Titel: Anwendung der Anilinfarben zum Aquarelliren und Coloriren von Photographien; von Dr. E. Jacobsen in Berlin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 175/Miszelle 6 (S. 405–407)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj175/mi175mi05_6

Anwendung der Anilinfarben zum Aquarelliren und Coloriren von Photographien; von Dr. E. Jacobsen in Berlin.

Ich halte es für nöthig, noch einmal (vergl. polytechn. Journal Bd. CLXXIV S. 405) auf die von mir zu Aquarellfarben präparirten Anilinfarben, welche sehr rasch eine ausgebreitete Verwendung gefunden haben, zurückzukommen und diejenigen Beobachtungen nachzutragen, die mittlerweile von Anderen und von mir selbst bei ihrer Anwendung gemacht worden sind. Die Anilinfarben bieten gegenüber den bisherigen Aquarellfarben manche Eigenthümlichkeiten dar, so daß ihre Anwendung zum Theil eine eigene, wenn gleich leicht zu überwindende Technik erfordert, die zum wenigsten der Technik der gewöhnlichen Aquarellmalerei näher steht als der letztern die Technik der Oelmalerei. Die bisher ausschließlich in Anwendung gekommenen Aquarellfarben haben größtentheils viel Körper und liegen dann locker auf dem Papiere, so daß sie durch Abwaschen mit dem nassen Pinsel wieder entfernt werden können; die von mir präparirten Anilinfarben dagegen sind sämmtlich gelöste (mit Ausnahme des Neutralbraun), transparente Farben und lassen sich nicht alle wieder vom Papier durch Wasser entfernen. Dies schließt nicht aus, daß sich die Anilinfarben überhaupt in deckende (Körper-) Farben verwandeln lassen, und ich gedenke später je nach Bedürfniß einzelne oder alle derselben auch in diese Form zu bringen, was indeß weniger für das Coloriren von Photographien als für die eigentliche Aquarellmalerei von Wichtigkeit seyn dürfte. Bei den gelösten Anilinfarben tritt zu dem Umstande, daß manche derselben nicht mehr durch Abwaschen zu entfernen sind, noch hinzu, daß diese jede noch nicht zur homogenen Papiermasse gewordene Faser des Papieres (d.h. so weit die Faser als solche noch mit dem bloßen Auge erkennbar geblieben) für sich färben, woraus folgt, daß namentlich beim Malen auf gewöhnlichem Papier letzteres in seiner Masse möglichst gleichmäßig, seine Fasern möglichst kurz seyn müssen. Auf Albuminpapier ist die Wirkung der gewöhnlichen und der Anilinfarben noch weiter verschieden. Die glatte Oberfläche des ersteren (gewöhnlich durch Satinirung noch glatter gemacht) verlangt für gewöhnliche Wasserfarben ganz besondere Haft- oder Bindemittel, z.B. Galle, Gummi, Zucker etc. Anders bei den zu Aquarellfarben präparirten Anilinfarben; diese haften hier sofort, nicht nur weil sie mit geeigneten Haft- und Verdickungsmitteln versehen sind, sondern weil die Farben selbst sich chemisch mit dem Albumin verbinden; wenn sie trotzdem nicht auf jeder Albuminphotographie haften, so liegt dieß, wie ich schon früher bemerkt, entweder daran, daß die Photographie zu stark satinirt, oder mit den immer etwas fettigen Fingern befaßt war, oder daß an den sehr dunkeln Stellen der Photographie zu viel der im photographischen Proceß abgelagerten Metalle auf und in dem Eiweiß liegt. Hier hilft, wie ich schon bemerkt habe, ein leichtes Abreiben des Bildes mit einer geringen Menge Glycerin ab. Zu stark darf man nicht reiben, um die vom Leime des Papieres festgehaltenen Papierfasern nicht loszureißen, wobei dann das eintreten würde, was vorher schon erwähnt, nämlich daß jede einzelne Faser die Anilinfarbe aus der Farblösung ausziehen und die Bildstelle durch diese dunkler als ihre Umgebung gefärbten Fasern unrein, punktirt (grisselig) aussehen würde; eine Erscheinung, die man bei oberflächlicher Betrachtung dahin zu erklären geneigt seyn könnte, als wäre sie durch nicht aufgelöste Farbkörnchen entstanden. |406| Die von mir präparirten Farben sind aber gelöst, und wenn ja etwas ungelöste Farbe sich aus den Farblösungen abscheiden sollte, so hat dieß seinen Grund lediglich darin, daß bei der Schwierigkeit, mit welcher sich einzelne Anilinfarben in einer concentrirten wässerigen Flüssigkeit erhalten lassen, ein nachträgliches Absetzen der reinen Farbstoffe stattfinden kann (z.B. durch Temperaturunterschiede); immer aber werden sich diese Farbkörner mit dem nassen Pinsel auf der Palette lösen lassen. Körnige Farbniederschläge können aber auch bei einigen Farben (z.B. Blau, Roth III. etc.) entstehen, wenn man beim Malen ein sehr kalkhaltiges Wasser zum Verdünnen der Farben gebraucht; es ist daher gut, Regen- oder destillirtes Wasser anzuwenden. Noch möchte ich bei dieser Stelle Folgendes bemerken: Der Uebelstand, daß zwei oder drei von meinen Farben (Grün, Orange) eine geringe Menge Spiritus enthalten (der lediglich dazu dient, eine möglichst große Quantität dieser ohnehin hellen Farben in Lösung zu halten), wodurch beim directen Auftragen die Farben leicht durchschlagen etc., läßt sich leicht dadurch vermeiden, daß man ein paar Tropfen einer solchen Farbe auf der Palette verdampfen läßt oder mit dem Pinsel bis zum Verdunsten des Spiritus verreibt und dann das Zurückbleibende mit Wasser verdünnt. Stark alkoholische Farblösungen, z.B. die Anilinliqueure des Handels (für Färber), sind zum Coloriren ganz unbrauchbar, weil sie mit Wasser verdünnt unlösliche Farbstoffe abscheiden.

Es kommen Albuminpapiere vor, bei welchen die Qualität des Rohmaterials so schlecht ist, daß schon durch die verschiedenen Operationen und Bäder, welche die Papierbilder in der Photographie durchzumachen haben, die Papierleimung fortgeht und die Fasern der Papiermasse isolirt hervorstehen, wodurch schon bei genauer Betrachtung mit dem bloßen Auge die Bildoberfläche rauh erscheint und wodurch natürlich am ehesten das vorhin erwähnte unreine Aussehen beim Malen zum Vorschein kommt. Zu bemerken ist noch, daß das Albumin auf dem Papiere, je nach der Dicke der Albuminschicht, eine bestimmte Quantität Farbe zu binden im Stande ist, daß daher jeder Ueberschuß sämmtlicher Farben mit dem Pinsel durch Abwaschen sich entfernen lassen wird. Dieses Fixiren der Farben innerhalb der Albuminschicht, welches in der bisher üblichen Technik der Aquarellmalerei für die meisten Fälle als Uebelstand angesehen wird, der sich beim Malen mit Anilinfarben nur durch wiederholtes allmähliches Verstärken und Uebergehen mit ganz verdünnter Farbe compensiren läßt, hat aber anderseits seine großen Vorzüge, wie sie von Aquarellfarben sonst nicht geboten werden. Es läßt sich dadurch auf Photographien die Monotonie des photographischen Tones wirksam bekämpfen, den verschiedenen zu colorirenden Gegenständen auf einem Bilde ein verschiedener Grundton geben, auf welchem die photographische Zeichnung wie in indifferenten Tuschtönen ausgeführt erscheint; auf solchem Grundtone kann man mit anderen entsprechenden Farben weiter arbeiten, ohne befürchten zu müssen, ihn durch Fortwaschen zu verletzen, wodurch sich die in verschiedenem Grundtone angelegten Gegenstände wirkungsreich von einander abheben und sich ganz neue Effecte erzielen lassen.

Ich fertige gegenwärtig folgende 12 selbstständige Farben (nicht Mischfarben) an: Roth I. (carminroth), Roth II. (bräunlichroth), Roth III. (scharlachroth), Blau I. (rothstichig), Blau II. (grünstichig), Lichtbraun I. (der Terra di Siena entsprechend), Lichtbraun II. (rothbraun), Gelb, Orange, Grün, Violett I. (rothviolett) und Neutralbraun. Nicht mehr durch Waschen vom Albuminpapiere zu entfernen sind: Roth I., Violet I., Gelb, Lichtbraun I. und Orange, dagegen sind Blau I., II., Roth III., Grün, Neutralbraun ganz oder zum größten Theil, die übrigen zum kleinern Theil abwaschbar.

Der Ton der Photographie ist, namentlich wenn er auffallend rothbraun oder blau ist, bei manchen Farben von Einfluß auf die schließliche Nüance der aufgetragenen Farbe; zu dunkel copirte Photographien sind überhaupt zum Coloriren ungeeignet.

Zur Verwendung des Glycerins sey noch bemerkt, daß es nicht nur als Haftmittel, sondern sehr zweckmäßig auch dazu dienen kann, das Trocknen der Farben zu verlangsamen, wenn es diesen auf der Palette in geringer Menge zugesetzt wird.

Zum Schluß noch die Bemerkung, daß selbstverständlich jedes colorirte Bild einen um so schöneren Gesammteindruck machen und das Malen mit Anilinfarben um so leichter und rascher von der Hand gehen wird, je vortrefflicher die Photographie als solche ist. Auf einer schlechten Photographie werden die Farben, weil sie eben Lasurfarben sind, welche die Mängel des Bildes nicht verdecken können, diese Mängel noch um so mehr hervortreten lassen. Auf einer guten Photographie würden dagegen auch |407| die im Malen Ungeübteren und Dilettanten, weil die Photographie Zeichnung und Schattirung hergibt, mit viel leichterer Mühe ein dem Auge gefälliges fertiges Bild herzustellen im Stande seyn.92) (Deutsche Industriezeitung, 1864, Nr. 49.)

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Den Alleinverkauf der Anilinfarben des Hrn. Dr. Jacobsen (welche in Berlin von den größeren Fabricanten und Händlern, z.B. Beyrich, Sehring und Brandt u.a.m. à Satz zu 3 Thlr. verkauft werden und in Oesterreich (Wien, Moll), Belgien, England und Rußland bereits bedeutenden Absatz finden) hat für Sachsen Hr. Hugershoff in Leipzig übernommen. Die Preise betragen:

Roth, Blau, ViolettproDutzendFlaschen(à 1 Loth Inhalt).1 Thlr.
Schwarz „ „ „4/5 „
Blau pro Pfund2 „
Roth, Violett pro Pfund1 4/5 „
Schwarz pro Pfund1 2/5 „
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