Titel: Achard's elektrische Eisenbahnbremse.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 2 (S. 402–403)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi05_2

Achard's elektrische Eisenbahnbremse.

Schon mehrfach hat man die Anwendung des Elektromagnetismus beim Eisenbahnbetriebe in Vorschlag gebracht, sey es, daß man durch Magnetisirung der Radreifen die Adhäsion vermehren, sey es, daß man damit das Bremsen erleichtern, oder die einzelnen Wagen mit einander in Communication setzen wollte. In neuester Zeit ist auf dem Pariser Bahnhofe der Straßburger Bahn das Bremsungssystem des Ingenieurs Achard einer eingehenden Prüfung unterworfen worden und hat sehr zufriedenstellende Resultate geliefert. Das Wesentliche dieses Systems besteht darin, daß man Bremsvorrichtungen anwendet, die beständig in Function seyn würden, wenn sie nicht durch Elektromagnete angezogen und dadurch von den Rädern entfernt gehalten würden. Sobald daher der Strom, der den Magnetismus hervorruft, an irgend einer Stelle unterbrochen wird, tritt eine kräftige Bremsung an allen Punkten des Zuges sofort von selbst ein. Zwei Wagen, auf denen der elektrische Apparat aufgestellt war, wurden zuerst von den Zuschauern und Arbeitern genau besichtigt, um letztere besonders mit dem Spiele des Apparates vertraut zu machen. Es wurde dann eine Locomotive |403| mit Tender herangefahren und die Wagen angehängt. Die elektrische Leitungsschnur, in welcher sich zwei Drähte, für die eine und die andere Hälfte des Stromkreises vereinigt befanden, natürlich gut von einander isolirt, wurden dann auf den Tender geworfen, und der Unterbrechungsapparat mittelst einer einfachen Druckschraube in wenigen Secunden an der Wand des Tenders befestigt. Wenn man sich denkt, daß auf jedem mit der elektrischen Bremse versehenen Wagen ein oder zwei Elektromagnete und rechts und links zwei Leitungsdraht-Enden sich befinden, so begreift man leicht, daß man durch eine leicht zu bewirkende Verbindung der resp. Drahtenden eine Anzahl solcher Bremswagen hinter einander, oder mit Einschaltung einer Leitungsschnur mit zwei isolirten Drähten auch an verschiedenen Stellen des Zugs einschalten kann. Nöthigenfalls genügte auch ein einfacher Leitungsdraht, indem die Rückleitung durch die Schienen und die Erde bewirkt werden könnte. Der Unterbrecher, welcher am Tender angeschraubt wurde, besteht einfach aus einer kleinen Handhabe, die von links nach rechts umgelegt wird, und dann sofort den Strom unterbricht. In diesem Moment trat volle Wirksamkeit der Bremsen ein. Die Räder der Wagen rollten nicht mehr, sondern bewegten sich schlittenartig auf den Schienen fort. Der dadurch geleistete Widerstand war so enorm, daß der Zugführer sich beeilen mußte, den Unterbrecher umzulegen, und so den Strom wieder herzustellen. Sofort wurden die Bremsen wieder angezogen, und der Zug erlangte allmählich die verlorene Geschwindigkeit zurück. Der vielfach, sowohl beim Ziehen als beim Schieben der Locomotive wiederholte Versuch ergab stets dasselbe günstige Resultat. Selbst bei hoch gesteigerter Schnelligkeit vermochte man den Zug auf 250–300 Meter Länge zum Stehen zu bringen, wo er sonst noch 12–1500 Meter gelaufen wäre. Derselbe elektrische Strom wird auch dazu benutzt, um vom hintersten Waggon aus durch den dort placirten Conducteur dem Locomotivführer und dem zugführenden Oberschaffner ein Warnungszeichen durch Anschlagen einer Glocke zukommen zu lassen, welche Glocke ertönt, sobald an irgend einer Stelle der Strom unterbrochen wird, indem ein bis dahin vom Elektromagneten angezogener Hammer frei wird. In ganz derselben Art kann jeder einzelne Conducteur, ja jeder Passagier, in den Stand gesetzt werden, das Warnungszeichen zu geben. Auf gleiche Weise kann jeder Conducteur, sobald er ein drohendes Unheil bemerkt, die Bremsen spielen lassen. Sollte der Zug aus den Schienen kommen, ein angehängter Wagen sich losreißen, so wird der Strom ebenfalls unterbrochen; die Folge davon ist wie immer die sofortige Bremsung. Jedenfalls verdient der Achard'sche Apparat die Aufmerksamkeit unserer, Eisenbahnverwaltungen. (Breslauer Gewerbeblatt, 1865, Nr. 4.)

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