mit 300 Fuß Pfeil und 450 Fuß hohen eisernen Landpfeilern vorgeschlagen (Observations on the Niagara Railway Suspension bridge by P. Barlow) und es soll bereits an die Ueberbrückung der 3220 Fuß weiten Meerenge von Messina in einer einzigen Oeffnung gedacht werden. Nun, die Grenze der Möglichkeit der Ausführung derartiger Constructionen, zumal mit gezogenem Draht, ist damit noch nicht erreicht; es wird hauptsächlich darauf ankommen, in welchem Verhältniß die Last der übrigen Theile der Brücke und der Transportgegenstände zu dem Gewicht der Tragketten steht; ein gleich dicker Eisendraht kann mit 1/10 Pfeil bei 10,000 Pfund pro Quadratzoll Spannung, wenn er nur sich selbst zu tragen hat, schon bis 2450 Fuß weit gespannt werden und geht man so weit wie bei der Niagara-Brücke, wo 18,000 Pfund Spannung in den Drähten vorkommen, so erweitert sich in demselben Verhältniß die Grenze der Spannweite. Bedenkt man aber, daß Stahldraht noch mehrfach größere Spannungen wenigstens für einige Zeit ohne Schaden erträgt, so bleibt für Weiten von 2000 bis 3000 Fuß noch ein so günstiges Verhältniß zwischen dem Gewicht des Seiles und dem zulässigen Gewicht der übrigen für die Fahrbahn und zur Absteifung nöthigen Theile, so wie die zu transportirenden Lasten bestehen, daß man die wirkliche Ausführung derartiger Constructionen, sobald die Nothwendigkeit dazu vorliegt, in Zukunft höchst wahrscheinlich zu erwarten haben wird. (Nach dem Engineer vom 29. April 1864, durch die Zeitschrift des hannoverschen Architekten- und Ingenieurvereins.)

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