Titel: Die Panzerplatten-Fabrication in Oesterreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 182/Miszelle 8 (S. 74–76)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj182/mi182mi01_7
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Die Panzerplatten-Fabrication in Oesterreich.

Die zweitägige Beschießung der Befestigungen des Hafens in Lissa durch die gesammte italienische Kriegsflotte und der bei dem Entsatze derselben durch die kaiserlich österreichische Flotte unter dem Commando des nunmehrigen Vice-Admirals v. Tegetthoff erfochtene Seesieg wird bei dem Umstande, daß bei diesen Actionen in europäischen Gewässern die ersten Panzerschiffe – und ganze Flotten von Panzerschiffen höheren Ranges selbst auf dem Meere überhaupt zum ersten Male – in Verwendung traten, unzweifelhaft die Aufmerksamkeit der Regierungen und Völker in hohem Grade den mit Eisenpanzern bekleideten Kriegsschiffen zuwenden. Namentlich aber dürften Oesterreichs Bewohner der aus dieser ersten Schlacht zwischen den modernen Seeungeheuern als Siegerin hervorgegangenen kaiserlich österreichischen Flotte erhöhte Aufmerksamkeit widmen, und wir glauben daher einem Wunsche zuvorzukommen, wenn wir über die Panzerplatten-Fabrication in Oesterreich die aus den verläßlichsten Quellen geschöpften thatsächlichen Verhältnisse mittheilen.

Das System gepanzerter Schiffe überhaupt wurde in Oesterreich zuerst im Jahre 1859 im Arsenale zu Venedig mit dem Bau der schwimmenden Batterie „Feuerspeier“ versucht, dessen Bepanzerung zugleich die Veranlassung bot, die Erzeugung von Panzerplatten in Oesterreich einzuführen. Dieses Verdienst erwarb sich das dem Grafen Henckel von Donnersmarck gehörige Eisenwerk „Hugohütte“ zu Zeltweg in Obersteiermark, welches sich gleich damals mit Aufwand bedeutender Anlagekosten diesem schwierigen Zweige zuwandte und in kurzer Zeit bereits in der Lage war, den Panzer für die obengenannte schwimmende Batterie, welcher ohne Befestigungsschrauben circa 6500 Wiener Ctr. wiegt, vollständig zu erzeugen. Hierauf wurde in den Jahren 1860–61 der Bau der zwei Panzerfregatten „Drache“ und „Salamander“ von je 28 Kanonen und mit Maschinen von je 500 Pferdekraft, deren Panzerung pro Schiff circa 9700 Ctr. – ohne Befestigungsmittel – beträgt, ausgeführt. Diese beiden Schiffe wurden auf der Werfte des Hrn. v. Tonello vom Stabilimento tecnico triestino und die Panzerplatten nahezu vollständig vom Gräflich Henckel'schen Eisenwerke in Zeltweg geliefert. Drei weitere Panzerfregatten „Kaiser Max,“ „Prinz Eugen“ und „Don Juan d'Austria“ mit je 34 Kanonen und Maschinen von je 650 Pferdekraft wurden im Jahre 1862 erbaut. Der Bau derselben wurde auf den Werften Tonello's in Trieft ausgeführt und die bezüglichen Maschinen vom Stabilimento tecnico triestino angefertigt. Der größte Theil der Platten zu diesen 3 Schiffen, worunter die am schwierigsten darzustellenden, nach Modellen gebogenen des Vorder- und Hinterschiffes, sowie ausschließlich die keilförmigen Schiffssporne in geschmiedeten Stücken von je 70 Ctr. Gewicht, wurde von dem gräflich Henckel'schen Eisenwerke zu Zeltweg, und der Rest der Panzerplatten vom Eisenwerke zu Storé bei Cilli in Untersteiermark geliefert, welches letztere Werk sich inzwischen ebenfalls zur Erzeugung von Panzerplatten eingerichtet hatte. Im Jahre 1863 begann sodann der Bau von zwei neuen, noch größeren Panzerfregatten von je 34 Kanonen und mit Maschinen von je 800 Pferdekraft und Panzern von je 13,500 Ctrn. Wiener Gewicht, nämlich der Bau der Schiffe „Erzherzog Ferdinand Maximilian“ und „Habsburg,“ welche mit Anfang des laufenden Jahres vollendet wurden. Für diese Schiffe wurden die Maschinen und ein Schiffskörper vom Stabilimento tecnico triestino gebaut und der Bau des anderen Schiffskörpers von dem Etablissement Tonello in Triest ausgeführt. Ferner wurden die Panzerplatten für die Fregatte „Habsburg“ vom Eisenwerke in Storé, jene für die Fregatte „Erzherzog Ferdinand Maximilian,“ sowie die Befestigungsmittel der Panzerplatten für beide Schiffe von dem gräflich Henckel v. Donnersmarck'schen Eisenwerke in Zeltweg bezogen.

Zum Bau aller dieser Schiffe, welcher nach Planen der Schiffsbau-Ingenieure der österreichischen Kriegsmarine ausschließlich auf inländischen Wersten ausgeführt wurde, wurde nur österreichisches Schiffsbauholz, österreichische Arbeitskraft und für die Panzer ein Eisenmaterial verwendet, welches die Erzlager Oesterreichs, und namentlich der Provinzen Steiermark und Kärnthen, in der bekannten vorzüglichen Qualität in unerschöpflicher Menge liefern können.

Und wahrlich, in der Seeschlacht von Lissa hat sich in dem überraschenden Erfolge unserer verhältnißmäßig kleinen Flotte gegen eine viel stärkere Seemacht auch der alte Ruf unseres vorzüglichen Eisens trefflich bewährt. Unzweifelhaft ist für den Krieger |76| eine gute Waffe von hohem Werthe; um so mehr Werth aber muß für die Kriegsmarine ein verläßliches Panzermaterial haben, da dasselbe im neuen Seekriege die Hauptrolle zu spielen bestimmt ist. Wir glauben deßhalb voraussetzen zu dürfen, daß unsere Marineofficiere, die bezüglich der Verläßlichkeit der aus österreichischem Eisen erzeugten Panzerplatten im Vergleiche zu den aus anderen Ländern bezogenen Panzerplatten der feindlichen Flotte in der Seeschlacht von Lissa gewonnenen praktischen Erfahrungen vollständig würdigen werden.

Jedenfalls scheinen uns die Vortheile, welche das Flaggenschiff des österreichischen Admirals, die Panzerfregatte „Erzherzog Ferdinand Maximilian,“ über die feindlichen Panzerschiffe errungen, dafür zu sprechen, daß das gräflich Henckel'sche Eisenwerk, aus dessen Werkstätten der Panzer dieses Schiffes hervorgieng, ein vorzügliches Fabricat geliefert hat, wie dieß auch schon die mit den Panzerplatten für dieses Schiff auf dem Eisenwerke selbst durch Beschießung einzelner Platten vorgenommenen Proben schließen ließen. Wir verweisen in dieser Beziehung auf die Berichte, welche die militärische Zeitschrift über die Schußproben mit den ersten für die Fregatte „Erzherzog Ferdinand Max“ erzeugten Platten gebracht hat. Zufolge dieser Berichte haben die am 8. October, 16. November und 22. December 1863, dann am 23. Februar 1864 stattgefundenen Probebeschießungen dieser Panzerplatten sehr befriedigende Resultate ergeben.

Das Eisenwerk in Zeltweg vermag mittelst seiner Einrichtung jährlich 200,000 Ctr. gefrischten Eisens, das Eisenwerk in Storé aber 70,000 Ctr. solchen Eisens zu erzeugen, welche Erzeugung von 270,000 Ctr. im gegebenen Falle durch Ergänzung der erforderlichen Oefen und mechanischen Hülfsmittel ganz zur Panzerplatten-Fabrication verwendet werden könnte.

Hiermit glauben wir nachgewiesen zu haben, daß Oesterreich zufolge der Erzeugungsfähigkeit der obengenannten Eisenwerke nicht nur seinen Bedarf an Panzerplatten unabhängig vom Auslande aus eigenen Mitteln zu decken vermag, sondern daß auch die genannten österreichischen Eisenwerke allein schon namhafte Mengen dieses Materials für den maritimen Bedarf befreundeter Nationen liefern könnten, wodurch dieselben eine lohnende Verzinsung der für diese Fabrication aufgewendeten großen Capitalien finden würden. (Aus dem Volkswirth.)

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