Titel: Ueber die Siemens'schen Regenerativ-Oefen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 180/Miszelle 5 (S. 322–323)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj180/mi180mi04_5

Ueber die Siemens'schen Regenerativ-Oefen.

Im zweiten Aprilheft dieses Journal78) befindet sich ein Artikel vom Ingenieur Hermann Pütsch, welcher das Regenerativ-Ofensystem im Allgemeinen und namentlich meinen Antheil daran im Besonderen zum Gegenstand seiner Kritik macht.

Da Hr. Pütsch es sich zur Aufgabe gemacht hat, dieses Ofensystem einführen zu helfen, und sich zu dem Zweck als Fach-Baumeister etablirt hat, so kann es mir nur sehr erwünscht seyn, wenn er dazu beiträgt, meinem Ofensystem allgemeinere Verbreitung zu verschaffen. Auch habe ich gar nichts dagegen, wenn Hr. Pütsch, wie auch Andere vor ihm gethan, versucht, sich als praktischer Regenerativ-Ofenbauer Geltung zu verschaffen. Gegen die Mittel jedoch, zu welchen Hr. Pütsch zur Erreichung seiner Zwecke greift, muß ich sehr entschieden Protestiren. Anstatt es sich angelegen seyn zu lassen, mit der Zeit fortzuschreiten, indem er sich die verschiedentlichen und vielseitig gemachten Verbesserungen und Vervollkommnungen des Systems anzueignen und zu benützen sucht, zieht er es vor, seinen Ruf als Ofenbauer dadurch zu befestigen, daß er mich persönlich angreift und vollkommen erfundene und falsche Angaben in die Welt schleudert.

Ohne mich darauf einzulassen, alle die verschiedenen Angriffe und Angaben des Hrn. Pütsch zu widerlegen, will ich mich darauf beschränken, namentlich einen Punkt näher zu beleuchten, welcher gewissermaßen das Hauptmoment des Artikels bildet, und gleichzeitig Licht auf das darin angeführte Zeugniß wirft. Herr Pütsch sagt nämlich wörtlich: daß ich (Friedr. Siemens) zwei Jahre laug auf der Glashütte Neufriedrichsthal mit meiner Construction Versuche angestellt hatte, deren Resultate so ungünstig waren, daß er (Pütsch und Comp.) mit dem Umbau nach seinem Systeme von den Besitzern beauftragt wurde. – Das erwähnte Zeugniß ist nun von den Besitzern dieser Hütte, den HHrn. Schönemann und Itzinger, unterzeichnet, ohne daß jedoch darin angegeben ist, daß ich die früheren Oefen daselbst gebaut hätte. In der That habe ich nie mit den HHrn. Schönemann und Itzinger einen Contract zur Erbauung von Regenerativ-Oefen geschlossen, und mit der Ausführung in keiner Weise etwas zu thun gehabt. Dieß geht schon aus der Betrachtung klar hervor, daß ich erst seit etwas über zwei Jahren (im November 1863) nach Deutschland zurückgekehrt bin, während Hr. Pütsch auf der betreffenden Hütte auch schon mindestens |323| zwei Jahre operirt haben muß, da das erwähnte Zeugniß von Hrn. Pütsch schon über ein Jahr colportirt, und in jeder Richtung hin als Geschäftsempfehlung benutzt worden ist. Darum fehlt auch wohlweislich das Datum in dem Zeugnisse. Es ist also nicht abzusehen, wie ich zwei Jahre lang in Neufriedrichsthal experimentirt haben kann, wenn dieß nicht gleichzeitig mit den Experimenten des Hrn. Pütsch dort stattgefunden hätte, was darum nicht möglich ist, weil Hr. Pütsch ja die von mir dort ausgeführten Oefen nach seinem System umgebaut haben will.

Die Sache verhält sich einfach so, daß die HHrn. Schönemann und Itzinger ursprünglich mit dem Agenten meines Bruders in London, dem Hrn. Winckler in Hamburg, ein Abkommen geschlossen hatten, wornach mein Bruder Zeichnungen der in England erbauten Regenerativ-Oefen liefern sollte, auch später einen Ingenieur, den Hrn. Boëtius hinüberschickte, um den Ofen in Gang zu setzen. Die Sache kam aber deßwegen nicht in Ordnung, weil der Ofen, trotz er für englische Betriebsweise eingerichtet war, nach hiesiger Weise betrieben wurde, und weil Hr. Boëtius den Dienst meines Bruders verließ und auf eigene Rechnung den Ofenbau hier zu betreiben anfieng. Allerdings war Hr. Itzinger kurz nach meiner Rückkehr nach Deutschland häufig auf meinem Bureau in Berlin, und hat auch eine Zeichnung von mir erhalten, ohne daß wir uns jedoch über die Bedingungen des Contracts geeinigt hätten.

Aus Vorstehendem ist zur Genüge zu ersehen, mit welchen Mitteln Hr. Pütsch operirt, um seinem System (wie er es nennt) Geltung zu verschaffen. Was nun sein System betrifft, so besteht es im Wesentlichen in nichts Weiterem, als in den in der Glashütte meines Bruders Hans Siemens in Dresden schon vor mehreren Jahren in Anwendung gewesenen, jetzt aber nach verbesserter Form umgebauten Regenerativ-Oefen. Dieß ist der Zeitpunkt, zu welchem Hr. Pütsch den Dienst als Ofen-Ingenieur bei meinem Bruder Werner Siemens verließ, und der Zustand der Vervollkommnung, den das System zu jener Zeit erreicht hatte, bezeichnet denn auch ziemlich genau das jetzige System des Hrn. Pütsch. Diesem einseitigen Standpunkte entsprechen auch sämmtliche übrigen Entwickelungen des Hrn. Pütsch. Da er sich das Regenerativ-Ofensystem nur in einer bestimmten Form denken kann, gleichviel welcher Art die Umstände und Bedingungen sind, unter welchen dasselbe benutzt werden soll, so schließt er auch aus einzelnen ihm zufällig zu Gesicht gekommenen Ofenanordnungen ein für allemal auf meine Construction. Daher ist es auch den Thatsachen durchaus nicht entsprechend, wenn Hr. Pütsch behauptet, daß ich eiserne Gasleitungsrohre, oder wie er sagt, Kühlungsrohre anwende, damit die Ventile nicht verbrennen. Dieß geschieht vielmehr nur in den wenigsten Fällen und unter gewissen Umständen, wodurch eine solche Anordnung vortheilhaft wird, was Hr. Pütsch aber nicht zu verstehen behauptet und ich ihm auch gerne glauben will.

Auch die vollkommene Mischung von Gas und Luft, so wie das beste Mischungsverhältniß dieser Gase, hat von jeher unser Hauptaugenmerk gebildet, und haben in dieser Beziehung außer uns namentlich ausgezeichnete Physiker und Techniker mitgewirkt; ich will nur Professor Faraday und Dr. Percy, sowie die Professoren Scheerer und Heeren nennen.

Allerdings wird mit jeder besonderen Anwendung des Ofensystems eine andere Anordnung der Mischung nöthig, und dieß ist es, was Hr. Pütsch wieder nicht begreifen kann, sonst würde er nicht behaupten können, daß ich diese Hauptbedingungen gänzlich außer Acht lasse. Wenn es so gienge, wie Hr. Pütsch anzunehmen scheint, daß es nur nöthig sey, nach einem vorhandenen Musterofen beliebig viele Oefen nachzubauen, um trotz der veränderten Verhältnisse und Bedingungen gleichmäßig gute Resultate zu erzielen, dann könnten wir die weitere Einführung des Regenerativ-Ofensystems getrost Hrn. Hermann Pütsch überlassen.

Berlin, den 4. Mai 1866.

Friedr. Siemens.

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Seite 127 in diesem Bande.

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