Titel: Der Telegraph und die Fischerei an den norwegischen Küsten.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 180/Miszelle 1 (S. 485–487)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj180/mi180mi06_1

Der Telegraph und die Fischerei an den norwegischen Küsten.

Aus einem vom Hrn. Director Nielsen uns mitgetheilten Circular der norwegischen Telegraphendirection vom 24. Februar 1866 entnehmen wir die folgende interessante Mittheilung über die Ausdehnung der Telegraphen auf die Fischereidistricte an der Nord- und Westküste Norwegens und über die Art und Weise, wie die Telegraphen dort zum Nutzen der Fischerei thätig sind.

Die ausgedehnteste der vom Storthing zur Ausführung genehmigten Telegraphenlinien ist die, welche von Namsos nordwärts zum Anschluß an die schon bestehende Locallinie der Lofoten-Inselgruppe und von da weiter bis zur Stadt Tromsö in der arctischen Region geführt werden soll. Die Ausführung dieser Linie wird unverzüglich begonnen, aber bei den bedeutenden Terrainschwierigkeiten und bei dem Mangel an allen Communicationswegen ist es zweifelhaft, ob die Vollendung früher als in 3 bis 4 Jahren zu erhoffen ist.

Als Leitungen werden für diese Linie Eisendrahtschnüre, aus drei galvanisirten Eisendrähten von je 3 Millimeter Durchmesser zusammengedreht, so daß ihre Gesammtleitungsfähigkeit der eines massiven Drahtes von 5 2/10 Millimeter gleich ist, in Anwendung kommen. Auf den unzugänglichsten Bergen wird dieser Leitung noch ein Stahldraht von 7/10 Millimetern Dicke als Reserveleitung zugefügt werden. Dergleichen Eisendrahtbündel sind bereits seit 18 Monaten auf der Linie zwischen Drontheim und Namsos, auf einer Ausdehnung von 211 Kilometern in Betrieb, und es ist bei denselben bisher noch kein Bruch vorgekommen, noch haben sich andere Uebelstände gezeigt. Zur Vermeidung der Löthstellen in den einzelnen Adern der Schnur hoffen wir, den Drähten sämmtlich die für eine Rolle von 60 bis 70 Kilogr. erforderliche |486| Länge geben zu können. Die Verbindung der Drahtschnüre der verschiedenen Rollen unter einander beabsichtigt man durch die Verbindungsmuffe des Hrn. Inspector Baron herzustellen. Die Drahtschnüre werden von Rylands Brothers zu Warrington, zum Preise von 22 Pfd. Sterl. 12 Sh. 6 Pence per engl. Tonne, franco bis in einen englischen Hafen, geliefert. Um eine wirksame Ueberwachung der Linie auch auf den Strecken zu ermöglichen, wo sie unbewohnte Landstriche durchschneidet, sind die benachbarten Linienaufseher mit dem in der Zeitschrift des deutsch-österreichischen Telegraphenvereins Jahrgang XII, Heft 7 und 8, S. 151 beschriebenen Untersuchungsapparat versehen. Im Interesse der norwegischen Fischerei wird beabsichtigt, die Telegraphenlinien so bald als möglich längs der ganzen norwegischen Küste bis zur russischen Grenze weiter zu führen, wenn schon diese Anlage mit ziemlich bedeutenden Kosten verknüpft ist und obgleich die beabsichtigte Linie nur Länderstrecken durchschneidet, in welchen die Bevölkerung sehr dünn gesäet ist, und deren an sich wenig bedeutende Städte in sehr großen Entfernungen von einander liegen.

Der Telegraph leistet unserer Fischerei schon jetzt sehr wesentliche Dienste und da, so viel wir wissen, seine Benutzung für diese Industrie allein in Norwegen systematisch ausgebildet ist, so dürften einige nähere Mittheilungen über diesen Zweig des Dienstes vielleicht nicht ohne Interesse seyn. Unsere große Fischerei wird längs der ganzen Küste von Stavanger bis zur russischen Grenze auf einer Erstreckung von 1200 Seemeilen (60 auf den Grad des Aequators) betrieben. Der Fang einiger Fischgattungen ist veränderlich, sowohl hinsichtlich der Jahreszeit als auch hinsichtlich der Localität, der Fang anderer dagegen findet regelmäßig zu gewissen Zeiten, wenn auch mit Schwankungen von einigen Wochen und an bestimmten, allerdings periodisch wechselnden Küstenpunkten statt, wobei indeß auch diese Perioden selbst Schwankungen von geringerem Belange zeigen. Unter den regelmäßig wiederkehrenden Fischereien nimmt der Fang des Härings im Winter, wo diese Fische auf ihren Wanderungen an die Küsten kommen um in seichtem Wasser unter dem Schutze der Klippen zu laichen, den ersten Rang ein Diese Fischerei, welche von Mitte Januar oder Anfang Februar bis Mitte März stattfindet, erstreckt sich gegenwärtig auf die Küstenstrecken nördlich von Stavanger bis südlich von der Bucht von Bergen und auf die von Cap Stat (nahe der Telegraphenstation Larsnäs) bis südlich von der Station Floroe. Sie gibt etwa 40,000 Menschen Beschäftigung.

Die Vorzeichen der Ankunft der Häringe, der Häringsschein auch Häringsblick (sildeglimt) genannt, beginnen kurze Zeit vor Beginn des Fischfanges sichtbar zu werden. Man sieht alsdann vom hohen Meere her ungeheure Schaaren von Fischen den Küsten sich nähern, im Munde des Volkes „ein Berg Häringe genannt, gefolgt von Cetaceen und begleitet von einer unzählbaren Wolke von Seevögeln. Eine ambulante Inspection der Fischerei theilt durch den Telegraphen allen interessirten Telegraphenstationen regelmäßige Meldungen mit und läßt dieselben dort durch Anschlag veröffentlichen, um die Fischer fortlaufend über die Ankunft der Fische in Kenntniß zu halten. Fliegende Telegraphenstationen werden bereit gehalten, um sie an jedem beliebigen Punkte der Linie aufzustellen und von dem Augenblicke an, wo der arme Häring beim Eingange der Golfe die submarinen Kabeln passirt hat, werden seine geringsten Bewegungen von beiden Ufern her sorgfältig überwacht. Benachrichtigt durch die Telegraphenstationen, eilen alsbald von allen Seiten die Fischer herbei mit Netzen, Schiffen, Tonnen und Salz, mit ihnen auch Aufkäufer und Händler; alle nehmen ihren Weg zu den Fischereiplätzen. Die Küstenbevölkerung weiß sehr gut die wichtige Rolle zu würdigen, welche der Telegraph in ihrer Industrie spielt und in solchen Fällen, wo der Fang lediglich durch Dazwischenkunft des Telegraphen ermöglicht worden, nennt sie die gefangenen Fische Telegraphenhäringe.

Während der ganzen Dauer des Fischfanges läßt die ambulante Inspection alle Morgen bei den Stationen Bulletins affichiren, welche das Quantum des Fanges, den Preis der Fische, den Weg der Fischgänge und selbst die Farbe des Wassers enthalten, welches allmählich im Umkreise mehrerer Meilen weiß wird und eine milchige Farbe annimmt; dieß bekundet, daß die Abgabe des Laich, mit der Milch der Männchen gemischt, beendet ist: dann macht man sich für neue „Scheine“ und für die Ankunft neuer Fischzüge bereit. Wenn schon die Dauer der ganzen Fischereisaison 2 bis 3 Monate umfaßt, so findet doch der Hauptfang innerhalb eines Zeitraumes von 4 bis 6 Wochen statt, während dessen man in der Woche – mit Ausschluß der Festtage, an welchen; |487| der religiösen Gesinnung des Volkes entsprechend, der Fischfang untersagt ist – 1 bis 200,000 Tonnen (norwegisches Maaß)116) Fische aus dem Meere zieht.

Man sieht aus dieser Darstellung, daß die Dienste, welche der Telegraph der Fischerei leistet, schon jetzt von großer Wichtigkeit sind und wir wagen zu hoffen, daß die projectirte Telegraphenlinie, welche sich bis in die arctischen Regionen erstrecken soll, noch weit bedeutendere Dienste leisten wird; weil die sehr bedeutenden Entfernungen hier noch gebieterischer fordern, daß geeignete Maßregeln getroffen werden, die Fischer und Schiffe sicher und schleunig nach den vortheilhaftesten Punkten zu dirigiren.

Der wichtigste Fischereizweig für das nördliche Norwegen ist der Kabliaufang, welcher, gleichzeitig mit dem Häringsfang, auf den Fischereigründen längs der Küste von Aalesund bis Christiansund bei den Lofotischen Inseln und an den Küsten auf beiden Seiten des Nordcap bis zur russischen Grenze, stattfindet. Auch diese Fischerei beschäftigt ungefähr 40,000 Menschen.

Dieser Kabliaufang, welcher dem von Neufundland würdig an die Seite gestellt werden kann, ist gleichwohl nicht die einzige Fischerei dieser Gegenden. Man könnte vielmehr während des ganzen Jahres daselbst den Fischfang betreiben, namentlich im Herbst, wenn der Fetthäring bald an einem, bald an einem anderen Punkte der weitgestreckten Küste in großen Zügen in die Fjorde eindringt, ohne daß die zerstreut wohnende spärliche Bevölkerung im Stande wäre, von den Reichthümern, welche das Meer birgt, Nutzen zu ziehen; um Zeit und Entfernung zu überwinden, sind der Telegraph und der Dampf unentbehrlich. (Zeitschrift des deutsch-österreichischen Telegraphen-Vereins, 1865, Heft 11 und 12, S. 298.)

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Im Jahre 1866 hat der Häringsfang am 24. Januar begonnen. Nach den offiziellen Nachweisen sind bis zum 24. Februar 720,000 Tonnen (eine Tonne = 115,81 Liter, ein Gewicht von ungefähr 100 Kilogrammen) gefangen worden.

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