Titel: Neues Verfahren beim Kochen der Seide.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 176/Miszelle 6 (S. 324)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj176/mi176mi04_6

Neues Verfahren beim Kochen der Seide.

Zum Kochen der Seide verwendet man in ganz Europa seit langer Zeit eine Seifenlösung; die beiden Hauptbestandtheile der Seife, das caustische Alkali und die Fettsäuren, spielen dabei jedes eine besondere Rolle; ersteres soll hauptsächlich die „Gummisubstanz“ beseitigen, letztere sollen die chemische Wirkung des Alkalis zum Theil neutralisiren und die Seidenfasern gegen dessen zerstörende Wirkung schützen, deren Glanz und die Geschmeidigkeit bewahren, endlich zum Bleichen dadurch beitragen, daß sie die stets gefärbte harzige Substanz der Seide entfernen. Die caustischen und kohlensauren Alkalien verändern jedoch stets die Seide, nehmen ihr den Glanz, vermindern ihre Geschmeidigkeit und Zähigkeit, und machen die Faser trocken und hart im Griffe. Um das Kochen der Seide möglichst billig zu bewirken, wenden nun Gillet und Tabourin in Lyon eine alkalische Lösung an, die den Seifen ähnlich, aber billiger ist, das krystallisirte kohlensaure Natron und den Pflanzenschleim, am besten den des Leinsamens, weil er der reinste, billigste und in großen Quantitäten zu beschaffen ist. Die Verhältnisse sind am passendsten: kohlensaures Natron 15–20 Proc. vom Gewichte der Seide, Leinsamen 500–600 Grm. per Hektoliter Wasser. Wendet man mehr Soda an, so ist man der Gefahr ausgesetzt, die Seide zu verändern; wendet man zu viel Schleim an, so wird das Bad zu dick und zu klebrig, und das Abkochen unvollständig und unregelmäßig, weil die Soda nicht stark genug auf die Seide wirken kann; wendet man endlich zu wenig Schleim an, so wird das Bad zu mager, das Alkali verändert die Seide, gibt ihr ein mattes Ansehen und einen harten Griff. Die Anwendungsweise des Leinsamens ist sehr einfach; man läßt ihn mit hinreichendem Wasser etwa 1/2 Stunde lang in einem kleinen Kessel kochen, filtrirt und bringt den Schleim mit der nöthigen Menge Wasser und Soda in den Kessel, in welchem man die Seide kochen will. Ist bei der Operation nicht aller Schleim gewonnen worden, so kocht man den Samen noch ein oder mehrere Male. Der Rückstand wird mit kaltem Wasser ausgewaschen, gepreßt und getrocknet, und kann wie frischer Leinsamen zur Gewinnung des Oels angewendet werden. Für die weißen und hellen Farben behandelt man den Leinsamen zuerst nur mit Aufgießen von Wasser, um einen reineren und ganz farblosen Schleim zu erhalten; den Rückstand erschöpft man dann durch Auskochen. (Durch deutsche Industrie-Zeitung.)

Ehe wir genauere Berichte haben, hegen wir bescheidene Zweifel, obschon Hr. Gillet einen guten Namen unter den Seidenfärbern Lyon's hat. Dr. Bolley. (Schweizerische polytechnische Zeitschrift, 1864, Bd. IX S. 168.)

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