Titel: Ueber Kesselstein; von Prof. Haas in Stuttgart.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 180/Miszelle 1 (S. 241–242)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj180/mi180mi03_1

Ueber Kesselstein; von Prof. Haas in Stuttgart.

Von verschiedenen Seiten wird den Dampfkesselbesitzern Chlorbaryum als untrügliches Mittel gegen Kesselsteinbildung empfohlen, ohne Rücksicht auf den Gehalt des Wassers an den verschiedenen bei der Kesselsteinbildung betheiligten Substanzen.

Chlorbaryum kann aus dem Wasser bloß den Gyps abscheiden; wo also bloß Gyps im Wasser gelöst ist, oder wo er gegenüber dem kohlensauren Kalk in überwiegender Menge vorhanden ist, da wird allerdings Chlorbaryum gute Dienste leisten, wo aber der kohlensaure Kalk vorherrscht, da bringt dieß Mittel keine Hülfe, es findet Kesselsteinbildung statt, so gut wie wenn dem Wasser gar nichts zugesetzt worden wäre. Ein in jüngster Zeit mir bekannt gewordener Fall bestätigt dieß in auffallender Weise. Ein großer Röhrenkessel von 700 Quadratfuß Heizfläche war nach verhältnißmäßig kurzer Zeit nicht bloß an der Kesselwandung mit einer dicken Schichte eines sehr dichten Kesselsteines bedeckt, sondern es hatte sich auch zwischen den Siederöhren ein etwas leichterer Kesselstein in solcher Menge abgesetzt, daß derselbe den Raum zwischen den Röhren fast vollständig ausfüllte, und doch war immer mit großer Sorgfalt Chlorbaryum in genügender Menge in den Kessel gebracht worden. Die chemische Untersuchung zeigte denn auch, daß der Kesselstein der Hauptsache nach aus kohlensaurem Kalk bestand, nur der kleinere Theil war schwefelsaurer Baryt, durch gegenseitige Zersetzung von Gyps und Chlorbaryum entstanden; und zwar enthielt der Kesselstein von den Wandungen 9,5, der zwischen den Heizröhren 21,5 Procent schwefelsauren Baryt. Das Speisewasser selbst enthält in 100000 Theilen 22,8 Theile kohlensauren Kalk und nur 2,1 Theile Gyps, also sehr wenig Gyps neben viel kohlensaurem Kalk, woraus es sich erklärt, daß trotz der Anwendung von Chlorbaryum sich Kesselstein bilden konnte.

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Da der Kessel auf mechanischem Wege nicht gereinigt werden konnte, wandte man verdünnte Salzsäure in mehreren auf einander folgenden Operationen an, wobei sich trotz der großen dazu verwendeten Menge Säure (circa 6 Centner) durchaus keine nachtheilige Einwirkung auf das Kesselblech bemerklich machte, und man entschloß sich nun zur Anwendung von Soda, um nicht bloß den Gyps, sondern auch den kohlensauren Kalk aus dem Wasser abzuschneiden, und so die fernere Bildung von Kesselstein unmöglich zu machen. Zu diesem Zweck wurden 2 Bassins angelegt, von denen jedes 45 württembergische Eimer faßt, das ist die auf 3 Tage nothwendige Wassermenge. Auf jedes Bassin kommen 7 1/2–8 Pfd. calcinirte Soda, und während der Inhalt des einen zum Speisen benützt wird, hat sich das andere vollständig geklärt. Diese Behandlungsart ist nun schon einige Monate im Gange und von einem nachtheiligen Einfluß, den, wie Einige beobachtet haben wollen, die Soda auf den Kessel ausübe, sind nicht die geringsten Spuren zu entdecken. Der Kessel hat sich bis jetzt nicht bloß vollständig dicht gehalten, sondern es ist auch keine Kesselsteinbildung mehr zu bemerken. Außerdem ist der Kohlenverbrauch von 30 Centnern täglich auf 20 Ctr. gefallen.

Als Curiosum sey eine Stelle aus einem Brief des Besitzers obigen Kessels hier angeführt. „Unser Reservekessel (250 Quadratfuß Heizfläche) war an den Wandungen über und über mit einer harten Kruste von Kesselstein überzogen, die sonst immer herausgemeißelt werden mußte. Vorige Woche wurde er 1 1/2 Tage geheizt und benützt, und hiernach abgelassen; nun zeigte sich, daß die Kruste verschwunden und dafür ein tüchtiger Haufen Schlamm sich gebildet hatte. Der Kessel wurde also in 1 1/2 Tagen durch unser neues Soda haltendes Speisewasser auf die beste und bequemste Weise gereinigt. Chlorbaryum kam nie in diesen Kessel. Der Schlamm führt gar keine Stückchen bei sich, sondern ist getrocknet das feinste Pulver.“

Diese Erscheinung kann wohl nur so erklärt werden, daß durch das Kochen mit sodahaltendem Wasser der Gyps des Kesselsteins in kohlensauren Kalk übergeführt wurde und so der ganze Kesselstein seinen Zusammenhang verlor. Wenn auch nicht in allen so doch in manchen Fällen von Kesselsteinbildung könnte dieses Mittel gute Dienste thun, und vielleicht entschließt sich der eine oder andere Kesselbesitzer zu diesem so billigen Versuche. (Württembergisches Gewerbeblatt, 1866, Nr. 15.)

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