Titel: Die neuesten Fortschritte der Dioptrik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 1 (S. 73–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi01_1

Die neuesten Fortschritte der Dioptrik.

Von den Fortschritten der Dioptrik ist der Fortschritt der Naturwissenschaften bedingt. Ein Blick in die Geschichte der Astronomie, der Physiologie, zeigt, wie mit der Leistung des Instrumentes die Naturkenntniß wächst. Darum haben auch die größten Mathematiker, Euler, Lagrange, Bessel, Gauß u.a., sich vielfach mit der Verbesserung der Dioptrik beschäftigt. Dennoch bestehen bis zur Stunde keine Vorschriften, aus denen eine Linsencombination abgeleitet werden könnte, die ein richtiges Helles Bild erzeugt. Diesem Umstand ist es wohl zuzuschreiben, daß die neueren Optiker fast alle die Theorie als ungenügend im Erfolg verlassen haben. Man schlug den Weg des Versuchs ein, man combinirte besonders für Mikroskope eine größere Zahl von |74| Linsen, änderte ihre Abstände und Gestalten, immer geleitet vom Erfolg, bis dieser genügte, d.h. bis die gestellten Anforderungen ungefähr erfüllt waren. Wir erinnern nur an die Mikroskope von Oberhäuser, Plößl, Kellner, Amici, Roß u.a. Sie leisten entschieden mehr als die berechneten Fraunhofer'schen Doppelobjective. Man darf aber nicht vergessen daß dabei auch mehr Hülfsmittel, mehr Linsen in Anspruch genommen sind, und daß sie hauptsächlich durch die kleinen Dimensionen wirken, weil damit auch die Fehler, die einen Theil der Brennweite betragen, verkleinert werden, und selbst unter die Größe einer Lichtwelle kommen können, also nur noch wenig Einfluß üben. Doch führt dieser Weg auf andere Unzukömmlichkeiten: die große Nähe des Objectes an dem Objective, den Mangel an scharfen Bildern und an Tiefe des Bildes, und die ungleiche Leistung jedes einzelnen Instrumentes. Diese Uebelstände sind durch Versuche nicht zu entfernen. Sie sind es bloß durch wirkliche Verbesserung des Bildes, die nur die Rechnung geben kann.

Auch in den Instrumenten für Photographie sind auf demselben Wege seit der ersten Anwendung eines Fernrohrobjectivs beträchtliche Verbesserungen erlangt worden. Die Objective von Voigtländer, Jamin, Dallmeyer, Sutton, Harrison bilden Belege. Aber der Nachtheil der Methode des Ausprobirens tritt hier erst recht deutlich hervor. Während kleine Instrumente ganz gut seyn können, werden die großen ungenügend, weil die mitvergrößerten Fehler nur wieder durch Verminderung der Oeffnung, also langsamere Wirkung, vermindert werden können.

Wenn demnach auf dem Wege des Versuchs auch wirklich bessere einzelne Instrumente hergestellt wurden, so ist doch nicht zu läugnen, daß der Versuchsweg sehr viel zu wünschen läßt. Man wäre sicher zu besseren Erfolgen gelangt, wenn man, anstatt die Theorie als unvollständig zu verlassen, darauf ausgegangen wäre sie zu vervollständigen. Denn der Versuch kann nur so lange Besseres liefern, als die Theorie unvollständig ist. Er wird aber nie ein Bestes finden lassen, nie es ermöglichen alle Instrumente mit gleichem Erfolg herzustellen.

Aus diesem Gesichtspunkt begrüßen wir eine Mittheilung in den Sitzungsberichten der mathematisch-physikalischen Classe der k. bayerischen Akademie der Wissenschaften vom 9. Juli 1865 als einen wahren Fortschritt. Wir sehen daraus, daß es dem Akademiker Steinheil, im Zusammenarbeiten mit seinem Sohn Dr. Adolf, gelungen ist die allgemeinen Bedingungen festzustellen, von welchen ein richtiges ausgedehntes Bild abhängt. Diese Bedingungen, aus denen die Anordnung einer Linsen-Combination im Allgemeinen hervorgeht, welche winkelgetreue stabil achromatische Bilder erzeugt, sind bisher in der Theorie ganz unberücksichtigt geblieben, und daher der Mangel an Uebereinstimmung zwischen Rechnung und Erfahrung.

Die neuen Formen der Objective sind wesentlich verschieden von den bisherigen. Noch auffallender aber ist der erzielte Erfolg. Diesen weist Steinheil an einigen der Classe vorgelegten Instrumenten nach, die er den neuen Vorschriften gemäß berechnen und ausführen ließ. Darunter ist ein neues Photographen-Objectiv, welches nur aus zwei einfachen und gleichen Crownglaslinsen besteht, die eine symmetrische Lage zum gemeinschaftlichen Hauptpunkt haben. Dennoch ist das Bild dieses Objectivs ganz ohne prismatische Farbensäume vollkommen scharf, und umfaßt den unglaublichen Bildwinkel von 90 Grad in der Tangentialebene. Es war eine Photographie vorgelegt, erzeugt durch ein solches Objectiv von 2 Zoll Oeffnung und 15 Zoll Brennweite. Die Photographie hat 30 Zoll Durchmesser, ist gleich scharf bis zum Rand und ohne alle Verzerrung. Für Aufnahmen von Landschaft und Architektur, namentlich des Innern von Gemächern, ist dadurch ein neues Feld eröffnet, da keines der jetzigen Objective so große Bildwinkel umfaßt und so getreu zeichnet. Steinheil legte der Classe auch einen kleinen Refractor vor, der bei 2 Zoll Oeffnung nur 10 Zoll Brennweite hat und gut eine 120malige Vergrößerung erträgt. Bei dem Objectiv ist die Kugelgestalt in und außer der Achse streng gehoben, und das Bild ist in und außer der Achse stabil achromatisch. Das Objectiv besteht aus vier Linsen, zwischen welchen drei Abstände sind. Die Flintglaslinsen liegen nach außen. Für die Herstellung großer Achromaten ist diese Construction von Bedeutung, weil sie nicht nur bessere Bilder liefert, sondern auch die Länge der Instrumente auf die Hälfte vermindert, womit ermöglicht ist, die Biegung, diese schlimmste aller Fehlerquellen in der beobachtenden Astronomie, endlich mit Erfolg zu bekämpfen.

Ausführlicheres wird demnächst hierüber in den „Astronomischen Nachrichten“ zu lesen seyn. (Beilage zur Allgemeinen Zeitung vom 6. September 1865.)

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