Titel: Vorsichtsmaßregeln bei Benutzung des Nitroglycerins.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1865, Band 178/Miszelle 9 (S. 469–471)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj178/mi178mi06_9

Vorsichtsmaßregeln bei Benutzung des Nitroglycerins.

Die kürzlich in Bochum und Hirschberg stattgehabten Unglücksfälle mit meinem Patent-Sprengöl, von denen ersterer durch einen Terpenthinölbrand, der zweite durch Beilschläge auf einen Klumpen gefrorenen Sprengöls herbeigeführt war, veranlassen mich, die bei Benutzung des Sprengöls erforderlichen Vorsichtsmaßregeln in Kürze mitzutheilen, bei deren Befolgung irgend ein Unfall kaum möglich ist.

Die Vorsichtsmaßregeln bestehen darin:

1) den Arbeitern jedes Experimentiren zu untersagen;

2) die Packflaschen mit Sprengöl in feuerfesten Räumen, oder, wo solche nicht vorhanden, unter Wasser aufzubewahren;

3) wenn das Sprengöl gefroren ist, die Packflaschen in lauwarmes Wasser einzusetzen, um es für den Gebrauch aufzuthauen. – In Gruben mit gemäßigter Temperatur gefriert es nie.

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4) Beim Laden nur losen Besatz aus Sand oder Letten zu gebrauchen.

5) Den Besatz, wenn ein Schuß versagt hat, nur zur Hälfte vorsichtig auszukratzen, und in dem leeren Theile des Bohrloches eine kleine neue Sprengölladung anzubringen, bei deren Entzündung beide Ladungen explodiren.

6) Weder gefrorenes noch flüssiges Sprengöl mit Hammer- oder Beilschlägen zu behandeln.

Es liegt in der Natur eines Sprengmittels, daß es unter Umständen gefährlich werden kann, besonders bevor die Arbeiter damit vertraut sind. Daß mein Patent-Sprengöl aber als das ungefährlichste anzusehen, geht wohl aus dem untenstehenden Attest hervor. – Beim Gebrauch des Pulvers fallen täglich Unglücksfälle vor, die jedoch so gewöhnlich sind, daß denselben keine Aufmerksamkeit geschenkt wird (auf 7 Grubenarbeiter rechnet man, daß nur 4 ohne mehr oder weniger erhebliche Verletzungen davon kommen). Wir müssen deßhalb die Opfer durch Sprengöl nur im comparativen, nicht im absoluten Sinne betrachten, und brauchen nicht einmal auf die Zeit der Einführung des Pulvers hinzuweisen, da die Gegenwart davon Beispiele genug aufzuweisen hat.

Vor Gefahren scheut die Industrie nie zurück – das Wasser in den Dampfkesseln, Petroleum, Gas etc. etc. fordern täglich ihre Opfer. – Die gefahrbringenden Stoffe müssen nicht verbannt, ihren Gefahren muß vorgebeugt werden, und es ist nicht der geringste Vorzug des Sprengöls, daß dieß bei ihm leicht zu bewerkstelligen ist.

Leider ist es meistens der Fall, wenn die Arbeiter sehen, daß das Sprengöl nicht durch Entzündung explodirt, daß sie es wie Wasser behandeln, weßhalb es auch u.a. vorgekommen ist, daß undichte, mit Sprengöl gefüllte Blechflaschen verlöthet wurden; daß mit Wasser versetztes Sprengöl in einem Kessel auf einem mit Blasebalg angefachten Schmiedefeuer getrocknet werden sollte; daß gefrorenes Sprengöl zum Aufthauen in Trockenöfen und auf Hochdruck-Dampfkessel gesetzt worden; daß Patronen in einem Breterschuppen, wo Stroh und Pulver auf dem Fußboden herumlag, bei Beleuchtung eines an der Breterwand angeklebten Talglichtes vollständig geladen und mit Zündschnüren versetzt wurden; daß Sprengöl seines süßen Geschmackes wegen schluckweise getrunken wurde etc. etc., weßhalb es wirklich ein Wunder ist, daß bei alledem bis jetzt noch so wenige Unglücksfälle durch dasselbe hervorgerufen worden sind.

Bei jeder Neuerung übertreibt man die Nachtheile und läugnet die Vortheile am längsten – die riesige Kraft und die großen Vortheile des Sprengöls in der Verwendung lassen sich aber nicht mehr läugnen; es handelt sich demnach nur darum, dasselbe mit Vernunft und Vorsicht zu gebrauchen, und so weit es an mir liegt, soll Alles geschehen, um Gefahr abzuwenden, und zwar:

durch Einführung von elastischen, mit Sicherheitsplatten versehenen Packflaschen, worin das Sprengöl auch durch den stärksten Stoß nicht explodiren kann, und wo bei 100° Cels. (Kochpunkt des Wassers) die Metallplatte schmilzt, so daß das Sprengöl nie im geschlossenen Räume bis zum Explosionsgrade erhitzt werden kann, sondern bei einer Feuersbrunst ausläuft und harmlos verbrennt, wie es stets im Freien thut.

Ich mache mich anheischig, einer Commission von Fachmännern den Beweis zu liefern, daß bei Befolgung der vorgeschlagenen Vorsichtsmaßregeln irgend welches Unglück beim Transport, bei der Aufbewahrung und bei Benutzung meines Patent-Sprengöls nicht entstehen könne, halte mich vielmehr überzeugt, daß mein Sprengöl die vielen durch Benutzung des Pulvers entstandenen Unglücksfälle vermindern wird. Hamburg, den 21. November 1865.

Alfred Nobel.

––––––––––

In Gegenwart der Unterzeichneten wurden am 28. d. M. folgende Versuche bei Stora Ahlby ausgeführt, theils um die Schwierigkeit nachzuweisen, auf andere Weise, als durch die vom Ingenieur Alfred Nobel patentirten Arten, das Nitroglycerin zur Explosion zu bringen, und theils um die Ungefährlichkeit des Nitroglycerins in mehreren Beziehungen im Vergleich zum gewöhnlichen Pulver nachzuweisen.

I. Versuch. – Eine Quantität Nitroglycerin wurde auf einen flach behauenen Stein ausgegossen. Eine roth glühende Eisenstange wurde längs der Oberfläche des Nitroglycerins geführt ohne daß dasselbe sich entzündete, und wurde schließlich in |471| das auf dem Stein ausgebreitete Sprengöl gelegt, welches, nachdem es erwärmt worden war, sich theilweise entzündete, und mit einer Flamme, jedoch ohne zu explodiren, verbrannte. Nachdem die Eisenstange weggenommen war, befand sich auf dem Steine noch unzersetztes Oel.

II. Versuch. – Die Vertiefung in einem Steine wurde mit Nitroglycerin ausgefüllt; ein brennender Holzspan wurde eingetaucht und beim Umrühren damit verbrannte das, Nitroglycerin mit Flamme, jedoch ohne Explosion. Das Verbrennungs-Phänomen hörte auf, sobald der Holzspan verbrannt war.

III. Versuch. – Verschiedene Glasflaschen wurden mit Nitroglycerin gefüllt, diese Flaschen wurden mit aller Kraft von einer Höhe gegen einen unten belegenen Felsen geschleudert. Die Flaschen wurden gewaltsam zerschmettert, jedoch ohne daß das Nitroglycerin explodirte.

IV. Versuch. – Nachdem einige der Gegenwärtigen den Wunsch geäußert hatten, den vorhergehenden Versuch mit Nitroglycerin zu erneuern, welches auf mehr als gewöhnliche Temperatur erwärmt wäre, so wurden in warmem Wasser drei mit Nitroglycerin gefüllte Flaschen auf 50°C. erhitzt. Auch diese Flaschen, mit Gewalt gegen einen Stein geworfen, wurden zerschmettert, ohne daß das Sprengöl explodirte.

V. Versuch. – Eine mit Nitroglycerin gefüllte Patrone von Weißblech wurde in einen Kessel mit kochendem Wasser ohne irgend weitere Folgen gelegt.

VI. Versuch. – Zwei mit Nitroglycerin gefüllte Weißblech-Flaschen, solcher Art wie die Nitroglycerin-Actien-Gesellschaft solche benutzt, wurden auf die bei der Versendung übliche Weise in einer Holzkiste verpackt. Nachdem der Deckel zugeschroben worden, wurde die Kiste von einer Höhe von 9–10 Fuß und auf den unterhalb liegenden Felsen, ohne weitere Folge, gestürzt.

Um die Beschaffenheit des Stoffes, mit welchem experimentirt worden war, zu constatiren, wurde ein 10 Fuß tiefes Bohrloch mit 3 Pfund von demselben Sprengöl geladen. Die Wirkung des Schusses war erstaunend groß. Das Laden des Schusses geschah folgendermaßen: Nachdem das Sprengöl eingegossen war, wurde ein Papierpfropfen in das Bohrloch hineingeschoben, ohne jedoch das Oel zu berühren. Auf diesen wurde eine Hand voll Pulver, und nachdem die Zündschnur applicirt war, wiederum eine kleine Quantität Pulver geschüttet und das Bohrloch mit Sand gefüllt.

Stockholm, den 30. September 1865.

(gez. A. Adlersparre
Commandeur-Capitain
(gez.) Er. Edlund,
Professor an der Akademie der Wissenschaften
in Stockholm.
(gez.) A. E. Nordenskiöld,
Professor und Intendant am Reichsmuseum.
(gez.) Hj. Holmgren,
Professor am technologischen Institut.
(gez.) Clemens Ullgren,
Professor am königl. technologischen Institut.
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