Titel: Ueber die natürliche Entstehung und die künstliche Erzeugung des Diamantes.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 182/Miszelle 13 (S. 349–350)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj182/mi182mi04_13

Ueber die natürliche Entstehung und die künstliche Erzeugung des Diamantes.

In einer ausführlichen Abhandlung über den Zusammenhang der Steinölquellen mit den Lagerstätten bituminöser Mineralien, deren erste Theile bereits i. J. 1863 der französischen Akademie vorgelegt wurden, sucht E. B. de Chancourtois (Comptes rendus, t. LXXIII p. 22; Juli 1866) nachzuweisen, daß der Diamant ein Product der Emanation von Kohlenwasserstoffen ist, ebenso wie der Schwefel von der Emanation von Schwefelwasserstoffgas herrührt. Der krystallinische Schwefel der Solfataren ist bekanntlich das Product einer unvollständigen Oxydation des durch Spalten oder durch spongiöse Tuffgebilde mit der atmosphärischen oder der in Tagewässern enthaltenen Luft in Berührung kommenden Schwefelwasserstoffes, eines Vorganges bei welchem der ganze Wasserstoff sich oxydirt, wohingegen bei demjenigen Stadium des Phänomens, welches man als nasse Verbrennung bezeichnen kann, nur ein Theil des Schwefels sich in schweflige Säure verwandelt, der Rest aber sich mehr oder weniger vollständig krystallisirt absetzt. Nach des Verfassers Ansicht hat sich nun der Kohlenstoff des Diamantes bei der nassen Verbrennung eines Kohlenwasserstoffes oder Hydrocarbürs aus dieselbe Weise abgeschieden, indem der ganze Wasserstoffgehalt desselben sich oxydirte, während nur ein Theil des Kohlenstoffes zu Kohlensäure umgewandelt wurde.

Ohne auf de Chancourtois' Theorie – die übrigens so wenig den glaubhaftesten Ansichten über die ursprüngliche Lagerstätte des Diamantes, als den neuen Entdeckungen von Spuren pflanzlicher Gebilde im Inneren dieses Minerals entspricht – hier näher eingehen zu können, theilen wir die Andeutungen des Verf. bezüglich der Art und Weise mit, auf welche die künstliche Darstellung von Diamant mit Aussicht auf Erfolg zu versuchen wäre.

„Die künstliche Darstellung des Diamantes, sagt de Chancourtois a. a. O., ist Gegenstand vielfacher Bemühungen gewesen; doch weiß ich nicht, ob sie auch schon auf dem durch meine geologische Analyse angedeuteten Wege versucht worden ist. Das Programm dieses Versuches scheint mir sehr einfach zu seyn: man unterwirft einen sehr langsamen Strom von Kohlenwasserstoffgas oder von Hydrocarbürdampf, mit Wasserdampf gemischt, in einer Sandmasse, welche eine ganz geringe Menge einer fäulnißfähigen Substanz, z.B. ein wenig Mehl, enthält, einer ganz langsam und mild vor sich gehenden Oxydation. Eine weitere Entwickelung dieser experimentellen Andeutungen würde mich, wie ich fürchte, über meine Sphäre als Geolog hinausführen, wogegen ich den praktischen Zwecken meines speciellen Faches besser zu entsprechen glaube, wenn ich auf die Möglichkeit einer neuen, allerdings künstlich geschaffenen Art von Diamantenlagerstätte aufmerksam mache. Zeigen nicht die Risse und undichten Stellen der Leitungsröhren für Leuchtgas bedeutende Analogien mit den natürlichen Quellen von Kohlenwasserstoffgasen oder Kohlenwasserstoffdämpfen, und wäre es nicht möglich, daß schon in jener schwarzen Erde, welche täglich aus dem Boden unserer Straßen ausgegraben wird, eine künstliche Erzeugung von Diamant stattfinden könnte? Man hätte wenigstens einige Aussicht, dort ein nutzbares Product, nämlich kohlenartiges Diamantpulver, zu finden, eine Substanz, die einem hervorragenden Bedürfnisse unserer Zeit – Alles schleifen, Alles poliren zu können. – entsprechen würde.“

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Auf Veranlassung der Mittheilung von de Chancourtois, von welcher wir im Vorstehenden einen Auszug gaben, bemerkt Lionnet (Comptes rendus, t. LXIII p. 213; Juli 1866), daß er über denselben Gegenstand bereits 1846 und 1847 Versuche angestellt habe, die ihm inzwischen aus dem Gedächtnisse entschwunden und erst jetzt wieder in Erinnerung gekommen seyen. Sein Verfahren zur künstlichen Erzeugung von krystallisirtem Kohlenstoff ist das folgende: Man nimmt ein langes dünnes Gold-, oder besser noch Platinblech, und rollt ein langes Stück dünnes Zinnblech schneckenförmig in solcher Weise darüber, daß die Fläche des Zinns der frei und unbedeckt gebliebenen Fläche des Platins beinahe gleich ist. Das auf diese Weise vorgerichtete spiralförmige Plattenpaar taucht man in ein Bad von Schwefelkohlenstoff; es entsteht ein schwacher galvanischer Strom und durch denselben wird die Flüssigkeit zersetzt; der Schwefel verbindet sich mit dem Zinn und der Kohlenstoff bildet Krystalle, welche sich am Boden des Gefäßes absetzen. Große Langsamkeit des Stromes scheint nothwendig zu seyn, damit der Kohlenstoff in krystallinischer Form, und nicht in amorphem Zustand sich abscheidet; nach der Meinung des Verf. findet die Bildung der in der Natur vorkommenden Diamantkrystalle in derselben Weise statt.

(Wir erinnern hier daran, daß Professor Dr. Göppert zu Breslau sich seit längerer Zeit mit dem Diamant und dessen Entstehung beschäftigt und im Jahre 1864 ein höchst interessantes Schriftchen unter dem Titel: „über die organische Natur des Diamanten“ veröffentlicht hat. In dieser Schrift78) wird ausführlich dargethan, daß der Diamant durchaus nicht Product einer plutonischen Thätigkeit seyn könne; sobald man das Mineral einer starken Hitze aussetze, werde es schwarz. Dann entwickelt G. seine Gründe für die Hypothese eines neptunischen Ursprunges des Diamanten; derselbe müsse sich sogar in einem gewissen Stadium in einem weichen Zustande befunden haben, da nicht nur einzelne seiner Krystalle auf ihrer Oberfläche Eindrücke von Sandkörnern und anderen Krystallen zeigen, sondern auch, wie viele Krystalle anderer Mineralien, gewisse fremde Körper in sich schließen, z.B. Keime von Pilzen, sogar pflanzliche Fasern von höher ausgebildeten Organismen u.a.m. – Nach Göppert's Schlußfolgerungen – welche übrigens die Ansichten von Newton, Brewster und Liebig über diesen Gegenstand bestätigen und ergänzen – sind die Diamanten Endproduct einer chronischen Zersetzung pflanzlicher Stoffe. H.)

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Im Auszug mitgetheilt im polytechn. Journal Bd. CLXXII S. 466.

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