Titel: Fortschritte beim Bessemern.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 182/Miszelle 7 (S. 170–172)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj182/mi182mi02_7

Fortschritte beim Bessemern.

1) Nach der in der preußischen Zeitschrift Bd. XIII S. 193 mitgetheilten Reisebeschreibung des Hrn. E. André in Königshütte haben die Frischbirnen auf englischen und schottischen Werken im Wesentlichen noch die alte Gestalt, nur ist der scharfe Vorsprung am Halse weggelassen, damit man durch denselben die Formmündungen übersehen kann. Die Birnen fassen 3–10 Tonnen. In Wednesbury hat sich eine geringere Formenzahl am Boden an der Peripherie (8 Stück), nicht in der Mitte, jede mit 9 Löchern, als vollkommen ausreichend bewährt. Die Formen werden nicht mehr in den Boden des Windkastens eingeschraubt, sondern nur eingesteckt und während des Anwärmens durch eiserne Klammern gehalten, welche nach demselben wieder entfernt werden. Die Windabsperrung ist fast überall eine selbstthätige, und die Gebläse sind liegende mit Kautschukringen, statt mit Ventilen. Die Ringe leiden sehr durch die Wärme und das Schmieröl, und sind aus verschiedenen Fabriken von sehr verschiedener Qualität.

Das Kippen der Birne erfolgt meist durch hydraulischen Druck, und auf dem neuesten Werke zu Crewe bei Manchester sind auch die zum Transporte der Formen und Gußblöcke nöthigen Krahne hydraulische. An mehreren Orten hat man den Accumulator gespart und zur Verringerung der Stöße bei plötzlichem Abschluß des Kraftwassers im Accumulator der Glasgower Anlage ein compressibles Luftkissen hergestellt, dessen Größe durch eine neben dem Accumulator stehende kleine Dampfluft-Compressionspumpe einerseits und durch Luftablaßhähne andererseits beliebig regulirt wird.

Die Flammöfen zum Umschmelzen des Roheisens haben eine sehr breite Fuchsbrücke zur Aufnahme der ganzen Charge, welche in den Sandherd hinabschmilzt, der in der Mitte mit geringer Einsenkung gegen die Seitenwand, an der sich der Abstich befindet, sumpfartig vertieft ist. Zur Vermehrung der Oberfläche bogenförmig gekrümmte Rostbalken nehmen in Kerben die Traillen auf. Die älteren Werte sind meist zu enge gebaut; sehr musterhaft ist die geräumige und doch übersichtliche Anlage in Glasgow.

Als Roheisen wendet man an Silicium nicht zu armes, graues, nicht ganz feinkörniges, weiches Cumberländer-Hämatit-Roheisen Nr. 3 oder 2 1/2 der englischen Scala (Nr. 1 ist das schwarze graphitische und Nr. 4 das feinkörnige, dem halbirten sich annähernde Roheisen) an, welches 4,50 Si, 3,30 Graphit, 0,08 chemisch gebundene |171| Kohle, 0,04 Phosphor, 0,09 Schwefel und 0,57 Mangan enthält. Dieses Eisen erreicht die zum Bessemern zulässige Maximalgrenze im Schwefel- und Siliciumgehalt; die Minimalgrenze des letzteren dürfte bei 1,5 bis 2 Proc. seyn. Der Phosphorgehalt bleibt weit unter der zulässigen Maximalgrenze, welche von Bessemer zu 0,2 Procent angegeben, zu Hörde aber 0,06 Proc. gefunden ist. Siegener Spiegeleisen dient überall als Zusatzeisen.

Als feuerfestes Futter für die Birnen verwendet man noch überall Ganister von Sheffield; der Hals der Birne wird mit Ziegeln ausgemauert.

Der Stopfen der Gußkessel aus gebranntem feuerfesten Thon befindet sich an einer mit Thon umhüllten Eisenstange und paßt in eine Oeffnung am Boden, welche mit gebranntem Thon ausgefüttert ist. Frischer Thon, der nur angewärmt wird, hält sich nicht.

Nachdem der Verfasser von den Apparaten und Materialien geredet, geht derselbe zu dem Betrieb (Vorarbeiten, Verblasen, Gießen, Nacharbeiten) über und bespricht schließlich die Verarbeitung des Bessemerstahls, nämlich das Vorhämmern und Fertigmachen (Fertighämmern und Walzen zu Schienen, Bandagen und Blechen).

Beim Verblasen wird empfohlen, das Anwärmen der Birne statt durch Kohks durch Gas nach Art des Frischgefäßes beim Parry'schen Proceß zu Ebbw Vale vorzunehmen. Ein auf Rädern laufender kleiner Generator von 6–7 Fuß Höhe und 2 1/2 Fuß Durchmesser liefert das Gas, welches mittelst mehrerer oder einer Düse kurz vor dem Eintritt in das Gefäß verbrannt wird. Man vermeidet dabei die Nasenbildung durch die Kohksasche.

Von größter Wichtigkeit für die Güte des sehr zum Steigen geneigten, ohnehin nie blasenfreien Stahls ist der schnelle und dichte Verschluß der Gußformen durch einen Blechdeckel, darauf Formsand, dann eine 1 Zoll dicke Eisenplatte, welche festgekeilt wird. Durch ein schnelles Gießen vermeidet man auch bei genügender Vorwärmung des Gußkessels die nur als Abfälle zu betrachtenden Stahlschalen. Ein zu schnelles Gießen läßt den im Stahl mechanisch eingeschlossenen oder sich noch entwickelnden Gasen nicht Zeit zu entweichen. Am besten füllt man die Formen schnell bis zur Hälfte mit vollem Strahl und mäßigt dann letzteren. Das Gießen mit aufsteigendem Strom hat sich nicht bewährt.

Die jährliche Gesammtproduction an rohen Stahleingüssen beträgt in England an 630,000 Ctr. engl.

Abgesehen von den gehämmerten Maschinentheilen, wozu der Bessemerstahl ganz vorzüglich ist, beruht dessen Zukunft hauptsächlich auf seiner Verwendbarkeit zu Schienen und Bandagen. Zu feineren Arbeiten ist derselbe nur unter besonders günstigen Verhältnissen geeignet.

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2) Bergingenieur Castel beschreibt in den Annales des mines, 4. livr. de 1865, p. 149 das Bessemerstahlwerk zu Graz in Steiermark, welches mit zwei gewöhnlichen Frischbirnen arbeitet bei Chargen von 2,75 Tonnen grauen und 275 Kil. Spiegeleisens, die im Flammofen eingeschmolzen werden. Während einer Chargendauer von 17 Minuten verbraucht man 25 Kubikmeter Wind bei 13,8 Proc. Abgang. Auf 100 Thle. Roheisen gehen zum Umschmelzen 182,7 Thle. Lignit und zum Abwärmen der Birnen u.s.w. 275 Kilgr. Kohks und 35 Kilgr. Holzkohle per Charge. Die ganze Anlage hat 139,620 Frcs. gekostet.

Die angewandten grauen Roheisensorten von Mariazell und Turrach und das Spiegeleisen von Fridau haben nachstehende Zusammensetzung:

Mariazell. Turrach. Fridau.
Eisen 93,60 93,97 95,63
chemisch gebundener Kohlenstoff 0,21 0,15 3,62
Graphit 3,52 3,10 0,17
Silicium 2,27 1,23 0,24
Mangan 0,26 Spr. 0,29
Schwefel 0,14 0,18 0,09
Phosphor 0,01 0,03 0,01
Kupfer 0,10 0,07 0,11
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100,11 98,74 100,06
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Eine Probe des daraus dargestellten Stahles enthielt:

Eisen 98,57
chemisch gebundener Kohlenstoff 0,38
Graphit 0,65
Silicium 0,05
Mangan 0,07
Schwefel 0,05
Phosphor Spr.
Kupfer 0,08
–––––
99,85.

(Berg- und hüttenmännische Zeitung.)

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