Titel: Mosselmann's Düngerbereitung, sogenannter animalisirter Kalk.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 13 (S. 327–328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi04_13

Mosselmann's Düngerbereitung, sogenannter animalisirter Kalk.

Hr. A. Mosselmann, Administrator der Vieille Montagne und des Crédit agricole, 15 rue du Milan in Paris, hat seine Bereitung eines sich unverändert conservirenden Düngers, des sogenannten animalisirten Kalks, zuerst in einem Aufsatz in den Comptes rendus de l'Académie de sciences von 1863 beschrieben, woraus derselbe im polytechn. Journal Bd. CLXX S. 308 mitgetheilt wurde.

Seitdem hat Hr. Mosselmann sein Verfahren in den Details für die praktische Anwendung wesentlich modificirt.

Er construirte als Sammelplätze der festen und flüssigen menschlichen Excremente transportable Abtrittsgruben (fosses mobiles). Dieselben werden durch zwei an Dimensionen gleiche und zusammengehörige Gefäße aus Zinkblech gebildet; das obere Gefäß dient dabei zur Aufnahme der festen, das untere eben so für die flüssigen Excremente, wozu ein Rohr die Communication beider Gefäße bewirkt. Jedes dieser Gefäße ist mit einer durchlöcherten Seitenwand (diviseur) ausgestattet, um geeignete Abtheilungen zur Abscheidung zu bilden: im oberen Gefäße um das Flüssige vom Festen zu trennen, und im unteren Gefäße um den Urin zum Aufsteigen in dem größeren Raume zu zwingen, der mit Kalkpulver (ungelöschtem Kalk) gefüllt ist. Beide Gefäße sind eben so leicht von ihren Standorten zu entfernen, wie durch neue (leere) Gefäße zu ersetzen. Das obere Gefäß wird mit den thönernen Fallröhren der Abtritte verbunden.94)

Düngerbereitung aus den festen Excrementen. – Aus den Inhalten der oberen Gefäße, d.h. aus den festen Excrementen, bereitet Mosselmann einen für die Landwirthschaft unmittelbar brauchbaren Dünger dadurch, daß er solche mit gebranntem Kalke mechanisch vermengt, den man vorher mit 50 Procent seines Gewichts Urin zu Pulver gelöscht hat. Hierzu werden jene Gefäße auf der ebenen und festen, aus Thon gebildeten Tenne einer Art Scheuer (eines bedachten Schuppens) über Stellen ausgeschüttet, die man vorher mit dem erwähnten präparirten Kalkpulver überschüttet und jede derselben mit einem etwa 4 Zoll hohen Walle desselben Kalkes umgeben hatte. Mit Hülfe hölzerner (Korn-) Schaufeln umhüllt man die Kothmasse derartig sorgfältig, daß dieselbe getrennte Knollen und beziehungsweise grobe |328| Körner bildet, die überall vom Kalke umgeben, mit demselben aber nicht vermengt sind.

Nach verhältnißmäßig kurzer Zeit (10 bis 12 Minuten) ist der Inhalt dreier Gefäße (zusammen 0,245 Kubikmeter betragend) so weit verarbeitet, daß das Ganze wie appetitliche Kalkpräparate erscheint, die man ohne irgend eine Unannehmlichkeit zu empfinden in die Hand nehmen und den Magazinen überweisen kann, aus welchen sie ohne Weiteres als künstlicher Dünger verkauft werden. Beim Aufbrechen der gebildeten Knollen zeigt sich der ganze Inhalt sofort als mehr oder weniger frisches, menschliches Excrement.

Düngerbereitung aus den flüssigen Excrementen. – Was nun die Düngerbereitung aus Urin anlangt, so wird zuerst gebrannter Kalk mit Urin zu Pulver gelöscht, wobei er zu dem 2 1/2fachen des ursprünglichen Volums aufschwillt; hierauf übergießt und vermengt man ihn mit einer größeren Menge Urin, von dem er nun noch ein eben so großes Volumen absorbirt, als sein eigenes in dem aufgequollenen Zustande ist. Der Vortheil dieser in zwei Perioden stattfindenden Zufügung des Urines zum Kalke besteht darin, daß 1 Hektoliter Kalk im Ganzen 3 Hektoliter Urin aufzunehmen vermag, d.h. viel mehr als nach der sonst schon bekannten Methode, den Kalk direct und sogleich mit dem ganzen einzuverleibenden Urinquantum zu mischen. –

Gegen die Mosselmann'sche Düngerbereitung stellt der unter dem Titel: „Ueber Abfuhr und Verwerthung der Dungstoffe“ im Buchhandel erschienene Commissionsbericht an das königl. preußische Ministerium wesentliche Bedenken auf.

1 Kbkf. gebrannter Kalk = 83 Pfd. braucht 41 1/2 Pfd. Urin = 0,65 Kbkf., um in Kalkhydrat übergeführt zu werden, vergrößert dabei sein Volumen auf 2 1/2 Kbkf. und kann dann 2 1/2 Kbkf. Fäces aufnehmen, um damit „animalisirten Kalk“ zu bilden; zur Darstellung von chaux supersaturée d'urine (mit Urin übersättigtem Kalk) bedarf 1 Kbks. Kalk 3,15 Kbkf. Urin. Rechnet man auf die Person rund 10 Kbkf. gewinnbarer Excremente jährlich, so würde Berlin (1861 : 547,571 Einw.) jährlich circa 550,000 Kbkf. Fäces und 4,900,000 Kbkf. Urin liefern, zu deren Ueberführung in animalisirten und mit Urin übersättigten Kalk jährlich 1,660,000 Kbkf. gebrannter Kalk nöthig wären, d.h. etwa sechsmal so viel als jetzt die großartigen Rüdersdorfer Kalkbrüche liefern; viele Städte würden sich die nöthige Kalkmenge gar nicht verschaffen können.

Nach den Industrie-Blättern würden die Herstellungskosten des Productes für Berlin, wenn man den Kalk zu den Selbstkosten berechnet, etwas über 5 Sgr. per Centner betragen, während der Dungwerth an Stickstoff und Phosphaten 2 1/6 Sgr. per Centner beträgt.

Ein noch wichtigeres Bedenken möchte darin liegen, ob es rathsam ist, dem Boden so große Mengen Kalk zuzuführen (mit jeder Düngung von 115 bis 237 Kbkf. Latrinenstoffe auf den Morgen 35,6 bis 73,5 Kbkf. gebrannten Kalkes dem Boden einzuverleiben).

Bei der Desinfection der Senkgruben nach dem Müller-Schür'schen System (beschrieben S. 78 in diesem Bande des polytechn. Journals) erhält man Kalkexcremente mit bei weitem geringerem Kalkgehalte.

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Diese transportablen Abtrittsgruben sind nach beigegebenen Abbildungen beschrieben in Prof. Rühlmann's Abhandlung „über Mosselmann's Düngerbereitung“ in den Mittheilungen des hannoverschen Gewerbevereins, 1865 S. 118, wornach unser Artikel bearbeitet ist.

A. d. Red.

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