Titel: Local-Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 1 (S. 239–241)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi03_1

Local-Eisenbahnen.

Das wichtige Problem, durch Zweig-Eisenbahnen die kleineren Plätze mit einander und mit der Haupt-Eisenbahn zu verbinden, hat in Frankreich seine Lösung gefunden. Die Ehre der Initiative kommt dem Departement des Niederrheins zu, dessen Provinzialstände im Jahre 1858 den Beschluß faßten, durch ein weiteres Straßensystem die Hauptplätze mit jeder einzelnen Gemeinde in Verbindung zu setzen und den Bau |240| von Eisenbahnen auf diesen Straßen an Gesellschaften oder Privatspeculanten zu vergeben. Dieser Plan fand beträchtlichen Widerstand; eine Partie warf ein, die Fonds für Straßenbau dürften eigentlich nicht verwendet werden, um Eisenbahnen statt Straßen zu gewinnen, und überdieß seyen solche Local-Eisenbahnen Träume von Theoretikern.

Der Präfect des Departements Niederrhein betrieb trotzdem die Sache sehr eifrig und erhielt schon im Jahre 1859 die Ermächtigung zum Bau Seitens der Vertreter des Departements. Den 25. September 1864 wurde die erste dieser Departementslinien mit einer Länge von 47 Meilen für den Verkehr eröffnet.

Die Regierung erkannte die Wichtigkeit dieser neuen Unternehmung, die Minister des Innern und des Handels beschlossen, für diesen Gegenstand ein besonderem Gesetz zu erlassen, und im Handelsministerium wurde eine eigene Commission niedergesetzt, um über diesen Gegenstand die erforderlichen Notizen zu sammeln.

Das Beispiel des Niederrheines ist bereits im Departement des Oberrheines nachgeahmt worden; hier wurde eine Linie von Hagenau nach Niederbrunn den 18. und eine andere von Saint Marie-aux-Mines nach Schlettstadt den 29. December vorigen Jahres eröffnet.

Das Departement der Sarthe warf die Mittel für 3 solcher Locallinien aus. Das Departement Aisne, das für Eisenbahnverbindungen ein sehr ungünstiges Terrain hat, betheiligte sich nunmehr gleichfalls bei dieser Sache; ebenso eigneten sich noch einige andere Departements den Gedanken an und sind mit seiner Ausführung beschäftigt. Im Departement der unteren Seine sind bereits die Vorarbeiten gemacht, um St. Valery-en-Caux mit der Ronen- und Havre-Eisenbahn zu verbinden, und sollen überhaupt die sämmtlichen kleinen Küstenplätze mit jener Stammlinie verbunden werden.

Was die finanziellen Ergebnisse betrifft, so können sich diese nur auf die kurzen Erfahrungen der Linie des Niederrheines stützen. Die Linie wurde für Personenbeförderung den 25. September und für die Güterbeförderung theilweise den 24. October und vollständig den 29. December vorigen Jahres eröffnet, eine Zeit, wo die Witterung sehr schlecht war und die Bedingungen des Betriebes deßhalb ungünstig seyn mußten. Die Gesammt-Einnahmen vom 27. September bis zum 31. December waren 35,268 fl. oder durchschnittlich 3840 fl. für 1 Kilometer (etwas über eine Viertelstunde) Bahnlänge; der Gewinn, der gemacht wurde, ist auf 2000 Frcs. per Kilometer angegeben.

Der Verkehr auf diesen Bahnen ist hauptsächlich Localverkehr. Die Barr-Linie z.B. hat 15 Stationen, d.h. eine für jede Gemeinde an der Linie, sie wurde benutzt von 70,000 Personen, welche zusammen 60,293 Frcs. zahlten, oder durchschnittlich 86 Centimen (24 kr.) per Person. Dieß ist der klarste Beweis, daß der Verkehr vorwiegend local und unabhängig von dem allgemeinen Eisenbahnverkehr des Landes war. Ein weiterer Beweis dafür liegt darin, daß die Gesammtzahl der Ankommenden und Abgehenden auf der Station Straßburg, wo die Local-Eisenbahn auf die Hauptlinie einmündet, in derselben Zeit 47,768 Personen betrug, so daß von jenen 70,000 Personen 22,232 Personen für den bloßen Localverkehr übrig bleiben, ohne daß man diejenigen auch noch in Berechnung zieht, welche die Hauptlinie selbst nur für den Localverkehr benutzten.

Solche Local-Eisenbahnen bezwecken keine besondere Schnelligkeit; Curven und Steigungen sind daher hier von minderer Bedeutung. In dem Departement Haute-Marne ist der kleinste Radius auf 250 Meter, in dem Departement Indre auf 300 Meter festgesetzt. Steigungen sind in dem Departement Haute-Marne zugelassen von 0,02 bis 0,018 per Meter. Bei den stärkeren Steigungen sollen Pferde benutzt werden, weil die Locomotiven und Wagen auf diesen Local-Eisenbahnen nur von leichterer und weniger theuerer Art sind als auf den Hauptlinien.

Der Bau der neuen Straßen kostete in dem Departement Niederrhein per Kilometer 45,000 Frcs.; die Großostbahngesellschaft, welche für die Linie die Concession erhielt, mußte noch weitere 60,000 Frcs. per Kilometer auf die Verwandlung in eine Eisenbahn und die Ausrüstung mit dem erforderlichen Betriebsmaterial verwenden, und kostet sonach diese Local-Eisenbahn durchschnittlich per Kilometer 105,000 Frcs., während die Paris-Orleans-Bahn 368,000 Frcs. und die Rouen-Linie 404,000 Frcs. per Kilometer kosteten.

Es ist nicht leicht, alle die Resultate vorauszusehen, welche sich aus der vollständigen Durchführung dieser Local-Eisenbahnen ergeben werden, inzwischen ist jede weitere |241| Erfahrung in dieser Richtung von Interesse.46) (Nach dem Journal of the Society of Arts; aus den neuen Gewerbeblättern für Kurhessen, 1865, Nr. 38.)

|241|

Ueber die Begünstigung der Erbauung solcher Local-, sogenannter secundärer Eisenbahnen durch die preußische Staatsregierung sehe man die Mittheilung aus der „Magdeburger Zeitung“ im polytechn. Journal Bd. CLXXVII S. 76.

Anm. d. Red.

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