Titel: Tunner, über die Erfahrungen und Fortschritte mit dem Bessemern, insbesondere in Innerösterreich mit Schluß von 1864.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 2 (S. 465–467)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi06_2

Tunner, über die Erfahrungen und Fortschritte mit dem Bessemern, insbesondere in Innerösterreich mit Schluß von 1864.

Aus den Ländern, welche mit dem Bessemerproceß schon früher begonnen haben, ist nach der Zeit der letzten Londoner Industrie-Ausstellung über denselben nur sehr wenig zur Oeffentlichkeit gelangt. Ueber das Bessemern in Schweden ist das Wichtigste in Boman's Schrift enthalten; neuerdings ist in der Nachbarschaft von Gefle eine neue, die jetzt größte Anlage in Schweden zu Sandviken, gemacht worden, wo man in Oefen von schwedischer Bauart Chargen von 120 Ctr. durchführt und das Product zu größeren Maschinentheilen und Platten umgestaltet. – In England ist die jährliche Erzeugung von Bessemermetall größer, in Frankreich und Deutschland wenigstens eben so groß, als in Schweden. Man verwendet die besseren, reineren Sorten des grauen Kohksroheisens, schmilzt dieselben im Flammofen um, fügt zum schließlichen Carbonisiren 10–20 Procent Spiegeleisen aber jetzt mit der Modification zu, daß nach dem Hinzugeben der letzteren der Wind nicht mehr durchpassirt, sondern das Gemenge sofort ausgegossen wird, wobei die Anwendung eines beweglichen Ofens eine nothwendige Bedingung ist. – Das englische Bessemermetall ist von minderer Qualität, als das schwedische, und fast nur in seinen weicheren, dem Feinkorneisen ähnlichen Varietäten zu verwenden, während man in Schweden zum Theil wenigstens ein recht gutes, dem Gußstahl gleiches Bessemermetall erhält. Die englischen Blöcke sind im Ganzen dichter als die schwedischen, aber doch auch nicht frei von Blasen an Rand |466| und Boden; wegen ihrer größeren Dichte und minderen Reinheit schweißen englische Blöcke weniger leicht als die gleich harten Producte der Frischherde und Puddelöfen. Um blasenfreie Güsse zu erhalten, scheidet man wohl die Unreinigkeiten absichtlich weniger ab; es leidet dann aber die Schweißbarkeit, namentlich an den mechanisch stark verunreinigten Kopfenden der Rohgüsse. Ein wesentlicher in England, Frankreich und Schweden gemachter Fortschritt ist die Anwendung bis 120 Ctr. schwerer Chargen, da die Flüssigkeit des Bessemermetalls um so leichter zu erreichen ist, mit je größeren Massen man arbeitet. – Die von Frankreich ausgegangene Bewegung der Birne durch Dampfkraft bei solchen großen Chargen ist eine sehr förderliche Verbesserung, dagegen kommt man von der selbstthätigen Windsperre wieder mehr ab (z.B. zu Heft), weil die Windregulirung durch die Hand des Arbeiters sicherer geschehen kann, auch die Windsperre vielen Verunreinigungen ausgesetzt ist, so wie auch Reibung und Windlässigkeit verursacht. – Zur Beurtheilung des Ofenganges möchte die Beobachtung der Flamme und Funken und am allersichersten eine Schöpf- oder Spießprobe ein besseres Anhalten geben, als die Spectralanalyse. – Daß ein gaares graues, aber manganhaltiges, phosphor- und schwefelfreies Kohksroheisen, wie Wedding angibt, das beste Material sey, ist ein Irrthum, da die innerösterreichischen grauen und halbirten Holzkohlenroheisensorten ein ganz vorzügliches Material sind. Nur das ganz weiße Roheisen zeigte sich schlecht, wird sich aber vielleicht bei Anwendung von heißem Wind besser machen.

In Innerösterreich lag die erste Schwierigkeit bei Einführung des Bessemerus in der Ungeübtheit des Arbeiterpersonals, und sie ist zum Theil noch nicht überwunden. Die ursprüngliche Unhaltbarkeit der Thonformen (Fern) beim englischen Ofen ist vermindert, seit man aus fettem Thone gepreßte, gehörig lufttrockne, 18–66 Stunden gebrannte und mehrtägig abgekühlte Formen herstellt und sie vollkommen dicht in den Boden einsetzt, damit zwischen Fern und Bodenmasse der Wind nicht durchdringt. Muß eine neue Form eingezogen werden, so hebt man das Obertheil der Birne ab, schlägt die alte Fern heraus, so reinigt man die Bodenmasse von Schlackenansätzen, setzt die neue Fern ein und stampft neue Bodenmasse auf, wozu inclusive Anwärmens 4–6 Stunden Zeit gehen. Ungleich weniger Anstände hat der schwedische Ofen in dieser Beziehung verursacht. Die Erhaltung der Ofenwände war bei beiden Oefen nicht schwierig. Ein zu gaares, seinen Graphit nur schwierig aufnehmendes Roheisen wird in der ersten Periode vor den Formen zu dickflüssig, verlegt dieselben, die Schlackenbildungsperiode dauert so lange, es entsteht nicht die hinreichende Temperatur, um die aufgeworfenen Schlackenperlen flüssig zu erhalten, die Entkohlung durch die Schlacke bleibt aus und es kann durch Verstopfen der Formen der Proceß ganz erstickt werden. – Es ist zweckmäßiger, das Hohofenroheisen erst in eine Pfanne abzustechen, als direct in den Bessemerofen laufen zu lassen, weil man in ersterer die Unreinigkeiten abziehen und ihren Inhalt bestimmen kann. Auch bildet sich weniger Schaleneisen in der Pfanne, als in einer Laufrinne. Im schwedischen Ofen ist die Menge des Auswurfes geringer, als im englischen, in beiden aber die Windregulirung nach einem Manometer die Hauptsache. – Bei reinerem Holzkohlenroheisen verdient die schwedische Bessemermethode den Vorzug; sie ist einfacher und billiger, man kann mit der gleichen Betriebskraft für das Gebläse nahe das doppelte Quantum an Roheisen per Charge in Arbeit nehmen, die Formen leiden weniger und das Gießen aus dem Stahlkessel kann in beliebig kurzer Zeit vorgenommen werden.

Gewährt zwar die englische Methode größere Sicherheit, als die schwedische ihrer Natur nach, so hat man doch in Schweden für die Praxis völlig befriedigende Resultate erreicht. – Eine Hauptsache für die Praxis bleibt das genaue Sortiren des erzeugten Stahles, indem man von jeder Charge im Beginn des Gusses eine Probestange von gleichbleibenden Dimensionen gießt, diese nach dem Erkalten zerbricht und die Qualität nach dem Verhalten beim Brechen, nach Textur, Farbe und Glanz des Bruches beurtheilt; ein weniger verläßliches Anhalten gibt die umständliche Untersuchung auf Schmied- und Schweißbarkeit, sowie die Eggertz'sche Kohlenstoffprobe (polytechn. Journal Bd. CLXX S. 350). Neben diesem Sortiren kommt es zur Erlangung eines befriedigenden Resultates darauf an, alle Feinheiten beim Gießen des flüssigen Metalles zu kennen. Eine der besten und vollkommensten Gußvorrichtungen ist der englische hydraulische Krahn; wegen seiner Kostspieligkeit hat man ihn jedoch auf den innerösterreichischen Hütten zum Theil durch einfache gewöhnliche Krahne ersetzt. – Während bei dem Hineinschaffen des flüssigen Roheisens in den Bessemerofen eine Zeitersparniß |467| von einigen Minuten keinen besonderen Werth hat, so haben beim Eingießen des flüssigen Stahls in die Formen schon Bruchtheile einer Minute Einfluß, indem hierdurch die Eingüsse besser gelingen und weniger Schalen im Kessel zurückbleiben. Die Menge der letzteren hängt überhaupt noch ab von dem Grad der Gaare des Roheisens, der Menge des zugeführten Windes, der absoluten Größe der Charge und dem Grad des Anwärmens des Kessels. Durch das Gießen weniger, dafür großer Blöcke läßt sich eine wesentliche Verminderung der Abfälle erzielen; je größer ursprünglich der Block, desto besser ist unter übrigens gleichen Umständen das Endproduct und scheint die Wirkung des Dampfhammers günstiger als die der Walzen zu seyn. – 6–8 Proc. Abfälle lassen sich ohne große Schwierigkeiten wieder zu Gute machen. Die Ursache der schwierigen Verwerthung der Schalen liegt hauptsächlich in ihrem ungleichen Aggregatzustande und theilweise auch in ihrer Unreinheit. Am besten formt man sie in noch möglichst heißem Zustande unter einem schweren Hammer zu Masseln, welche in Herden oder Oefen eine Schweißhitze erhalten und dann unter Hämmern oder Walzen ausgereckt werden. Der nicht schweißende Abfall hiervon kommt in den Eisenhohofen oder Frischherd.

Die bisherigen Fortschritte beim Bessemern in Innerösterreich sind derartig befriedigend gewesen, daß man damit umgeht, diesen Proceß auch zu Reschitza im Banat, zu Witkowitz in Mähren und zu Prävali in Kärnthen einzuführen. (Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch der k.k. Bergakademien Schemnitz und Leoben, und der k.k. Montan-Lehranstalt Przibram für das Jahr 1864.)

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