Titel: Die Benutzung des Gegendampfes zum Bremsen der Eisenbahnzüge auf starken Gefällen, von Lechatelier und Ricour.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 181/Miszelle 1 (S. 73–74)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj181/mi181mi01_1

Die Benutzung des Gegendampfes zum Bremsen der Eisenbahnzüge auf starken Gefällen, von Lechatelier und Ricour.

Das Reversiren und Gegendampfgeben der Locomotive hat bekanntlich den großen Nachtheil, daß dabei die heiße, trockene und unreine Luft des Rauchkastens in die Cylinder gesaugt wird, wodurch sich diese sammt Kolben und Schieber sehr bald erhitzen und verreiben. Man mußte deßhalb auch bis jetzt auf dieses so wirksame Bremsmittel beim gewöhnlichen Verkehre verzichten und bediente sich desselben nur in der äußersten Noth bei Gefahr im Verzuge.

Es lag nahe, daß im Laufe der Zeit verschiedene Mittel in Vorschlag gebracht und versucht wurden, um die angeführten Nachtheile zu beseitigen; dieselben erzielten jedoch bis zur neuesten Zeit keinen entsprechenden Erfolg.

Um so freudiger begrüßen wir daher die günstigen Resultate, welche so eben mit einem sehr einfachen Mittel erzielt wurden, das Hr. Lechatelier zu Paris in Anwendung brachte.

Derselbe schlug nämlich vor, vom Kessel aus ein besonderes Dampfrohr bis zum Fuße des Ausströmungsrohres der Cylinder zu leiten, um dadurch beim Reversiren ganz einfach Dampf statt unreiner Rauchkastenluft zum Einsaugen zu bringen. Die ersten Versuche wurden so angestellt, daß der Regulator geschlossen blieb und die Dampfeinströmungsrohre Hähne erhielten, die beim Reversiren geöffnet wurden, um dem eingesaugten und beim Rücklaufen des Kolbens comprimirten Dampfe einen freien Ausgang zu verschaffen, ohne ein Aufheben des Regulators und ein Eindringen des Dampfes in den Kessel zu bewirken.

Hr. Oberingenieur Ricour, welcher diese Versuche auf der spanischen Nordbahn vornahm, fand jedoch bald, daß die erwähnten Hähne bei den Einströmungsrohren auch ohne Anstand ganz beseitigt werden können, wenn man den Regulator, wie beim gewöhnlichen Gegendampfgeben, offen läßt, wodurch sich eine Vereinfachung der Vorrichtung ergibt.

Ferner zeigten die Versuche, daß durch die Comprimirung des eingesaugten Dampfes eine den Stopfbüchsen schädliche Hitze erzeugt wurde und Hr. Ricour beseitigte diesen Nachtheil dadurch, daß er eine kleine Quantität Wasser in das Dampfzuleitungsrohr leitete, welches er vom Ablaßröhrchen des Wasserstandzeigers nahm.

Hierdurch wurde die Wärme, welche sich beim Comprimiren des Dampfes bildet, zur Verdampfung des mitgeführten Wassers verwendet und unschädlich gemacht.

Eine auf diese Weise hergerichtete Locomotive der spanischen Nordbahn führte nun im Monate März l. J. die gewöhnlichen Züge auf dem 98 Kilometer (12,91 öfter.

Meilen) langen Gefälle von La-Canada bis Madrid, welches mit 1/128 von 1404,76 Met. Höhe bis auf 640,00 Met. Höhe herabsteigt, thalwärts, ohne daß dabei irgend eine Bremse angezogen worden wäre.

Der Locomotivführer hat mit Benutzung des Gegendampfes allein die Züge stets in der vollen Gewalt gehabt, hat deren Geschwindigkeit nach Belieben vermehrt oder vermindert und sie in den Stationen stets rechtzeitig zum Halt gebracht. Dabei ist kein Bestandtheil der Maschine warm gegangen oder verrieben worden und nichts wurde undicht. Die Cylinder und Schieberkästen, sowie die Kolben- und Schieberstangen waren bei diesen Fahrten mit Gegendampf nicht wärmer geworden, als beim gewöhnlichen Vorwärtsfahren der Locomotive.

Wenn man bedenkt, daß die ganze Vorrichtung bei einer Locomotive nur auf circa 50 Frs. zu stehen kommt, und daß bei deren Verwendung auf langen und starken Gefällen die Handhabung der gewöhnlichen Bremsen ganz unterbleiben kann, so daß hierdurch eine große Schonung der Tyres, der Federn und der Bremsvorrichtungen erzielt wird, so ist man berechtigt, die glückliche Lösung der vortheilhaften Verwendung des Gegendampfes zum Bremsen der Züge, wie sie Lechatelier und Ricour in Ausführung brachten, als einen Fortschritt zu bezeichnen, der besonders den Gebirgsbahnen |74| eine wesentliche Erleichterung des Betriebes gewähren wird. W. Bender. (Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins, 1866 S. 104.)

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