Titel: Peligot, über die organischen Stoffe im Wasser.
Autor: Peligot, Eugène
Fundstelle: 1865, Band 178, Nr. CXII. (S. 400–409)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/ar178112

CXII. Untersuchungen über die organischen Stoffe im Wasser, von Eugen Peligot.

Die Redaction der Annales du Conservatoire des arts et métieis , welcher Zeitschrift diese Arbeit entnommen ist, bemerkt dazu (t. V. p. 60):

Eine wichtige Frage der öffentlichen Gesundheitspflege, die der Zusammensetzung der Trinkwasser, hat seit einigen Jahren lebhaft die Aufmerksamkeit der Regierungen erregt; in England, Belgien und Frankreich hat sie den Scharfsinn der ausgezeichnetsten Chemiker geübt. Die Administration von Paris, genöthigt für das Bedürfniß der rasch anwachsenden Bevölkerung zu sorgen, hat zahlreiche Untersuchungen über das Wasser der Seine und der benachbarten Flüsse und Quellen veranlaßt. Die Untersuchung der Wasser hat dadurch einen großen und heilsamen Anstoß erhalten. Die Zusammensetzung des Seinewassers oberhalb und unterhalb Paris, die Veränderungen, welche es in der Stadt und den Vorstädten erleidet und die Einwirkung, welche dadurch auf die Heilsamkeit des Trinkwassers hervorgebracht wird, welches die an verschiedenen Punkten des Flusses angelegten Maschinen der Bevölkerung liefern, sind untersucht worden. Diese bedeutende Arbeit ist von Hrn. Boudet 105) ausgeführt worden. Gleichzeitig hat Hr. Peligot eine Arbeit über die organischen Stoffe im Wasser geliefert und ihre Natur zu erforschen gesucht. Dumas äußert über diese beiden Arbeiten, daß es ihn |401| freue, dadurch die vier Grundsätze bestätigt zu sehen, welche ihn als Präsident der Municipal-Commission der Seine geleitet hätten:

1) Ausschließen wo möglich des unterhalb Paris geschöpften Wassers;

2) Vorziehen des Wassers oberhalb;

3) Ueberzeugung, daß die organischen in's Wasser gelangenden Materien sehr langsam zerstört werden;

4) Trennung, sobald nur möglich, des Trinkwassers von dem zum Spülen der Gossen und Canäle bestimmten.

––––––––––

Den Ausgangspunkt meiner Untersuchungen, sagt Peligot, bildete die Beobachtung, daß das Wasser der Seine und des Canals de l'Ourcq mit neutralem salpetersaurem Silberoxyd einen viel reichlicheren Niederschlag geben, als wenn man vorher etwas Salpetersäure zusetzt. Im letzteren Falle erfolgt nur ein sehr geringer von Chlorsilber, mit neutraler Silberlösung betrug er 0,3 Gramme per Liter, und enthielt noch viel kohlensaures Silberoxyd, gebildet durch den Gehalt des Wassers an kohlensaurem Kalk. Der Niederschlag, in einer Glasröhre erhitzt, schwärzte sich, gab am Geruch und Wirkung auf geröthetes Lackmuspapier erkennbares Ammoniak und enthielt darnach eine kleine Menge einer organischen stickstoffhaltigen Materie.

Noch deutlichere Anzeigen gab salpetersaures Bleioxyd statt des Silbersalzes, obgleich der Niederschlag, welchen es hervorbringt, eine complicirtere Zusammensetzung hat. Erhitzt schwärzt er sich und gibt empyreumatische Producte, die wie verbrannte Wolle riechen, und ammoniakalische Dämpfe.

Die meisten Metallsalze verhalten sich ebenso. Das schwefelsaure Kupferoxyd, schwefelsaure Eisenoxydul, Eisenchlorür und besonders das Eisenchlorid, dem Wasser in passender Menge zugesetzt, bringen darin wolkige Niederschläge hervor, welche sich mehr oder weniger rasch zu Boden setzen. Der Niederschlag mit Eisenchlorid setzt sich in wenigen Minuten als ockerfarbige Flocken ab, der mit schwefelsaurem Kupferoxyd erfordert 12–15 Stunden Ruhe.

Diese Niederschläge sind Mischungen von kohlensauren und verschiedenen anderen Salzen, und Verbindungen von Oxyden mit organischen Materien. Der kohlensaure Kalk, welcher durch Hülfe von Kohlensäure im Wasser gelöst ist, wirkt wie ein kohlensaures Alkali. Die Beschaffenheit des Niederschlages wechselt mit der verhältnißmäßigen Menge des zugesetzten Salzes. Mit dem schwefelsauren Kupferoxyd z.B. erhält man basisch-schwefelsaures Kupferoxyd, wenn der kohlensaure Kalk im Wasser nicht im Ueberschuß gegen das zugesetzte Reagens geblieben ist. Im entgegengesetzten Falle besteht der Niederschlag hauptsächlich aus basisch-kohlensaurem Kupferoxyd. Mit den Eisensalzen besteht er wesentlich aus Eisenoxydhydrat und mit organischen Stoffen verbundenem Eisenoxyd. Das Eisenchlorid wirkt schnell und energisch auf mehrere der organischen in den Wassern gelösten Materien. Es ist ein sehr wirksames Desinfectionsmittel, welches sumpfige und faulige Wasser augenblicklich ihres charakteristischen Geruches beraubt.

Es ist wesentlich, dem Wasser das Metallsalz in gerade für den Kalkgehalt passender Menge zuzusetzen. Setzt man zu viel zu, so findet keine Wirkung statt, und das Wasser bleibt ganz klar. Es ist daher rathsam, die Zusammensetzung des Wassers vorher durch einen einfachen hydrotimetrischen106) Versuch zu bestimmen.

|402|

Meine Versuche über das Wasser der Seine und des Ourcq oder das Gemenge beider, welches die Stadt ihren Abonnenten liefert, sind vom Februar 1863 bis zum März desselben Jahres angestellt. Ihr hydrotimetrischer Titer schwankt zwischen 20 und 30 Graden, und sie enthalten folglich 0,2–0,3 Grm. Mineralsubstanzen. Der kohlensaure Kalk macht, wie man weiß, den größten Theil, ungefähr drei Viertel des Rückstandes aus, welchen sie beim Abdampfen hinterlassen.

Ich wende mich zuerst zu den Versuchen mit Eisenchlorid. Um eine beträchtliche Menge des ockerigen Niederschlags zu erhalten, gebrauchte ich eine große Flasche von 25 Liter Inhalt, welche einige Centimeter über dem Boden mit einem Hahn versehen war. Eine titrirte Lösung von sublimirtem Eisenchlorid, z.B. von 20 Grammen per Liter, oder einem halben, ward dann in hinreichender Menge zugesetzt. Der Niederschlag setzt sich bald unterhalb des Hahnes zu Boden, worauf man das klare Wasser ablaufen läßt und durch frisches mit abermaligem Zusatz von Eisenchlorid ersetzt. Indem man diese Operation 4 mal ausführt, sammelt man bald im unteren Theile des Gefäßes den Absatz von 100 Liter Wasser.

Die Menge des zuzusetzenden Reagens muß der der Mineralbestandtheile im Wasser etwa gleich seyn. Wendet man weniger an, so enthält der Niederschlag kohlensauren Kalk, welchen man übrigens durch sehr verdünnte Salzsäure aus dem getrockneten und gepulverten Absatz ausziehen kann. – Man setzt so viel Eisenchlorid dem Wasser zu, daß Blutlaugensalz einen geringen Ueberschuß in der klaren Flüssigkeit anzeigt.

Wenn das Eisenchlorid schwach mit Salzsäure angesäuert wird, enthält der ockerige Niederschlag kein Kalksalz.

Um den Absatz reicher an organischer Materie zu erhalten, kann man, wenn er sich am Boden gesammelt hat, so viel Salzsäure zusetzen, daß sich nicht Alles löst; das Eisenoxydhydrat löst sich leichter auf, als die Verbindung des Oxyds mit der organischen Materie. Man bildet so die Auflösung des Eisens auf's Neue, die zur Fällung einer neuen Wassermenge dient. Indem ich diese Operation sehr oft wiederholte, erhielt ich ockerige Absätze, welche bis zu 1,5 Proc. Stickstoff enthielten, was ungefähr 40 Proc. organischer Materie entspricht.

Das Gewicht des trockenen ockerigen Niederschlages, direct erhalten, schwankt zwischen 0,094 bis 0,131 Gramme per Liter Wasser.

Die Analyse desselben ward nach den gewöhnlichen Methoden angestellt, das Eisenoxyd durch Glühen, Kohlenstoff und Wasserstoff durch Kupferoxyd, der Stickstoff durch Natronkalk und sehr verdünnte Schwefelsäure bestimmt. Eine dieser Analysen gab folgende Resultate:

0,500 Grm. ockerigen, von Kalk befreiten Absatzes, bei 120° C. getrocknet, liefern 0,419 Eisenoxyd durch Glühen – 83,8 Proc.;

2,0 Grm. durch Verbrennung mit Kupferoxyd 0,253 Wasser und 0,216 Kohlensäure;

2,0 mit Natronkalk erhitzt zur Stickstoffbestimmung

|403|
10 Kub. Cent, titrirter Schwefelsäure vorher = 24,5
10 „ „ nachher = 22,5
–––––––
2,0
(10 Kub. Cent, dieser titrirten Säure waren gleich 0,0875 Stickstoff).

Da die größte Menge des Eisenoxyds sich in diesem Absatz als Hydrat Fe²O³, 3HO befand, ist es nicht möglich, aus diesen Zahlen die Zusammensetzung der darin enthaltenen organischen Materie zu berechnen, da es kein Mittel gibt, das Hydratwasser des Eisenoxyds von dem zu unterscheiden, welches durch die Verbrennung der organischen Materie mit Kupferoxyd erzeugt ist. Wenn man indessen annimmt, was sehr wahrscheinlich ist, daß diese Materie dieselbe ist, welche ich, wie in der Folge angeführt werden wird, in Verbindung mit Bleioxyd analysirt habe, so kann man die Zusammensetzung des ockerigen Absatzes annähernd berechnen. Das Verhältniß zwischen Kohlenstoff und Wasserstoff in der Bleiverbindung macht es möglich, die Menge des Wasserstoffs zu berechnen, welche in der organischen mit dem Eisenoxyd verbundenen Materie enthalten ist. Indem man diese Menge, als Wasser berechnet, von der ganzen Quantität Wasser, welche die Verbrennung mit Kupferoxyd geliefert hat, abzieht, gibt der Rest das dem Eisenoxydhydrat zugehörige und dadurch die Menge des letzteren. Das überschüssige Eisenoxyd ist dann mit der organischen Materie verbunden. Die anderen Zahlen ergeben sich direct aus der Analyse. Auf diese Weise ist die folgende Zusammensetzung des ockerigen Absatzes ausgemittelt worden:

Eisenoxydhydrat 77,5
stickstoffhaltige organische Materie 4,8
Eisenoxyd damit verbunden 17,7
–––––
100,0.

Diese Zahlen sind nur approximativ, aber sie reichen hin, da es sich nur um Gemenge handelt, die nach Beschaffenheit des Wassers verschieden sind.

Die organische Materie, wovon ich hernach die elementare Zusammensetzung angeben werde, gehört zu der Classe der zahlreichen, noch schlecht definirten Stoffe, welchen man den Namen der Humuskörper gegeben hat. Es ist also eine Materie von brauner Farbe. Behandelt man den ockerigen Absatz, welcher davon gegen 5 Procent enthält, mit caustischem Kali, so erhält man eine braune, eisenfreie Lösung, eine Verbindung des organischen Stoffes mit Kali. Im isolirten Zustande enthält er 3 bis 3,5 Proc. Stickstoff.

Die Wasser der Seine und des Canals von Ourcq innerhalb Paris enthalten also einen braunen organischen Stoff in Lösung, aber in so geringer Menge, daß er sie nicht färbt. Ein Liter Wasser enthält nur einige Milligramme desselben.

Diese Materie ist gewiß nicht die einzige organischen Ursprungs in diesen Wassern; es sind sehr wahrscheinlich noch andere darin, welche abzuscheiden später gelingen wird.

So gering nun auch die Menge derselben ist, scheint mir doch die Gegenwart einer braunen Stickstoff haltenden Materie in den öffentlichen Trinkwassern, die man im Allgemeinen für von guter Beschaffenheit erachtet, ein wirkliches Interesse zu besitzen. Für das Wasser wie für die Luft gibt es keine Kleinigkeiten. Weit entfernt, die Stoffe nicht zu berücksichtigen, welche sich nur in geringer Menge darin finden, muß man sich gerade mit ihrer Aufsuchung und Untersuchung in der Folge beschäftigen.

Diese braune organische Materie scheint in den Wassern, zum Theil wenigstens, in Verbindung mit Eisenoxyd zu seyn, wovon sie eine sehr kleine Menge enthalten. Ihre Verwandtschaft zu diesem Oxyde ist sehr groß und ihre Trennung davon sehr |404| schwierig. Löst man z.B. den ockerigen Niederschlag in einer Säure auf und versucht durch ein Alkali Eisenoxydhydrat zu fällen, so ist die Trennung in der Kälte sehr unvollständig, das Eisenoxydhydrat reißt den größten Theil der organischen Materie mit zu Boden. Bei Anwendung von Wärme läuft man Gefahr, sie zu zersetzen, da sich ein Theil des Stickstoffes als Ammoniak verflüchtigt. Mit Schwefelammonium gelingt es nicht viel besser, der schwarze Niederschlag hält die größte Menge der organischen Materie zurück. Diese Verwandtschaft für das Eisenoxyd ist so groß, daß selbst dann, wenn man sie durch ein anderes Metallsalz, z.B. salpetersaures Bleioxyd oder schwefelsaures Kupferoxyd, abscheidet, der Niederschlag eisenhaltig ist. Ich bin geneigt zu glauben, daß die kleine Menge Eisen im Wasser der Seine und des Ourcq sich darin in Verbindung mit dieser organischen Materie befindet. Setzt man in der That diesen Wassern caustisches Natron oder Kalkhydrat in genau abgepaßter Menge zu, um die Kohlensäure zu sättigen, welche den kohlensauren Kalk aufgelöst enthält, so fällt dieser nieder und nimmt Eisenoxyd und organische Materie mit sich. Wird der Niederschlag mit unzureichender Menge Salzsäure behandelt, um Eisenoxyd in dem nicht aufgelösten Theile des kohlensauren Kalks zu concentriren, so enthält er 10 bis 20 Proc. Eisenoxyd, verbunden mit organischer Materie, welche bei der Calcination merkliche Mengen von Ammoniak und empyreumatischen Producten gibt. – Auf diese Weise kann man also aus dem Seinewasser die größte Menge der organischen Materie abscheiden, da der in Kohlensäure gelöste kohlensaure Kalk drei Viertel des Abdampfungsrückstandes dieses Wassers ausmacht. Folgender Versuch zeigt, wie wirksam dieses Reinigungsmittel ist. Zu 75 Litern Wasser wurde so viel caustische Natronlauge107) gesetzt, um die Kohlensäure zu neutralisiren. Der Kalkabsatz, welcher sich am folgenden Tage abgesetzt hatte, wog 13,225 Grm., betrug also 0,176 Grm. per Liter. Während das Wasser vor dem Versuch 20 Grade am Hydrotimeter zeigte, waren nach demselben nur noch 3 vorhanden. Der Niederschlag enthält 2 Proc. Eisenoxyd.

Setzt man dem so gereinigten Wasser Eisenchlorid mit ein wenig Salzsäure zu, so besteht der Niederschlag aus basischem Eisenchlorid, gibt aber, mit caustischem Kali erhitzt, kaum alkalisch reagirende Dämpfe; es befindet sich fast alle organische Materie in dem durch Natronlauge hervorgebrachten Kalkniederschlag. Ich habe gefunden, daß sich diese organische Materie auch in den Absätzen dieser Wasser in Dampfkesseln wiederfindet.

Das salpetersaure Bleioxyd, anstatt des Eisenchlorids angewendet, erlaubt, die organische Materie in einem Zustande zu fällen, welcher ihre Untersuchung leicht macht. Durch Hülfe ihrer Verbindung mit Bleioxyd habe ich die elementare Zusammensetzung bestimmen können. Der Niederschlag ist von einer complicirten Beschaffenheit. Setzt man dem Seinewasser 0,2 bis 0,4 Grm. salpetersaures Bleioxyd per Liter zu, so wiegt der Absatz 0,4 bis 0,5. Ich verschaffte mir eine größere Menge davon, indem ich, wie oben beim Eisenchlorid angegeben, verfuhr. Ich wandte 10 Flaschen von 10 bis 12 Liter Inhalt an, ließ den Niederschlag absetzen, zog das klare Wasser mit einem Heber ab, füllte von Neuem u.s.w.

Außer kohlensaurem Bleioxyd in großer Menge war darin schwefelsaures und basisch-schwefelsaures Bleioxyd, und eine Verbindung von Bleioxyd mit organischer |405| Materie. Er schwärzt sich beim Erhitzen und gibt sehr deutliche ammoniakalische Dämpfe, obgleich er kaum ein Zehntausendtel Stickstoff enthält. Ich fand ihn zusammengesetzt aus:

kohlensaurem Bleioxyd 79,6
schwefelsaurem Bleioxyd 13,2
basich-salpetersaurem Bleioxyd 0,6
stickstoffhaltiger organischer Materie 2,1
damit verbundenem Bleioxyd 4,5
–––––
100,0.

Die Analyse geschah, indem ein bestimmtes Gewicht mit kochendem Wasser behandelt ward, wodurch das basisch-salpetersaure Bleioxyd gelöst wurde. Dann ward Salpetersäure angewendet, wo nur das schwefelsaure Bleioxyd ungelöst blieb. Aus der Auflösung ward das Blei als schwefelsaures Bleioxyd gefällt und daraus ergab sich das an Kohlensäure und an organische Materie gebundene Bleioxyd.

Endlich bestimmt man in einer neuen Portion die Menge der Kohlensäure durch einen der dazu gebräuchlichen Apparate. Daraus berechnet sich die Menge des kohlensauren Bleioxyds und folglich die des mit der organischen Materie verbundenen Bleioxyds. Da die Menge der organischen Materie nur aus der Differenz abgeleitet wird, kann ihre Bestimmung nur als approximativ betrachtet werden. – Aber es ist leicht, die organische Materie, wenn auch nicht gänzlich zu isoliren, doch wenigstens von dem größten Theil der begleitenden Verbindungen zu trennen.

Man löst den Bleiniederschlag in sehr verdünnter Salpetersäure in geringem Ueberschuß und filtrirt die Lösung vom schwefelsauren Bleioxyd ab. Man setzt nun eine passende Menge Kalkmilch zu, wodurch die Verbindung der organischen Materie mit Bleioxyd und eine Menge basisch-salpetersaures Bleioxyd gefällt wird, welches letztere sich durch sorgfältiges Auskochen mit Wasser ausziehen läßt. Es bleibt dann nur die Verbindung der organischen Materie mit Bleioxyd als ein gelbliches Pulver zurück, welches zuerst über Kalk und dann bei 110° C. getrocknet wird. Es enthielt 65,7 Bleioxyd und 34,4 organische Materie. Diese gab die folgende Zusammensetzung:

Kohlenstoff 53,1
Wasserstoff 2,7
Stickstoff 2,4
Sauerstoff 41,8
–––––
100,0.

Eine andere Probe nach einem verschiedenen Verfahren dargestellt gab 3,0 Proc. Stickstoff.

Diese Zahlen reichen hin, nicht um die Formel dieser Substanz festzustellen, denn ich bin weit entfernt, sie für eine chemische Species zu halten, aber um zu zeigen, zu welcher Classe von Körpern sie zu rechnen ist. Ihre Eigenschaften und ihr Ursprung weisen ihr eine sehr nahe Verwandtschaft zu der von Berzelius in Mineralquellen, namentlich in der von Porla, entdeckten Quellsäure und Quellsatzsäure an. Das Wasser von Porla, obgleich sehr reichlich quellend, enthält so viel davon, daß es gelb aussieht. In Berührung mit der Luft setzt es nach dem berühmten schwedischen Chemiker einen braunen Ocker ab, welcher basisch-quellsaures und quellsatzsaures Eisenoxyd enthält. Berzelius schreibt vor, diesen Absatz mit Kalilauge zu kochen, man erhält einen braunen Auszug, welcher mit Essigsäure gesättigt und mit essigsaurem Kupferoxyd gefällt wird. Der Niederschlag ist quellsatzsaures Kupferoxyd, welches man abfiltrirt, und aus dem Filtrat kann man dann, nachdem man es mit einem geringen Ueberschuß |406| von kohlensaurem Ammoniak versetzt hat, die Quellsäure durch dasselbe Reagens niederschlagen.

Bei meinen Versuchen habe ich dieses Verfahren nicht zu befolgen gewagt, ich habe sorgfältig die Anwendung vegetabilischer Säuren und des Ammoniaks vermieden, da es sich darum handelt, eine in geringer Menge vorhandene und an Stickstoff arme organische Substanz zu isoliren.

Diese beiden Säuren entstehen nach Berzelius aus der Zersetzung vegetabilischer Substanzen. In seinem Jahresberichte über die Fortschritte der Chemie in 1844 an die Akademie der Wissenschaften in Stockholm stellt er sie mit den von Mulder und Hermann aus der Ackererde erhaltenen Substanzen zusammen. Mulder fand in seiner Quellsatzsäure:

Kohlenstoff 51,8
Wasserstoff 3,7
Stickstoff 3,3
Sauerstoff 41,2
–––––
100,0.

Sie war aus 3 Proben holländischer Ackererde erhalten.

Diese Zahlen, welche nicht viel von den meinigen abweichen, reichen hin, um die Analogie und wahrscheinlich die Identität dieses Productes mit dem von mir aus den Wassern abgeschiedenen darzuthun. Die Verbindung von brauner organischer Materie, Eisenoxyd und Thonerde, welche Chevreul 1824 in dem Erdboden der Höhle von Kuyloch gefunden hat, mehrere der zahlreichen Substanzen, welche er aus den krankhaften Ausschwitzungen von Bäumen ausgezogen, endlich die braunen Producte, welche Paul Thenard aus Mistjauche und Ackererde abgeschieden hat, gehören derselben Familie an. – Diese Substanzen entstehen sämmtlich durch die Zersetzung gewisser organischer Stoffe, welche, bevor sie jene definitive Verbrennung erleiden, welche sie der Circulation in der Gestalt von Kohlensäure, Wasser und Ammoniak zurückgibt, sich in braune Stoffe verwandeln, welche sehr geneigt sind, sich mit gewissen Oxyden zu verbinden und noch eine verhältnißmäßig sehr große Beständigkeit besitzen. Diese Producte, welche das Regenwasser mit mineralischen Bestandtheilen aus dem Boden auszieht, finden sich aufgelöst in einigen Mineralquellen und selbst in Flüssen. Von ihnen rührt ohne Zweifel die Farbe des Moorwassers und der Wasser in den Heiden (landes) von Bordeaux her.

Es war interessant, in anderen für gut geltenden Trinkwassern die organische Materie der Seine und des Ourcqcanals aufzusuchen. Ich benutzte einen Aufenthalt in Havre im September, um das Wasser, welches die Administration der Stadt den Einwohnern liefert, und von dessen vortrefflicher Beschaffenheit ich mich überzeugte, einigen Versuchen zu unterwerfen. Die Wasser, welche ich untersuchte, stammten her von dem Kreide-Terrain an der Mündung der Seine, von den Quellen des Flusses von Gournay und von Saint-Laurent. Sie sind frisch, klar und von vortrefflichem Geschmack. Die Administration vertheilt sie mit seltener Liberalität, denn zahlreiche Springbrunnen laufen Tag und Nacht.

Der ockerige Niederschlag aus 10 Litern dieses Wassers mit Eisenchlorid bestand nur aus basischem Eisenchlorid, und gab mit Kali erhitzt keine ammoniakalischen Dämpfe; auch die Verbrennung mit Natronkalk zeigt die gänzliche Abwesenheit stickstoffhaltiger Materien. Dieses Wasser scheint also ganz frei von allen organischen Stoffen zu seyn, trotzdem enthält es Mineralbestandtheile in verhältnißmäßig beträchtlicher |407| Menge. Es zeigt am Hydrotimeter 55 bis 40 Grad. Ein Liter läßt beim Abdampfen zur Trockne 0,560 Grm. Rückstand, bestehend aus:

kohlensaurem Kalk 64,1
schwefelsaurem Kalk 12,7
Kochsalz 15,2
andere Salze, nicht bestimmt 8,0
–––––
100,0.

Dieses Wasser, vortrefflich zu trinken, besser als irgend eines, welches man in Paris verbraucht, taugt aber nicht zum Waschen mit Seife. Die Häuser in Havre sind aber fast alle mit gutconstruirten Cisternen für Regenwasser versehen, was ja zu diesem Zwecke am besten taugt.

Es mag mir hier erlaubt seyn zu bemerken, daß man das hydrotimetrische Verfahren etwas mißbräuchlich als Mittel anwendet, die Qualität des Wassers zu bestimmen. Handelt es sich darum zu wissen, ob ein Wasser mehr oder weniger zum Waschen mit Seife, zur Speisung von Dampfkesseln, zur Färberei taugt, so reicht ohne Zweifel die Anwendung einer titrirten Auflösung von Seife hin, um nützliche Aufklärung zu geben, und ich bin weit entfernt, die Dienste zu verkennen, welche dieses so einfache und leicht auszuführende Verfahren leistet, wenn die Resultate, welche es gibt, richtig gedeutet werden. Aber von meinem Standpunkte ist das die weniger bedeutende Seite der Frage; außer diesen speciellen Fällen kann ein Trinkwasser bei weitem vorzüglicher als ein anderes in seinen wesentlichen Eigenschaften seyn, besonders als Getränk, obgleich es einen viel höheren hydrotimetrischen Grad zeigt. So ist das Wasser von Saint-Laurent, obgleich es 40 Grade zeigt, viel vorzüglicher als das Seinewasser mit nur 18 bis 20. Diese Wasser kommen jedoch beide aus Kalkboden, beide enthalten dieselben mineralischen Bestandtheile; aber das beste ist meiner Meinung das daran reichste, weil es keine organischen Bestandtheile enthält. Ich möchte noch weiter gehen und annehmen, daß in gewissen Fällen die hydrotimetrische Grädigkeit eines Wassers in umgekehrtem Verhältniß seiner Qualität steht.

Ich habe über diesen Gegenstand einige Versuche mit dem Wasser der Seine gemacht. An demselben Tage, den 4. April, wurden Wasserproben mitten im Strome, die eine zu Bercy, eine andere im großen Arm der Seine hinter dem Pont neuf, und eine dritte hinter dem Pont de la Concorde geschöpft.

Das Wasser von Bercy zeigte 21,5 hydrotim. Grade,
aus dem großen Arm 20,8
hinter dem Pont de la Concorde 20,8

Trotzdem war das Wasser von Bercy augenfällig besser als das, was die Stadt durchflossen hatte.

Jedermann kann, besonders im Sommer, das verschiedene Aussehen wahrnehmen, welches das Wasser der Seine im großen Arm hinter dem Pont neuf und das im kleinen Arm darbietet, wo sich die Schleuse der Münze befindet. Das Wasser, durch die Stauung aufgehalten, ist hier immer viel trüber und zeigt oft einen so deutlichen Zustand von Verderbniß, daß die Bootführer, welche sich auf diesem Theile des Flusses aushalten, ihr Trinkwasser anderswoher holen. – Zwei zu derselben Zeit genommene Proben zeigten:

aus dem großen Arm 21,6 Grad,
„ „ kleinen Arm 20,1

Also war auch unter diesen besondern Umständen das beste Wasser dasjenige, welches die größte Menge von mineralischen Bestandtheilen enthielt. – Dieses Resultat hat |408| nichts was überraschen kann und sich nicht leicht erklären läßt. Auf seinem Wege durch die Stadt erhält das Wasser organische Materien von sehr verschiedener Beschaffenheit und Ursprung, ammoniakalische Verbindungen, Haushaltungs- und Seifenwasser, welche Kalk daraus abscheiden und an dessen Stelle treten. Deßhalb und auch wegen des Verlustes an Kohlensäure und der Ausscheidung von kohlensaurem Kalk, welche die Folge davon ist, läßt das Wasser der Seine im Sommer bei sehr niedrigem Stande einen geringeren Rückstand beim Abdampfen als im Winter. Trotzdem riecht das Wasser während der heißen Jahreszeit oft sehr übel, besonders beim Austritt aus der Stadt; bei Grenelle, Bas-Meudon, Sevres ist es oft unmöglich, davon ohne sehr gegründeten Ekel zu trinken. Um diese Meinung auf die Spitze zu stellen, habe ich mir die Frage vorgelegt, ob das Wasser, welches beim Ausfluß der großen Sammelcloake, die bei Asnières ausmündet, sich in die Seine ergießt, nicht eine weniger hohe hydrotimetrische Stärke zeigen würde, als das Wasser oberhalb der Cloake. Dieses Wasser ist sehr verdorben und sehr schaumig. Hr. Felix Boudet, der sich, so wie auch Hr. Poggiale, mit den in den Wassern von Paris enthaltenen organischen Materien beschäftigt hat, fand durch Hülfe des von Boussingault 108) angegebenen Verfahrens 18 mal mehr Ammoniak im Seinewasser 300 Meter unterhalb der Cloake, als unter gewöhnlichen Bedingungen.

Am 12. Mai war das Wasser, welches ich an der Mündung dieser Cloake schöpfte, in voller Fäulniß und reagirte sehr deutlich alkalisch. Nach der Filtration gab es 0,867 Abdampfungsrückstand per Liter und doch zeigte es nur 53 Grad am Hydrotimeter. Dieß hängt davon ab, daß die organischen Materien wenig Einfluß auf das Hydrotimeter haben.

Das Wasser der Seine oberhalb der Cloake zeigte 22 Grad. Der Versuch hat daher meine Vermuthung nicht bestätigt; die Verschiedenheiten können nur dann auf eine nützliche Weise geschätzt werden, wenn man unter normalen Bedingungen operirt; sie können übrigens auch nur wenig beträchtlich seyn.

Die Beschaffenheit des Wassers aus der Cloake von Asnières, sein Geruch nach faulem Urin, haben mich indeß veranlaßt, es genauer zu untersuchen. Der Abdampfungsrückstand eines Liters dieses Wassers ward mit Alkohol ausgezogen und von dem Auszug der Alkohol abgedunstet. Der neue Rückstand ward in Wasser gelöst, und der Dialyse unterworfen, dem werthvollen Trennungsverfahren, womit Hr. Graham die analytische Chemie bereichert hat.109) Als ich das durch das Pergamentpapier hindurchgegangene Wasser abdampfte und den Rückstand mit Salpetersäure versetzte, erhielt ich Krystalle von salpetersaurem Harnstoff.

Seinewasser, etwa 100 Meter unterhalb der Cloake geschöpft, gab weniger, aber mit dem Mikroskop noch deutlich erkennbare Krystalle derselben Substanz.

Diese Resultate ließen sich voraussehen. Man findet im Wasser der Seine, was man hineinbringt. Es scheint mir, daß man sich übertriebene Vorstellungen von der Schnelligkeit macht, mit welcher die organischen Materien von dem im Wasser gelösten Sauerstoff zerstört werden. Die organischen Rückstände, welche vom Menschen selbst oder von seiner Industrie herstammen, zeigen eine gewisse Beständigkeit gerade deßhalb, |409| weil es Rückstände sind. Vauquelin hat schon vor 40 Jahren durch entscheidende Versuche bewiesen, daß die vollständige Zersetzung des Harnstoffs im Wasser viel langsamer ist als gewöhnlich angenommen wird.

Diese Untersuchung des Wassers von Asnières beweist, daß die Anwohner der von diesem verdorbenen Wasser bespülten Ufer sich nicht ohne Grund über die Weise beklagen, wie man die Centralisation in Rücksicht auf sie ausführt. Es ist sicherlich sehr zu wünschen, daß die Arbeiten an der Sammelcloake fortgesetzt werden und daß dem Ackerbaue bald diese Stoffe übergeben werden, welchem sie von großem Nutzen seyn werden, anstatt, daß sie jetzt den Ländereien, welche sie erhalten, eine Ursache von Ungesundheit und Verödung sind.

Ich komme nun, nach dieser Abschweifung, zu den praktischen Folgerungen aus dieser Arbeit. In dem Maaße, wie die Industrie eine größere Entwickelung erhält, wird das Wasser der Flüsse, welche durch die großen Mittelpunkte der Bevölkerung fließen, weniger rein, denn während die Menge des Wassers dieselbe bleibt, wächst die der hineingeschütteten Materien. Die Professoren der Chemie, welche, wie ich, seit langen Jahren und periodisch vergleichende Untersuchungen mit dem Wasser von Paris anstellen, haben sich überzeugen müssen, daß die Wasser der Seine und des Ourcq heute nicht mehr sind, wie vor 20 oder 30 Jahren. Die in Rücksicht auf öffentliche Gesundheitspflege beschwerlichsten Industrien sind sicherlich die, welche auf die Behandlung der von Thieren herstammenden Producte sich gründen; da sie nur da existiren können, wo eine große Menge Menschen sich zusammendrängen, kann man nicht daran denken, sie anderswohin zu verlegen; man muß sich daher darein ergeben, ihnen den Fluß zu opfern, in welchen man sie zwingt, auf dem kürzesten und sichersten Wege den Abfall ihrer Fabricationszweige zu schaffen.

Die Seine entgeht weniger als irgend ein anderer Fluß dieser unaufhörlichen Ursache von Verderbniß. Man ist daher der Municipal-Administration großen Dank schuldig, daß sie der öffentlichen Meinung vorangeschritten ist in Erkennung der baldigen Nothwendigkeit, der Stadt besseres Trinkwasser zu schaffen, und man muß die Anstrengungen loben, welche sie seit mehreren Jahren macht, um diese wichtige Verbesserung zu verwirklichen. Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins, 1865 S. 91.)

|400|

Diese Arbeit findet sich ebenfalls in den Annales du Conservatoire t. V p. 77. Sie hat aber ein zu locales Interesse. Die Arbeit von Peligot ist dagegen den Chemikern, die sich mit der Untersuchung von Trinkwassern beschäftigen wollen, sehr zu empfehlen. Str.

|401|

Hydrotimeter. d.h. Wasserkalkmesser. Es ist das die von Professor Clark in Aberdeen angegebene Probe mit einer weingeistigen Seifenlösung, welche dem Wasser |402| so lange zugesetzt wird, bis ein bleibender Schaum entsteht. Die Seifenlösung wird titrirt durch bestimmte Mengen von kohlensaurem Kalk, welchen man in Salzsäure löst und durch Abdampfen von überflüssiger Säure befreit. Peligot's Grade entsprechen 1 Centigramm kohlensaurem Kalk in 1 Liter Wasser oder 1/100,000 Talkerde und Gyps etc. wirken dabei wie kohlensaurer Kalk und werden als solcher gerechnet. (Das Clark'sche Verfahren ist beschrieben im polytechn. Journal Bd. CXXV S. 32, und Wilson's Modification desselben in Bd. CLXIII S. 370.

Str.

|404|

Clark reinigt das Wasser bekanntlich vom aufgelösten kohlensauren Kalk durch Kalkwasser oder Kalkmilch. Dadurch würde also nach Peligot auch die organische Materie entfernt. Siehe Bolley's technische Chemie, 1. Theil.

Str.

|408|

Siehe Mohr's Titrimethode.

|408|

Annalen der Chemie und Pharmacie, Bd. CXXI S. 1; polytechn. Journal Bd. CLXII S. 223. Ein mit Pergamentpapier bezogener Reif wird auf Wasser schwimmen gelassen und die zu untersuchende Flüssigkeit in denselben gegeben. Die krystallisirbaren Stoffe wandern hindurch, die unkrystallisirbaren nicht.

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