Titel: Die Bedeutung der Kieselerde in der Pflanzenernährung; von Professor Dr. August Vogel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1866, Band 182/Miszelle 11 (S. 431–432)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj182/mi182mi05_11

Die Bedeutung der Kieselerde in der Pflanzenernährung; von Professor Dr. August Vogel.

Die Thatsache, daß die Kieselerde am reichlichsten an der Peripherie der Vegetabilien, in dem Oberhäutchen der Gräser und Wasserpflanzen angetroffen wird, hat früher zu der sonderbaren Ansicht Veranlassung gegeben, daß die Kieselerde ein dem vegetabilen Leben fremder und selbst schädlicher Körper sey, welchen die Pflanze zu entfernen sucht und gleichsam wie ein Excret an der äußersten Oberfläche anzuhäufen bestrebt seyn muß. Durch die umfassenden Forschungen auf dem Gebiete der Agriculturchemie, auf dem von Liebig, ihrem genialen Gründer, angebahnten Wege, haben wir über das Verhältniß der unorganischen Bestandtheile des Bodens zur Pflanze, besonders zur Culturpflanze, eine ganz andere Anschauung gewonnen, und wir wissen jetzt recht wohl, daß auch die Kieselerde nicht als ein durch den Vegetationsproceß auszuscheidender Stoff, sondern als ein wichtiger Nährstoff zu betrachten ist, ja daß große Gruppen der Culturpflanzen ohne diesen ihre Constitution charakterisirenden Bestandtheil gar nicht existiren können. Wenn dessenungeachtet der Kieselerde im landwirthschaftlichen Betriebe bisher die verhältnißmäßig geringste Berücksichtigung zu Theil geworden ist, so rührt dieß offenbar daher, daß sie allerdings in den meisten Bodenarten im Ueberfluß vorhanden ist. Bei weitem der größte Theil der in der Natur vorkommenden Kieselerde gehört aber der krystallisirten Modification an, welche in Wasser und Säuren nahezu vollkommen unlöslich ist; um aber von der Pflanze aufgenommen zu werden, muß sich die Kieselerde in einem Zustande befinden, in welchem sie der Pflanze zugeführt werden kann. Für die Landwirthschaft mußte es somit als eine Aufgabe von großer Bedeutung erscheinen, die unlösliche Kieselerde in eine zur Aufnahme durch die Vegetabilien geeignete Form überzuführen, d.h. die in der Natur vorkommenden verhältnißmäßig geringen Mengen der löslichen Kieselerde-Modification wesentlich zu vermehren. Ich sage absichtlich „vermehren,“ denn es wäre in der That ein großer Irrthum, wollte man den natürlichen Gehalt an löslicher Kieselerde zu gering anschlagen.

Abstrahirt man ganz von einigen Edelsteinen, dem Kieselsande der Lüneburger Haide, dem Kieselconglomerate im bayerischen Walde u.a., welche die Kieselerde vorzugsweise im amorphen Zustande enthalten, so darf doch nicht unberücksichtigt bleiben, daß eine jede Bodenart, eine jede Acker- oder Gartenerde, wenn sie überhaupt Kieselerde als Bestandtheil mit sich führt, neben der unlöslichen Kieselerde immer, obschon weit geringere Mengen – bisweilen nur Spuren – der amorphen Kieselerde-Modification enthält. Behandelt man eine Ackererde mit kochendem Wasser und raucht die filtrirte Flüssigkeit bis zur Trockne ab, so erhält man einen meistens bräunlich gefärbten Rückstand. In demselben läßt sich stets Kieselerde, bisweilen allerdings nur in Spuren, auf das Deutlichste nachweisen. Offenbar ist ursprünglich schon in der Ackererde und zwar in allen Sorten derselben, die ich bisher in der angegebenen Weise zu prüfen Gelegenheit hatte, in Wasser lösliche Kieselerde vorhanden. Daß in dem Stalldünger nicht unbeträchtliche Mengen löslicher Kieselerde vorhanden sind, ist eine bekannte Thatsache. Hierzu kommt noch der Kieselgehalt des Quell-, Brunnen- und Flußwassers, wodurch den Pflanzen ebenfalls Kieselerde in löslicher Form geboten wird.

Durch Beobachtungen im kleineren und größeren Maaßstabe habe ich zu zeigen |432| versucht,90) daß es für die Vegetation entschieden vortheilhaft ist, wenn sich im Boden von vornherein reichlich amorphe Kieselerde befindet oder demselben durch Dünger zugeführt werde. Der Vortheil liegt darin, daß die Umwandlung der krystallisirten in die amorphe Modification der Kieselerde, welche als erster Vorgang der erwachenden Vegetation auftritt, erspart wird, indem die amorphe und gelöste Kieselerde, sogleich von der Ackerkrume absorbirt unmittelbar der Pflanze zur Nahrung dient. Die Hauptresultate lassen sich in folgenden Punkten zusammenfassen: Die Asche der mit amorpher Kieselerde gedüngten Pflanzen enthält etwas mehr Kieselerde als die Asche der mit krystallisirter Kieselerde gedüngten. Der Ertrag einer uncultivirten Wiese wird durch Düngung mit amorpher Kieselerde in höherem Maaße als durch Düngen mit krystallisirter Kieselerde vermehrt. Geringer ist der Einfluß der Kieseldüngungen auf den Ertrag einer vollkommen cultivirten Wiese. Der durch ausschließliche Kieseldüngung erzielte Mehrertrag einer natürlichen Wiese erreicht den Erntenertrag einer vollkommen cultivirten Wiese niemals. Der durch Kieseldüngung erzeugte Mehrertrag der Cerealien bezieht sich nur auf die Strohernte, nicht auf die Körnerernte. Endlich ist noch beobachtet worden, daß durch eine reichliche Düngung mit Kieselerde die Tenacität des auf solchem Boden gezogenen Haferstrohes erhöht werde. Ob die Differenzen indeß groß genug sind, um einer solchen Strohsorte vor einer anderen einem kieselarmen Boden entnommenen in technischer Beziehung, z.B. zur Papierfabrication, den Vorzug zu geben, muß selbstverständlich weiteren Versuchen zu beurtheilen überlassen bleiben. (Deutsche Gewerbezeitung, 1866, Nr. 46.)

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A. Vogel, die Aufnahme der Kieselerde durch Vegetabilien. Von der königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin gekrönte Preisschrift. München 1866.

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