Titel: Ueber die Verwitterung oder von selbst erfolgende Zersetzung der Stein- und Braunkohlen und ihren Einfluß auf die Heizkraft derselben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 1 (S. 161–162)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi02_1

Ueber die Verwitterung oder von selbst erfolgende Zersetzung der Stein- und Braunkohlen und ihren Einfluß auf die Heizkraft derselben.

Aus den von Grundmann mit Steinkohlen angestellten Versuchen, sowie aus Barrentrapp's Untersuchungen über das Verhalten von Braunkohle gegen atmosphärische Luft (polytechn. Journal Bd. CLXXV S. 156) ergibt sich die unbestreitbare Thatsache, daß Stein- und Braunkohle beim massenhaften Lagern an freier Luft durch eine Art von Verwitterung, in Folge eines langsamen Verbrennungsprocesses einen Verlust an gasförmig entweichendem Kohlenstoff erleiden, der unter bestimmten Umständen über die Hälfte des gesammten Kohlenstoffgehaltes vom Brennmaterial betragen kann. Auch in England ist diese Thatsache erkannt, aber allgemein noch zu wenig gewürdigt worden. Wenn deutsche Kohlenhändler bekannt machen, daß die von ihnen gelieferte Kohle durch längere Einwirkung der Luft nicht an Güte verliere, so pflegen die Newcastler Kohlenwerksbesitzer bei jeder Verschiffung von Steinkohlen eine Bescheinigung auszustellen, daß das verladene Kohl „frisch gefördert“ sey – offenbar eine stillschweigende Anerkennung der Thatsache, daß auch die Newcastle-Kohle, gleich allen anderen Mineralkohlen, durch längeres Aufbewahren bei Luftzutritt an Güte, d.h. an Brennwerth oder Heizkraft, verliert.

In der Einleitung zu seiner Abhandlung „über die Bestimmung der Heizkraft der Steinkohle“ (im London Journal of arts, Juni 1865, S. 321) unterscheidet L. Thompson, dem wir bereits verschiedene, von Ure benutzte, allein allem Anscheine |162| nach in Deutschland nicht bekannt gewordene Untersuchungen über die englischen, namentlich die Newcastler Steinkohlen verdanken, nicht unpassend eine „Trockenfäule“ (dry rot) und eine „Naßfäule“ (wet rot) der bituminösen Steinkohle. Die erstere tritt ein, wenn solche an der Luft aufbewahrte Kohle sich an der Oberfläche und bis mehr oder weniger tief in das Innere der Haufen hinein oxydirt; dann verschwindet ein mehr oder minder beträchtlicher Theil ihres Kohlenstoffgehaltes in Form von Kohlensäure, verbrennt also, wogegen das specifische Gewicht der Kohle dasselbe bleibt, ihr absolutes Gewicht aber, in Folge einer Mehraufnahme von hygroskopischem Wasser, zunimmt und auch der Aschengehalt steigt. Als Naßfäule bezeichnet Thompson den Vorgang, wenn in großen Haufen oder Massen gelagerte bituminöse Kohle feucht wird und sich in Folge davon erhitzt; es stellt sich dann eine Art von Gährung ein, bei welcher sich ein Theil des Wasserstoffgehaltes der Kohle verflüchtigt und gleichzeitig ein Theil des im Zurückgebliebenen enthaltenen Kohlenstoffs oxydirt, so daß die Heizkraft der Kohle in doppelter Weise beeinträchtigt wird.

Diese Veränderungen gehen bei manchen Kohlenarten außerordentlich langsam vor sich; bei andern hingegen treten sie mit großer Schnelligkeit ein und erreichen eine Ausdehnung, welche in pecuniärer Beziehung sehr beachtenswerth seyn dürfte. Leider existiren für keine einzige der verschiedenen Kohlensorten entschiedene und charakteristische physikalische oder äußere Kennzeichen, durch welche man sich hinsichtlich ihres Verhaltens beim Lagern an der Luft a priori ein Urtheil bilden könnte. Daher ist es auch nicht zu verwundern, wenn sogar im kohlenreichen Albion dieser Punkt in Regierungskreisen bis jetzt noch nicht die mindeste Aufmerksamkeit erregt hat und selbst in den Sachverständigen-Berichten mit keiner Sylbe erwähnt wurde.

Thompson bemerkt, daß er umfassende Versuche über die von selbst erfolgende Zersetzung der Steinkohle angestellt hat, woraus sich ergibt, daß die Heizkraft von trockener Kohle durch sechsmonatliches Lagern an freier Luft und bei ungehindertem Zutritte des Tageslichtes durchschnittlich in dem Verhältnisse von 13 zu 12 vermindert wird. Ist die Kohle aber feucht, so steigt dieser Verlust unter sonst gleichen Verhältnissen weit höher; außerdem ist derselbe auch viel beträchtlicher, wenn die lagernde Kohle sehr große, voluminöse Haufen bildet. In diesem Falle scheint sich die Kohle nach und nach in bloßen Lignit zu verwandeln, indem sie beinahe die Hälfte ihrer Heizkraft einbüßte.

Jedenfalls würde es für das kohlenconsumirende Publicum eine große Wohlthat seyn, wenn sich ein dazu befähigter Gelehrter oder Techniker veranlaßt sähe, ein Verzeichniß wenigstens der wichtigsten Stein- und Braunkohlensorten aufzustellen, in welchem zuverlässige Angaben über das Verhalten derselben beim Lagern an freier Luft und bei ungehindertem Lichtzutritte mitgetheilt würden. Material zu einer solchen, höchst verdienstlichen Arbeit dürfte sich jetzt schon genügend finden, sobald sich Jemand die Mühe geben würde, die von den großen Kohlenconsumenten in dieser Beziehung gemachten Erfahrungen zu erkunden und zu verzeichnen. Das oben berührte Verfahren der deutschen und der Newcastler Kohlenwerksbesitzer und Kohlenhändler liefert den Beweis für das immer mehr sich herausstellende Bedürfniß eines solchen Führers.

H. H.

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